Kult-Trio Bidla Buh hört auf - jetzt kommt es ein letztes Mal nach Steinau
Nach 28 Jahren sagt das Hamburger Musik-Comedy-Trio Bidla Buh der Bühne Lebewohl. Am 7. November gastiert die Gruppe ein letztes Mal in Steinau. Hans Torge Bollert spricht über den Abschied, Publikumsnähe, acht Trompeten und mögliche Tränen.
Herr Bollert, Bidla Buh hört nach 28 Jahren auf. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für den Abschied?
Da kommen natürlich viele Dinge zusammen. Im Endeffekt war für uns wichtig, selbst zu entscheiden, wann Schluss ist. Der Impuls dazu kam hauptsächlich von mir. Ich finde, man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist und noch richtig gut funktioniert. Und das tut es ja: Wir haben bis Silvester noch sehr viele Konzerte und hauen noch einmal richtig auf die Pauke. Gleichzeitig ist dieser Beruf sehr anstrengend. Wir sind in ganz Deutschland unterwegs, fahren selbst mit dem Auto, bauen auf und ab und verbringen viele Stunden auf der Autobahn. Das ist auch körperlich fordernd. Deshalb wollte ich den Zeitpunkt selbst bestimmen - solange wir gesund sind und alles gut läuft. Natürlich ist das schmerzhaft. Aber nun können wir schauen, welche anderen, vielleicht kleineren Projekte jeder von uns künftig verfolgt.
Wie haben Ihre beiden Kollegen auf die Entscheidung reagiert?
Wir haben alle drei gespürt, dass ein Punkt erreicht ist. Fast 28 Jahre lang hat das sehr gut funktioniert. Wir haben uns gut verstanden, hatten eine gute Zeit miteinander, waren erfolgreich und haben gemeinsam etwas entwickelt, das ein echtes Alleinstellungsmerkmal hat. Aber Menschen verändern sich. Wir haben uns persönlich verändert, Beziehungen zueinander verändern sich, auch der Musikgeschmack verändert sich. Da kamen viele Dinge zusammen.
Fühlt sich diese letzte Tour bereits wie ein Abschied an - oder verdrängt man das, solange noch der nächste Auftritt im Kalender steht?
Ich bemühe mich tatsächlich, schon jetzt bei jedem Konzert ein kleines bisschen Abschied zu nehmen. Wir wissen: Hier sind wir zum letzten Mal, dort verabschieden wir uns von Veranstaltern, mit denen wir lange zusammengearbeitet haben. Wir bekommen sehr viele liebe Nachrichten, Briefe, Mails und WhatsApp-Nachrichten. Das ist schön. Beim allerletzten Konzert möchte ich trotzdem professionell bleiben. Die Leute bezahlen Eintritt und sollen eine tolle Show bekommen. Da geht es nicht um meine persönlichen melancholischen Zustände. Aber natürlich merkt man: Der Abschied kommt näher.
Am 7. November kommen Sie noch einmal nach Steinau. Was verbinden Sie mit den Auftritten dort?
Ich mag solche Orte sehr. Ich komme selbst vom Dorf und schätze diese Kulturvereine und Kulturkreise. Die Menschen dort sind sehr engagiert. Für die deutsche Kleinkunstszene sind solche Initiativen existenziell. Von Steinau selbst sehe ich bei unseren Besuchen natürlich nicht viel - wir kommen an, bauen auf und spielen. Aber ich kenne die Leute dort als eine nette, engagierte Truppe. Solche Veranstalter sind die Basis der Kleinkunst. Und ich spiele persönlich besonders gern dort, wo man ganz nah an den Menschen ist und ihnen beim Spielen in die Augen schauen kann.
Wenn man an Bidla Buh denkt, gehören Frack, ungewöhnliche Instrumente und die Rollen der drei ungleichen "Brüder" sofort dazu. Wie viel davon sind tatsächlich Sie selbst?
Unser Schlagzeuger spielt sehr konsequent eine Rolle: den schlecht gelaunten kleinen Bruder. Der lacht den ganzen Abend nicht. Der Gitarrist ist eher der etwas vernünftigere große Bruder. Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich mich auf der Bühne gar nicht besonders verstelle. Ich bin der gut gelaunte Mittlere, die Rampensau. Allerdings bedeutet das auch: Die Rampensau muss immer gut gelaunt und spritzig sein. Vor jedem Konzert muss ich mich in diese Stimmung bringen - auch dann, wenn ich privat vielleicht gerade nicht besonders gute Laune habe. Das ist durchaus Arbeit. Man muss auf seinen Körper achten, auf Ernährung und Kondition. Es ist eben auch ein Handwerk.
Nach fast drei Jahrzehnten kennen Sie sich auf der Bühne vermutlich beinahe blind. Können Sie sich trotzdem noch überraschen?
Wir sind so stark aufeinander eingespielt, dass wir schon die kleinsten Veränderungen wahrnehmen. Wenn einer nur ein bisschen anders spielt als sonst, merken die anderen das sofort. Insofern gibt es schnell Überraschungen. Eine Show ist für uns wie ein großes Mosaik oder Puzzle. Natürlich ist vieles festgelegt. Aber wenn einer einmal keinen guten Abend hat, können die anderen beiden das auffangen. Man braucht auch ein bisschen Mut zur Lücke. Ich habe als Moderator etwas mehr Freiheit und kann stärker auf das Publikum eingehen.
Wie wichtig ist Ihnen diese direkte Reaktion des Publikums?
