Der Fall Arian bewegt ganz Deutschland. Ermittler geben die Suche nach Arian nicht auf. Foto: Sina Schuldt
Der Fall Arian bewegt ganz Deutschland. Ermittler geben die Suche nach Arian nicht auf. Foto: Sina Schuldt
Umfangreiche Suchaktionen

Vermisster Arian aus Bremervörde: Kommissar gibt Einblick in die Ermittlungsarbeit

21.06.2024

Seit dem 22. April ist der kleine Arian aus Elm verschwunden. Die Hinweise aus der Bevölkerung werden inzwischen immer weniger. Die Ermittlungsgruppe der Polizei steht kurz vor der Auflösung - doch die Hoffnung bleibt.

An diesem Morgen sitzen Mark Müller und zwei weitere Ermittler der EG Arian in Zeven vor ihren Bildschirmen und arbeiten Hinweise ab. Im Büro hängen Karten aus der näheren Umgebung des verschwundenen Jungen aus Elm, Aktenordner stehen unter den Tischen und Gegenstände wie Stock und Ast liegen in verschlossenen Plastikbeuteln gestapelt auf einem Regal. Im Nebenraum wird der Umfang der Ermittlungen deutlich: Rund 50 Aktenordner dokumentieren den Vermisstenfall bisher - und es sind noch nicht alle Hinweise abgearbeitet.

Arian war am Abend des 22. April spurlos aus seinem Elternhaus verschwunden, während eines Fernsehabends mit der Familie soll er selbstständig sein Zuhause verlassen haben. Überwachungskameras zeigen den autistischen Jungen gut gelaunt in Richtung eines Rapsfeldes laufen - ganz in der Nähe seines Wohnhauses. Seitdem fehlt jede Spur von dem Sechsjährigen und stellt die Beteiligten vor ein Rätsel. Rund eine Woche lang hatten Einsatzkräfte und Helfer Tag und Nacht nach ihm gesucht. Bis zu 1.200 Menschen waren an der größten jemals in Deutschland gestarteten Suchaktion beteiligt. Spürhunde, Drohnen, Taucher, Helikopter und sogar ein Tornado der Bundeswehr kamen zum Einsatz - ohne den gewünschten Erfolg.

Der sechsjährige Arian bleibt weiter verschwunden. Foto: Polizei

Ermittlungsgruppe Arian gibt so schnell nicht auf

Die Polizei geht bis heute von einem Unglücksfall aus, jegliche Spuren führen an die Oste. Alles sieht danach aus, dass Arian in den Fluss gefallen und ertrunken ist. "Damals wurde jeder Stein umgedreht", erklärt Mark Müller, Leiter der EG Arian, die eine Woche nach Verschwinden des Jungen ins Leben gerufen wurde. Die fünfköpfige Gruppe mit Ermittlern aus Zeven und Lüneburg machte sich fortan an die Puzzlearbeit. Die Gruppe "beleuchtet alles noch mal mit feinem Besteck". Jede E-Mail, jeder Anruf, jeder Zettel wird abgearbeitet. "Ordnen, sichten, priorisieren", erklärt der Polizeihauptkommissar das Vorgehen. Wenn ein Schuh oder eine Socke gefunden, an einem Grenzübergang zu Österreich ein Kind gemeldet wird, das Arian ähnlich sieht, oder Hellseher eine Koordinate melden, wo sich der Junge befinden soll - all dem wird von Zeven aus nachgegangen. "Manches ist einfach abzuarbeiten, einiges bedeutet Mehraufwand." Doch jegliche Feinarbeit hat bislang nicht zum Ermittlungserfolg geführt.

Polizeihauptkommissar Mark Müller (44) leitet die fünfköpfige EG Arian in Zeven, neben Ermittlern aus Zeven gehören auch zwei aus Lüneburg dem Team an. Foto: Harder-von Fintel

Es gehen kaum noch Hinweise bei den Ermittlern ein

Auch Wochen nach dem Verschwinden bewegt das Schicksal des Jungen und der Familie aus Elm die Menschen. Auf Social Media hoffen sie noch immer, dass der Junge lebend gefunden wird. Das wäre mittlerweile ein Wunder, es gehen immer weniger Hinweise aus der Bevölkerung bei der EG Arian ein, die seit fast zwei Monaten mit Hochdruck an der Aufklärung arbeitet. "Wir sind jetzt dabei, den Rest abzuarbeiten", erzählt Mark Müller. Die Beamten gehen gezielt vor, Hinweise werden kategorisiert und Hypothesen durchdacht. "Aber dabei haben wir kein starres Konzept, wir sind im Geiste offen, wenn wir wieder in eine andere Richtung denken müssen", ergänzt ein Kollege. In erster Linie wird faktenorientiert gearbeitet. Und die sagen, dass ein Unglücksfall in Zusammenhang mit der Oste die wahrscheinlichste Hypothese ist. "Ausschließen können wir aber nichts, weil wir keine Fakten haben, die Gewissheit geben", bedauert Müller. Die EG Arian ermittelt nach wie vor in alle Richtungen. Auch ein Verbrechen und das Überprüfen, ob vonseiten der Eltern ein Versäumnis vorliegt, gehört zu den Aufgaben der erfahrenen Ermittler.

