Asta Kuhn, die „Lese-Oma“ aus Otterndorf, hat in ihrem gemütlichen Zimmer im Seniorenheim eine Reihe von Kinderbüchern, die sie den Kita-Kindern mit Freude vorliest. Foto: May
Asta Kuhn, die „Lese-Oma“ aus Otterndorf, hat in ihrem gemütlichen Zimmer im Seniorenheim eine Reihe von Kinderbüchern, die sie den Kita-Kindern mit Freude vorliest. Foto: May
Tanzen war ihre Leidenschaft

Von der Bühne zur "Lese-Oma": Das bewegte Leben einer Otterndorfer Seniorin 

von Denice May | 18.04.2026

Früher stand sie auf der Bühne, heute sitzt sie am Fenster - und tritt doch täglich in die Pedale. Asta Kuhn aus Otterndorf hat sich ihr Leben lang neu erfunden. Und ist dabei immer in Bewegung geblieben.

Asta Kuhn sitzt am Fenster ihres Zimmers im ersten Stock. Draußen zieht sich ein Feld bis zum Deich von Otterndorf. Unter dem Tisch aber ist Bewegung: Ihre Füße treten gleichmäßig in die Pedale eines kleinen Trainingsgeräts. "Ich fahre Fahrrad", sagt sie und lächelt. Stillstand liegt ihr nicht. Auch nicht mit 87 Jahren.

Asta Kuhn lebt seit acht Jahren im DRK-Seniorenheim, aktuell im Haus am Medembogen. Sie ist Rentnerin, engagiert sich im Heimbeirat, liest als "Lese-Oma" Kindern aus der benachbarten Kita vor. Eine Frau, die so geblieben ist, wie sie immer war: aktiv, eigenwillig und vor allem zufrieden. Und das strahlt die Seniorin aus.

Geboren wurde sie in Königsberg, damals Preußen. Die Flucht führte die Familie nach Geislingen, später nach Hamburg. Der Vater war Zahnarzt und Arzt, die Mutter Konzertsängerin. Früh musste Asta Kuhn Verantwortung übernehmen. Mit zehn Jahren führte sie den Haushalt allein, denn ihr Bruder war im Internat, ihre Eltern waren beruflich eingespannt. Doch während andere Kinder ihre Freizeit verplanten, hatte sie längst einen Traum: tanzen. "Ich wollte das einfach", sagt sie. Schule und Alltag bedeuteten ihr wenig. Der Vater bestand auf einer soliden Ausbildung. "Also musste ich eine Lehre bei der Deutschen Bank machen." Sie bestand die Prüfung. Dann zog sie ihre Konsequenz: "Jetzt will ich tanzen."

Eine nostalgische Aufnahme: Asta Kuhn im Vordergrund) in ihrer Blütezeit als Tänzerin. Foto: privat

Ohne Ausbildung als Lehrerin gearbeitet

Ohne klassische Ausbildung bewarb sie sich an einer renommierten Hamburger Ballettschule - und unterrichtete bald selbst. Sie war einfach talentiert, diszipliniert und zielstrebig. "Ich bin ein Mensch, der sich alles selbst erarbeitet und Geschichten vertanzt." Auch Stepptanz brachte sie sich eigenständig bei. Im Keller übte sie, Stunde um Stunde. "Stepptanz ist nicht einfach, aber so schön." Sie organisierte Workshops, lud Tänzerinnen aus England ein, entwickelte eine Leidenschaft für Swing und Charleston. Geld verdiente sie damit allerdings kaum. Dafür stand sie auf der Bühne, tanzte Foxtrott, Blues - und alles dazwischen. "Ich habe einfach immer getanzt."

Mit 20 heiratete sie. Ihr Mann unterstützte sie bedingungslos. "Er hat gesagt, ich brauche nicht zu arbeiten. Er hat einfach alles mitgemacht. Das war schön." Sie trainierte Gruppen, brachte Schauspielschülern Stepptanz bei. Sie führte ein Leben voller Hingabe.

Erst mit 60 Jahren beendete sie ihre Tanzkarriere

Der Tod ihres Mannes veränderte vieles. Vor mehr als 30 Jahren zog sie mit ihrer Tochter in ein Mehrgenerationenhaus nach Itzehoe, später nach Otterndorf. Ein neues Leben mit weniger Bühne, dafür mit mehr Alltag. Erst mit 60 hörte sie mit dem Tanzen komplett auf.

Heute ist ihr Zimmer schlicht. Auf einem Regal steht eine kleine Eulenfigur aus Keramik - ein Relikt aus Königsberg, das ihr Vater über die Flucht hinweg gerettet hat. Die Figur ist also mindestens genauso alt wie Asta Kuhn selbst. "Ich bin aber nicht alt", sagt sie. "Ich halte mich fit und fühle mich sauwohl." Jeden Tag ist sie mit ihrem Rollator unterwegs, den sie "Friedolin" nennt. "Ich will nicht nur herumsitzen, ich will laufen." Dazu kommt das tägliche "Fahrradfahren" unter dem Tisch.

"Ich möchte auch im Kopf fit bleiben"

Einmal pro Woche geht sie in die Kita nebenan. Dann sitzt sie vor einer Gruppe Kinder und liest vor. "Ich möchte auch im Kopf fit bleiben." Im Heimbeirat setzt sie sich für andere ein. "Ich möchte es gerne allen recht machen", sagt sie. Was auffällt, wenn man ihr zuhört: kein Bedauern, keine Sehnsucht nach dem, was war. "Ich möchte nichts zurückhaben, weil ich es jetzt nicht mehr kann. Jetzt mache ich Sachen, die ich kann. Denn wenn ich etwas mache, dann anständig." Sie wirkt, als habe sie für sich entschieden, dass jedes Lebenskapitel seinen eigenen Wert hat. "Ich merke nicht, dass die Zeit rennt", sagt sie. "Ich bin zufrieden in meinem Inneren."

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Denice May

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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