Hinweise, wo die Defibrillatoren an Gebäuden angebracht sind, erleichtern die Lebensrettung. Unser Foto entstand in Mittelstenahe. Foto: Schröder
Hinweise, wo die Defibrillatoren an Gebäuden angebracht sind, erleichtern die Lebensrettung. Unser Foto entstand in Mittelstenahe. Foto: Schröder
Zu wenige Defibrillatoren

Wenn ein Stromstoß Leben retten kann ... 

von Egbert Schröder | 24.01.2026

Defibrillatoren sind in vielen Notfällen notwendig, damit ein Mensch nicht stirbt. Doch auch im Landkreis Cuxhaven sind zu wenige Geräte verfügbar. Aber warum nur? Schließlich sind sie oft die einzige Chance, wenn ein Herz zu versagen droht.

Es geschieht plötzlich; meist ohne jegliche Vorwarnung. Die Rechnung ist ebenso einfach wie lebensbedrohlich: Es hängt von wenigen Minuten oder gar Sekunden ab, ob man die Situation überlebt. Gerät ein  Herz völlig aus dem Takt, ist schnelles Handeln von Mitmenschen notwendig. Um es wieder in den gewohnten Rhythmus zu bringen, reicht eine Herzdruckmassage allein oft nicht aus. Das Herz benötigt Stromstöße durch einen Defibrillator. Doch solche Geräte sind auch in den Dörfern und Städten des Cuxlandes rar. Aber warum nur?

Wolfgang Steiner ist Experte, wenn es um Defibrillatoren geht. Sein Rat ist gefragt - ob bei Vereinen oder auch Firmen, die einen "Defi" anschaffen und damit im Bereich des Gesundheitswesens Lücken schließen möchten. Steiner kommt im Auftrag des DRK Cuxhaven/Hadeln viel herum in der Region, kennt die Vor- und Nachteile der Produkte auf dem Markt genau und weiß, dass zahlreiche Menschen beim Umgang mit einem "Automatisierten externen Defibrillator" (AED) fremdeln, obwohl er doch ein Lebensretter sein kann.

Geräte sind für Laien konzipiert

Die Furcht, als Ersthelfer in einer Extremsituation vielleicht das Falsche zu tun, ist groß. Doch sie ist unangebracht: "Die Geräte funktionieren selbsterklärend und können Menschenleben retten." Der AED sei ganz bewusst so konzipiert, dass er in einer Notfallsituation problemlos von Laien genutzt werden kann und auch soll.

Ein Defi wird eingesetzt, wenn bei einer Person lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auftreten. In einem solchen Fall pumpt das Herz nicht mehr effektiv und der Körper erhält keinen Sauerstoff in ausreichender Menge. Ein Herzstillstand ist dann bereits eingetreten. 

Gar nichts tun? Das wäre das Schlimmste!

Über eine Sprachfunktion gibt das Gerät Schritt-für-Schritt-Anweisungen, die je nach Modell durch erklärende Zeichnungen ergänzt werden. Man muss nur den Sprachanweisungen folgen und kann im Grunde nichts falsch machen. Hinzu kommt, dass Defibrillatoren in einer Situation angewendet werden, die für Betroffene lebensbedrohlich ist. Anders gesagt: Am schlimmsten wäre es, aus Angst, nicht das Richtige zu tun, gar nicht zu helfen.

Der Defibrillator erkennt die Herzrhythmusstörungen mittels seiner Elektroden, die die elektrischen Signale des Herzens messen. Um das Herz wieder in den gewohnten Takt zu bringen, werden über diese Elektroden kontrollierte Stromstöße abgesetzt. Es handelt sich zwar um Hightech-Geräte, aber sie können von jedem Laien effektiv eingesetzt werden

Wenn die Elektroden am Oberkörper aufgeklebt sind, analysiert das Gerät per EKG die Notlage und erkennt, ob eine Schockabgabe notwendig ist oder nicht. Die Steuerung des sogenannten Reizleitungssystems des Herzens soll durch den Schock wieder in Gang gesetzt werden und zu einem "normalen" Rhythmus führen. Aber kann man mit dem Einsatz eines Defibrillators möglicherweise auch das Leben eines Patienten gefährden? Die Antwort von Experten lautet: "Nein". Ob der Einsatz notwendig ist, analysiert ein AED automatisch. Ist die Abgabe eines Schocks nicht notwendig, kann er auch nicht abgegeben werden. 

