Um drei Uhr nachts geht es los: Zustellerin im Landkreis Cuxhaven begleitet
Seit 18 Jahren ist Astrid Fürst nachts im Landkreis Cuxhaven unterwegs. Während andere schlafen, kämpft sie gegen Kälte und Dunkelheit und sorgt dafür, dass die Zeitung pünktlich ankommt. Wir haben sie auf einer ihrer Touren begleitet.
Nachts um drei Uhr stehe ich auf dem Edeka-Parkplatz in Otterndorf. Es ist eisig kalt, dunkel und keine Menschenseele ist zu sehen. Ein Schild an einem Haus quietscht im Wind, es wirkt beinahe gespenstisch. Selbst beim Bäcker ist es noch dunkel. Bereits kurz vor zwei Uhr bin ich aufgestanden, geschlafen habe ich maximal vier Stunden. Auf dem Weg nach Otterndorf sind mir nicht mal eine Handvoll Autos begegnet. Kurz nach drei Uhr kommt Astrid Fürst mit dem Auto angefahren und sammelt mich ein. Die Zustellerin wirkt auf mich topfit - und das um diese Uhrzeit.
Sie ist bereits seit halb drei unterwegs. Sie kennt die Routen. Seit 18 Jahren ist sie für die HZV (Hadler Zeitungsvertriebsgesellschaft) im Landkreis unterwegs. "Früher war ich bei der Citipost. Da hat sich das eingependelt, dass ich auch die Zeitung immer mehr mitgenommen habe", erinnert sie sich. Seit drei Jahren fährt sie nun als Springerin die Zeitungen aus. "Ich muss überall hin, wo jemand ausfällt", erklärt sie. Neben den Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung landen auch vereinzelt die Bild-Zeitung, die Welt und die Süddeutsche Zeitung mit in den Briefkästen. Auf zusätzlichen Fahrten verteilt sie ebenfalls den Elbe-Weser-Kurier.

"Nachts ist nichts los, das ist super", findet die Zustellerin. Ihr wichtigstes Utensil zu der Uhrzeit: ihre Taschenlampe. In einer Straße erzählt sie, dass eine Kollegin hier einmal grüne Augen im Dunkeln gesehen habe. "Sie ist sich sicher, dass das ein Wolf war. Seitdem sind hier nachts die Straßenlaternen an." Sie selbst habe viermal einen Wolf gesehen. Aus Otterndorf fahren wir weiter nach Neuhaus. Vor allem die Strecken zwischen den Orten würden Zeit kosten, erklärt sie. Eine Anzeige im Auto zeigt minus fünf Grad. Handschuhe trägt die 62-Jährige nicht. "Mit Handschuhen kann man die Zeitungen nicht richtig packen", meint sie, als ich sie danach frage.
"Ich muss überall hin, wo jemand ausfällt"
Astrid Fürst ist gebürtige Otterndorferin, für 16 Jahre hat es sie nach Bayern verschlagen. "Meine Mutter hatte dort damals eine Gastwirtschaft und die suchten jemanden. Ich war gerade arbeitslos und sagte, dass ich mal vorbeikomme." Als sie wieder zurück in die Region kam, landete sie eher zufällig bei der HZV. Von zwei bis acht Touren im Land Hadeln sowie in Cuxhaven kann alles dabei sein. "Ich habe keine feste Tour, die ich immer fahre." Die Touren wechseln zumeist wöchentlich, aber auch von einem Tag auf den nächsten sei alles möglich. Es gibt zwei Springer für Cuxhaven und zwei für Land Hadeln. "Es ist noch nie vorgekommen, dass ich mal nicht eingesetzt wurde", berichtet sie.

Sechs Mal pro Woche startet sie zwischen zwei und drei Uhr nachts in den Tag. "Ich habe das noch so drin, dass um sieben Uhr die Zeitung da sein muss." Durch vermehrte Ausfälle klappt das aber nicht immer, manchmal sei die Zeitung dann erst um neun Uhr bei den Abonnenten. Ab halb sechs sehen wir mehr Autos, die auf den Straßen unterwegs sind. Auch ein Streufahrzeug begegnet uns - vereinzelt glitzert der Frost auf der Straße. "Minus 15 Grad war das Kälteste, was ich mal mitgemacht habe. Am besten hat man da dann einen Tee dabei." Doch zu viel Trinken kann, besonders für Frauen, problematisch werden - Toiletten gibt es unterwegs nicht. "Manchmal hat man Glück, dass man jemanden kennt und da mal kurz fragen kann."
Regen, Schnee und Glätte sind nicht ideal
Als der Schnee in der Nacht zum Freitag (9. Januar) losging, war Fürst noch unterwegs. "Ich war in Kehdingbruch und du hast wirklich nichts mehr gesehen. Das war eine Katastrophe", erinnert sie sich. Am Sonnabend wurde aufgrund der hinzukommenden Glätte keine Zeitung zugestellt.

"Wenn es nicht regnet, nicht schneit und wenn es nicht glatt ist", beschreibt Fürst die idealen Bedingungen für ihren Job. "Jetzt kommt bald wieder das schöne Wetter: wenn es morgens hell wird und die Vögel zwitschern. Das ist richtig idyllisch", sagt sie.
"Wenn ich Glück habe, dann habe ich um zehn Uhr Feierabend." Sie fahre auch Kästen für den Elbe-Weser-Kurier aus oder bringe Austrägern eine Karre oder Tasche vorbei. "Früher haben wir auch noch Zeitungen nachgeliefert. Das machen wir nicht mehr, da sich das nicht mehr rentiert."

Die Zeitungen bekommt sie jeden Morgen von einem Fahrer aus Bremerhaven nach Hause geliefert. Es kam auch schon vor, dass die Lieferung nicht pünktlich eintraf, beispielsweise weil es Probleme beim Druck gab. "Da kamen die Zeitungen dann erst um vier oder fünf Uhr bei mir an. Die Zeit hängt dann bei mir natürlich hinten dran, das ist nicht schön", berichtet die Otterndorferin. So eine Situation führt auch zu Einsätzen der Springer. "Manche Fahrer haben noch einen weiteren Job, die können dann nicht auf die Zeitung warten."
Nächstes Jahr will Astrid Fürst dann, nach 19 Jahren, in Rente gehen. Gegen viertel vor sechs setzt sie mich am Ausgangstreffpunkt wieder ab. Einen letzten Bezirk in Otterndorf fährt sie noch an, dann sind alle Zeitungen für diesen Morgen verteilt.