Sehr wichtig. Der erste Impuls ist für mich immer, eine Verbindung zu den Menschen im Zuschauerraum herzustellen. Genau das interessiert mich: die Verbindung zwischen Menschen. Die Musik und die Show sind dafür eigentlich eine Art Transportmittel.
Hat sich Ihr Humor in diesen 28 Jahren verändert?
Auf jeden Fall. Wir haben zum Beispiel mit Liedern von Georg Kreisler angefangen. Das war ein sehr zynischer, sarkastischer Humor. So etwas funktioniert heute nur noch bedingt. Ich glaube, dass sich bei uns mit der Zeit ein authentischerer, auch norddeutscher Humor entwickelt hat. Wir sind ohnehin nie in diesem klassischen Comedy-Fach gewesen. Die Musik ist eine unserer großen Botschaften. Komik entsteht bei uns oft durch Ansagen, Blicke oder Situationen auf der Bühne. Mit den Jahren bekommt man natürlich auch ein besseres Gefühl dafür, was funktioniert und was man heute vielleicht nicht mehr machen würde.
Der ständige Instrumentenwechsel ist eines Ihrer Markenzeichen. Gibt es ein Instrument oder eine Nummer, die Sie besonders vermissen werden?
Ich habe eine Nummer mit acht Trompeten. Die werde ich auf jeden Fall vermissen. Und unser Blasebalg-Fitness-Orchester natürlich: drei Blasebälge, die über Schläuche mit Melodicas verbunden sind. Solche Sachen kann man später nicht einfach mit irgendwelchen anderen Leuten genauso weitermachen.
Gab es in all den Jahren einen Abend, an dem Sie dachten: Das geht heute völlig schief?
Wir hatten auf Tour mehrfach Motorschäden. Zweimal hatten wir mit unserem Bus einen kompletten Motorschaden, einmal mitten im Schwarzwald. Das waren schon spannende Situationen. Interessant ist aber auch etwas anderes: Manchmal hatten wir selbst das Gefühl, einen wirklich schlechten Abend gespielt zu haben - und waren fast enttäuscht, dass das Publikum es gar nicht gemerkt hat. Nach so vielen Jahren ist das Niveau offenbar selbst an einem schlechten Tag noch so, dass man vieles auffangen kann. Einmal war meine Stimme bei einem Auftritt 2024 in Luxemburg fast weg. Da mussten wir in der Pause das Programm umstellen und Stücke kürzen. Irgendwie haben wir es trotzdem durchbekommen.
Sie bezeichnen die Abschiedstour auch als Dankeschön an Ihr Publikum. Was haben Sie von diesem Publikum über all die Jahre zurückbekommen?
Resonanz, Liebe und Zuwendung. Jeder Künstler genießt Anerkennung, Respekt und Wertschätzung für etwas, mit dem er sich lange beschäftigt hat. Mir geht es dabei gar nicht unbedingt um das ganz große Gejubel. Was mich besonders freut, ist, wenn Menschen hinterher sagen: Mir ging es vorher eigentlich nicht so gut, aber jetzt hatte ich zweieinhalb Stunden lang eine richtig schöne Zeit. Wenn man jemandem wirklich eine Freude bereiten kann, ist das etwas Besonderes - gerade in diesen merkwürdigen Zeiten.
Was ist schwieriger: gemeinsam eine Gruppe zu gründen oder sie nach 28 Jahren gemeinsam zu beenden?
Das ist schwer zu beantworten. Interessant ist: In meinem heutigen Alter würde ich eine solche Gruppe wahrscheinlich gar nicht mehr gründen. Wenn man jung ist, ist man mutig und macht einfach. Diese junge Energie und Spontaneität finde ich großartig. Wenn man älter wird, denkt und analysiert man vieles stärker. Deshalb ist so ein Abschied natürlich sehr durchdacht. Ich habe meinen Kollegen meinen Entschluss ungefähr drei Jahre vorher angekündigt. Mir war wichtig, dass sie genügend Zeit haben, sich neu zu orientieren. Einfach ist wahrscheinlich beides nicht.
Ist mit dem Ende von Bidla Buh für Sie auch Schluss mit der Bühne?
Nein, Ideen gibt es schon. Ich werde wahrscheinlich solistisch ein bisschen ausprobieren und kann mir auch Arbeit als Chorleiter oder Gesangscoach vorstellen. Vielleicht mache ich aber auch noch einmal ganz andere Dinge. Auch meine Kollegen bleiben der Musik verbunden. Unser Schlagzeuger hat unter anderem ein Schlagzeugensemble und ist Professor in Rostock, unser Gitarrist arbeitet mit Big Bands und als Gitarrenlehrer. Wir bleiben alle Musiker. Musiker ist man ja nicht nur, solange man mit einer bestimmten Gruppe auf der Bühne steht.
Der Tourplan nennt Silvester in Hamburg als allerletzten Bidla-Buh-Auftritt. Was wird Ihnen durch den Kopf gehen, wenn dort der letzte Ton verklungen ist?
Ich bin da eher Pragmatiker. Ich möchte auf der Bühne nicht in große Melancholie verfallen. Die eine oder andere Träne wird danach sicherlich fließen - aber möglichst nicht während der Show. Bis zum Schluss möchte ich Profi sein. Es ist für mich auch nicht nur ein Verzicht. Es ist eher ein Loslassen. Man lässt die Gruppe als solche los, und dann war's das. Es war eine sehr schöne Zeit, für die man sich bedankt. Das Wort "Danke" steht bei uns ganz oben.
Wenn Sie dem Steinauer Publikum vor Ihrem letzten Auftritt dort einen Satz zurufen dürften - welcher wäre das?
Bleibt so, wie ihr seid.
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