Das Suchfeld rund um Arians Zuhause in Elm. Karte: © 2024 Google, Airbus, Bilder © 2024 Airbus, GeoContent, Maxar Technologies, Grafik: NZ Foto: © 2024 Google

Bei Bedarf fahren sie zurück nach Elm oder starten eine Aktion, so wie drei Wochen nach Verschwinden des Jungen. Es werden auch Aufträge an Experten von außen vergeben und die Ermittler bedienen sich der Expertise von Kollegen, perfekte Analysten von Daten zum Beispiel. "Es wäre grob fahrlässig, nicht Rücksprache zu halten mit Leuten, die aus Erfahrung sprechen können." So erläuterte ein Rechtsmediziner, dass ein Ertrunkener nach etwa drei Wochen wieder aufsteigen müsste - abhängig von der Außen- und Wassertemperatur. "Deshalb haben wir dann erneut mit Tauchern, Booten und Drohnen die Oste abgesucht", erklärt der Zevener Polizeihauptkommissar.

Der Ermittlungserfolg steht nicht im Vordergrund, es geht um mehr

Doch auch diese Aktion brachte den 44-Jährigen und sein Team nicht viel weiter. Ein Leichnam wurde nicht gefunden. Und genau das ist ein Aspekt, der die Ermittler, die selbst Kinder im vergleichbaren Alter haben, umtreibt. Sie möchten den Fall für die Familie aufklären und die Angehörigen nicht im Ungewissen zurücklassen. Bis Ende Juni soll die Gruppe in Zeven bestehen bleiben, doch Mark Müller geht davon aus, dass die EG Arian noch länger existiert, um die Arbeit abzuschließen. "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir weitermachen - in welcher Form und personeller Ausgestaltung auch immer", kündigt er an. Die finale Entscheidung wird auf Leitungsebene getroffen.

Estorf Mitte Mai: Einsatzkräfte der Polizei führen Anwohnerbefragungen im Ortsteil Gräpel in der Nähe von Elm durch. Ziel dieser Maßnahme ist es, mögliche Hinweise bei der Suche nach dem vermissten Arian zu erhalten. Der sechs Jahre alte Arian aus Elm, einem Ortsteil von Bremervörde, bleibt weiter vermisst. Foto: Sina Schuldt

Hinweise kommen aus ganz Deutschland und dem Ausland

Der Fall Arian hat bundesweit für Aufsehen gesorgt, das Bild des verschwundenen Kindes ist in den Köpfen präsent. "Das ist schon sehr beeindruckend", so Müller. Er und seine Kollegen erinnern sich an einen Zeugenhinweis aus Ostdeutschland. Ein Kind war dort am Vatertag ohne Eltern unterwegs. "Die Leute haben die Polizei verständigt. Es handelte sich tatsächlich um ein autistisches Kind, das Arian sehr ähnlich sah. Das war spannend."

Fassungslos macht die Ermittler hingegen, dass auf Social Media Falschmeldungen verbreitet werden. "Es wurde geschrieben, dass Arian gefunden wurde." Warum Menschen das tun? Müller nennt das "bewusstes in-Szene-Setzen der eigenen Person". Ernst wird so etwas wohl eher niemand meinen, aber unter dem Deckmantel der Anonymität fühlen sich solche Leute im Netz sicher, vermuten die Beamten. Doch wer so denkt, irrt. "Auch das kann strafrechtlich verfolgt werden", weiß der 44-Jährige.

Die fünfköpfige Gruppe wird auch in diesen Tagen noch alles daran setzen, den Fall aufzuklären. "Das Schicksal der Eltern macht uns alle sehr betroffen. Der Schwebezustand der Familie ist das, was richtig schlimm ist", spricht Mark Müller im Namen der EG aus. Dennoch kann sich hier niemand von Emotionen leiten lassen, die Aufträge und Fakten werden professionell abgearbeitet. "Es ist uns ein persönliches Anliegen, der Familie den Jungen zurückzubringen, es geht hier nicht um den Ermittlungserfolg", so Ralf Gienger, EG-Beamter aus Lüneburg. Und der Kriminaloberkommissar weiß jetzt schon, dass dieser Vermisstenfall den Ermittlern bis zur Pensionierung in Erinnerung bleiben wird. Solch einen Fall vergisst man nie. "Das lässt einen nicht los, wenn Fragen offenbleiben und wir keinen Fund haben", schiebt er nach, während die anderen Ermittler nickend zustimmen.

Aber noch geben die Beamten nicht auf, den Jungen zu finden. Erst wenn gar keine Hinweise mehr eingehen, die Polizei das Ergebnis der Staatsanwaltschaft präsentiert hat und diese den Fall eingestellt, wird Arian zum Cold Case. Doch daran möchte in Zeven noch niemand denken...

Von Kathrin Harder-von Flintel

Kranenburg: Blick auf den Flusslauf der Oste: Einsatzkräfte der Polizei suchten die Oste mit Sonarbooten und Spürhunden nach dem vermissten Arian ab. Der sechs Jahre alte Arian aus Elm bleibt weiter vermisst. Foto: Sina Schuldt

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