Zwei Ersthelfer wären ideal

Ein Defibrillator sollte jedoch im Notfall nur dann zum Einsatz kommen, wenn eine notwendige Herzdruckmassage nicht länger unterbrochen werden muss. Optimal sind mindestens zwei Personen, die "Erste Hilfe" leisten. So kann ein Ersthelfer bereits mit der Herzdruckmassage beginnen, während die andere Person das Gerät holt. Und wenn man allein ist? Dann sollten die Herzdruckmassage und ein Notruf Priorität haben, damit insbesondere das Gehirn durch das manuell gepumpte Blut weiterhin mit Sauerstoff versorgt wird.

Wolfgang Steiner kennt die Unterschiede der einzelnen AED-Modelle. Er weiß um die Macken und die technischen Vorteile. Und er registriert ein zunehmendes Interesse in der Bevölkerung sowie bei Firmen und Vereinen daran, die "Automatisierten externen Defibrillatoren" an Gebäuden zu installieren, um rund um die Uhr einen Einsatz im Notfall zu ermöglichen: "Wenn die Geräte draußen hängen, ist das natürlich ein Riesenvorteil." Vielfach sind sie jedoch in Gebäuden angebracht und dadurch nur zu den Öffnungszeiten der Firmen oder Einrichtungen verfügbar: "Das ist natürlich nicht ideal."

Keine Pflicht für Installation

Ein weiteres Problem: In Deutschland besteht weder für Betriebe, noch für öffentliche Plätze oder Gebäude (wie Schulen) die Pflicht, Defibrillatoren anzubringen. Ihre Anschaffung erfolgt meist auf freiwilliger Basis und durch Spenden. In der Samtgemeinde Land Hadeln gibt es das Prinzip, dass Vereine, Firmen oder Privatpersonen ein AED kaufen und die Kommune ist danach für die Wartung zuständig. Steiner spricht in diesem Zusammenhang von einer "Win-win"-Situation. Er empfindet eine solche Kombination als "vorbildlich", wenn sie konsequent praktiziert  wird. Doch das sei in vielen Kommunen leider noch nicht der Fall.

Dramatischer Einsatz beim Fußball

Inzwischen setzt sich auch im Cuxland immer mehr die Erkenntnis durch, dass auch an Sportstätten ein Defi verfügbar sein muss. Und das umso mehr, als es im April 2023 zu dramatischen Szenen bei einem Spieltag in der Fußball-Bezirksliga in Cuxhaven gekommen war. Der Torhüter des TuS Eiche Bargstedt sackte beim Gastspiel seiner Mannschaft in Groden plötzlich zusammen. Umgehend liefen Spieler und Betreuer zu dem 48-jährigen Torwart. Noch auf dem Spielfeld wurde er reanimiert - erst von den Ersthelfern, wenige Minuten später durch den Notarzt.

"Das war schon heftig", sagte Grodens Trainer Daniel Gonzalez damals. Er war einer der Ersthelfer, die nach wenigen Augenblicken mit der Herzdruck-Massage begonnen hatten. Mehrfach wurde der Erkrankte später durch einen Notarzt mit einem Defibrillator geschockt. Sein Zustand war lebensbedrohlich. Warum gab es am Sportplatz aber keinen Defibrillator?

Die Stadt Cuxhaven hat reagiert und zu Beginn des Jahres 2024 Sporthallen und Sportplätze mit insgesamt 25 Defibrillatoren ausgestattet und dafür 50.000 Euro investiert: "Die Anschaffung dieser lebensrettenden Geräte war Teil des Antrages von 'Sport in Cuxhaven' und eines umfassenden Engagements für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Sportlerinnen und Sportler sowie der Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Anlagen und in den Hallen", sagt der Pressesprecher Stadt Cuxhaven, Marcel Kolbenstetter. Zudem seien kürzlich die letzten der insgesamt zehn Ortsfeuerwehren der Stadt mit jeweils einem Defibrillator ausgestattet worden

Zwei neue Defis in Neuhaus

Ein Schritt in die richtige Richtung. Aber noch zu wenig, um möglichst flächendeckend und binnen kurzer Distanzen auch in einem Flächenlandkreis wie dem Cuxland einen Defibrillator nutzen zu können. Doch es gibt vorbildliche Initiativen in der Bevölkerung, um das  zu ändern. So auch an diesem Wochenende: In Neuhaus werden am Sonntag, 25. Januar, zwei Defis am Hafenschuppen und bei der Firma "Ulex" offiziell in Betrieb genommen. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Aktion des Deutschen Roten Kreuzes, des Neuhäuser Vereins "Bunter Flecken", der Sparkasse und von Privatpersonen.

