Vor 50 Jahren bekam die Lange Anna auf Helgoland eine kleine Schwester
Wenige Tage nach einem Sturm kam es auf Helgoland zu einem massiven Festabsturz, der das Gesicht der Insel veränderte. Vor 50 Jahren bekam die Lange Anna am 24. Januar 1976 eine kleine Schwester.


Vor 50 Jahren krachten in der Nacht zum 24. Januar auf Helgoland tonnenweise Buntsandsteinbrocken in die Tiefe. Dies veränderte die Kulisse Helgolands massiv. Eine zweite Felsnadel neben der Langen Anna war entstanden.
Die ersten, die die kleine Schwester der Langen Anna bei ihrem morgendlichen Kontrollgang entdeckten, waren die beiden Helgoländer Jäger James Siemens und Gerd Goemann. Der Insulaner Kai Siemens hat seinen Vater damals als 14-Jähriger immer bei der Jagd begleitet. Eine große Überraschung sei dieser Felsabsturz aber nicht gewesen. "Mein Vater hat immer gesagt, dass dort 'was passiert, davon ist auszugehen, denn es gab Risse im Felsen."
Seit der Nacht zum 24. Januar 1976, nur wenige Tage nach einer zweiten Januar-Sturmflut, offenbart sich eine völlig neue Ansicht. Die neue Felsnadel entstand durch das Herausbrechen von geschätzten 2000 Tonnen Gesteins nur 50 Meter östlich neben der Langen Anna.
Wie ein Lauffeuer sprach sich die Nachricht an diesem Sonnabend auf der Insel herum - und es gab wohl kaum einen Insulaner, der keinen Blick auf die neue Klippen-Kulisse werfen wollte. Der Klippenrandweg wurde zum Treffpunkt für die Einwohner. Gäste gab es damals nur wenige, denn Kegelrobben, die heute den Wintertourismus ankurbeln, gab es in den Gewässern um die Insel noch nicht.
Schon das Wahrzeichen der Insel, der 47 Meter hohe Einzelfelsen Lange Anna (Nathuurnstak) im Nordwesten war auf ebendiese Weise entstanden. Er existiert allerdings bereits seit dem 16. Mai 1860. Vorher war er Bestandteil eines Brandungstores mit einer natürlichen Felsbrücke zur Nordspitze. Nach deren Einsturz entstand die markante Buntsandstein-Nadel. Der Name soll übrigens auf eine hochgeschossene, attraktive Kellnerin zurückzuführen sein, die in einem Café auf den Klippen gearbeitet hat.
Felsabbrüche sind an den Klippen keine Seltenheit und zählen zu den natürlichen Prozessen. Zuletzt kam es im Frühjahr 2022 zu einem größeren Abbruch, als sich 200 Meter von der Langen Anna entfernt, hunderte Kubikmeter Klippengestein lösten.
Block aus Buntsandstein
Das Geotop Helgoland ist ein massiver, über den Meeresspiegel aufragender Block aus Buntsandstein. Als Buntsandstein wird nicht nur das Gestein selbst bezeichnet, sondern auch die Zeit, in der es entstanden ist. Der rote Buntsandsteinfels stammt aus der Zeit des Erdmittelalters. Vor 245 Millionen Jahren herrschte ein Wüstenklima und über Teilen Norddeutschlands erstreckte sich ein flaches Meer, in das weißer Wüstensand und Verwitterungsschutt gespült wurde. Der Schutt war wegen eines hohen Anteil an Eisenoxiden rot gefärbt. Später kam Muschelkalk hinzu. Im Laufe der Jahrmillionen wurde das Material durch überlagernde Schichten erhöhtem Druck und erhöhter Temperatur ausgesetzt. Die Plattentektonik tat ihr Übriges, die besondere Insel Helgoland auszuformen.
Veränderungen im Laufe der Zeit
Und dieser Buntsandstein ist weich und bröckelt. Der Helgoländer Kay Martens erinnert sich noch gut daran, wie sich die Klippenformation der Kleinen Anna im Laufe der Zeit verändert hat. "Wenn wir als Jugendliche um die Insel gesegelt sind, sah es eine Zeit lang so aus, als ob es zwei Hasenohren sind. Mittlerweile hat sich der Felsen immer mehr ausgeprägt und steht jetzt fast allein da." Heute ist er vom Fuß bis zur Spitze exakt 39 Meter hoch, und die Spitze liegt 41 Meter über dem Meeresspiegel.
Das Jahr 1976 startete auf Helgoland stürmisch. In den frühen Morgenstunden am 3. Januar 1976 erreichte das schwere Orkantief die Deutsche Bucht. Mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde wütete "Capella" über die Nordsee. Im Zusammenspiel mit einer Springtide entstand seinerzeit die bis dato höchste Sturmflut an der deutschen Nordseeküste seit Beginn der Messungen. Auf Helgoland hinterließ der Sturm auf der Insel und der Düne Spuren der Verwüstung.
1976 startete mit zwei Sturmfluten
Doch es sollte im selben Monat noch schlimmer kommen. Nach einer neuerlichen orkanartigen Sturmflut am 20. Januar 1976 zeigten sich weitere verheerende Schäden auf der Düne und der Insel. Der Nordstrand wurde bei dieser Sturmflut vor 50 Jahren am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Der Dünengürtel brach an mehreren Stellen. Die Landungsbrücke auf der Insel war an mehreren Stellen unterspült und weggebrochen. Als größtes Problem wurden aber die Schäden an der Mole am Nordostgelände genannt - und ein paar Tage später kam es dann zum signifikanten Felsabsturz, bei dem die Kleine Anna geboren wurde.