Ein Gemeinschaftsprojekt, das vielleicht eines Tages Leben rettet ...

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Zusatz-Info:

Nachholbedarf gibt es nicht nur bei der möglichst flächendeckenden Anschaffung von Defibrillatoren, sondern auch bei der Frage, wo denn deren Standorte sind. Unter der Internet-Adresse https://definetz.org werden entsprechende Informationen veröffentlicht, aber es gibt keine lückenlose Erfassung - dies zeigt auch ein Blick auf einige Orte im Landkreis Cuxhaven.

"DefiNetz" möchte dazu beitragen, die Wahrnehmung des Defis als lebensrettendes Hilfsmittel zu verbessern. Laut Statistik verliere jeder Mensch im Laufe seines Lebens vier seiner Verwandten oder engen Freunde durch den "Plötzlichen Herztod". "Viele, wenn nicht die meisten der Betroffenen, könnten gerettet werden! Dazu wären zwei Dinge notwendig: Zum einen brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind zu helfen. Und dann müsste es flächendeckend frei zugängliche Standorte für Defibrillatoren geben und informationstechnische Voraussetzungen, wie diese im Ernstfall schnell zu erreichen sind. Ohne einen Defi sinkt die Überlebenschance rapide. Bereits nach zehn Minuten ohne Reanimationsmaßnahmen liegt die Überlebenschance quasi bei null Prozent", heißt es von der Initiative.

Ein Defibrillator, dessen Standort niemand kenne, sei so gut wie kein Defibrillator: "Im Ernstfall wird niemand das Gerät erreichen können. Wichtigste Voraussetzung, um überhaupt Erste Hilfe mit einem Defibrillator zu leisten, ist somit ein genaues Verzeichnis der Standorte."

Verfügbar? Hinweis "in Echtzeit"

Der Verein Definetz betreibt nach eigenen Angaben seit seiner Gründung im Jahre 2011 das inzwischen größte bundesweit einheitliche Defi-Kataster: "Mit inzwischen knapp 80.000 erfassten Standorten ist es das umfangreichste seiner Art in Deutschland, das zahlreiche Alleinstellungsmerkmale aufweist. Als einziges Kataster seiner Art verfügt es beispielsweise über die Möglichkeit, Defibrillatoren, soweit sie die technischen Voraussetzungen bieten, in Echtzeit als verfügbar oder nicht verfügbar anzuzeigen."

Die Angaben zu den Geräten und deren aktuelle Verfügbarkeit sind zwar wichtig. Aber sie bringen nichts, wenn ein Ersthelfer nicht bereit ist, einen Defi auch einzusetzen. Der Verein ermuntert dazu, die Chance zu nutzen, durch einen AED Leben zu retten: "Das Einzige, was man im Fall des plötzlichen Herztodes falsch machen kann, ist nichts zu tun." 

Wolfgang Steiner vom DRK Cuxhaven/Hadeln kennt sich aus mit Defibrillatoren. Er ist auch beratend tätig, wenn Vereine oder Kommunen ein passendes Gerät benötigen oder der Umgang mit dem Defi demonstriert werden soll. Foto: DRK
Bei einem Herzstillstand geht es um Leben und Tod: Ein Defibrillator ist in vielen Fällen die letzte Chance, um einem Menschen zu helfen. Foto: Peter Kneffel/dpa
Der Einsatz eines "Automatisierten externen Defibrillators" (AED) kann Leben retten. Das Gerät wird als eine "Erste-Hilfe"-Maßnahme bei einem plötzlichen Herzstillstand verwendet. Foto: Carolin Eckenfels/dpa
Die Reanimation mithilfe eines Defibrillators ist Bestandteil der "Erste Hilfe"-Ausbildung. Foto: Bernd Thissen/dpa

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Egbert Schröder

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

eschroeder@no-spamcuxonline.de

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