Osterbruch bis Stinstedt: Bürgerlisten mischen in Hadeln die Kommunalwahl 2026 auf
Von Osterbruch bis Stinstedt treten zur Kommunalwahl zahlreiche Wählergemeinschaften und Bürgerlisten an. Sie wollen Politik näher am Ort und weiter weg vom Parteienstreit machen. Ein Politikwissenschaftler sieht darin einen längerfristigen Trend.
Am 13. September 2026 werden in Niedersachsen die Räte der Städte, Gemeinden und Samtgemeinden sowie die Kreistage neu gewählt. Neben den bekannten Parteien werden dabei vielerorts Namen auf den Stimmzetteln stehen, die bewusst ohne ein CDU, SPD oder Grüne im Titel auskommen: Bürgerlisten, Wählervereinigungen und unabhängige Wählergemeinschaften.
Auch zwischen Elbe und Weser ist diese Entwicklung deutlich zu beobachten. In den drei Samtgemeinden Land Hadeln, Hemmoor und Börde Lamstedt treten zur Kommunalwahl 2026 zahlreiche Wählergemeinschaften an. Ein Beispiel: die Gemeinde Osterbruch. Dort stehen CDU und SPD erstmals nicht mit eigenen Listen zur Wahl. Stattdessen tritt die neue Wählergemeinschaft "Wir für Osterbruch" (WfO) an - angeführt von Bürgermeister Peter von Spreckelsen, der selbst SPD-Mitglied ist.

Menschen wollen sich für ihren Ort einsetzen
Für von Spreckelsen ist die neue Konstellation "aus der Situation geboren". Einen Grund sieht er in der Entwicklung der vergangenen Jahre auf Bundesebene. Die Politik der großen Parteien habe dazu beigetragen, dass sich immer mehr Menschen von ihnen abwendeten. Das sei gerade in kleinen Gemeinden ein Problem: Menschen seien durchaus bereit, sich für ihren Ort einzusetzen - wollten dafür aber nicht unbedingt Mitglied einer Partei werden oder unter deren Namen antreten.
Von Spreckelsen beschreibt die Gemeinde als einen "Mikrokosmos Dorf". Dort gehe es vielen Engagierten um ganz konkrete Fragen vor der eigenen Haustür. Wer sich jedoch einer Partei anschließe, werde schnell mit allem gleichgesetzt, was diese Partei auf Landes- oder Bundesebene tue - und müsse sich mitunter für Entscheidungen rechtfertigen, auf die ein Gemeinderatsmitglied überhaupt keinen Einfluss habe.
Die Wählergemeinschaft soll diese Hürde senken. Entscheidend sei nicht das Parteibuch, sondern die Bereitschaft, sich für Osterbruch einzubringen. Auch seine eigene Position stellt von Spreckelsen dabei nicht in den Mittelpunkt. Sollten andere Kandidatinnen oder Kandidaten auf der WfO-Liste mehr Stimmen bekommen, habe er kein Problem damit, "ins zweite Glied zurückzutreten". Es gehe darum, etwas für das Dorf zu tun - "in welcher Funktion, ist doch im Grunde egal".

Osterbruch ist keineswegs ein Einzelfall. In der Samtgemeinde Hemmoor bewerben sich gleich drei Wählergemeinschaften um Sitze im Samtgemeinderat: das Bürgerforum Hemmoor, die Bürgerliste "Wir für Euch" und die Unabhängige Wählervereinigung Hemmoor (UWäH).
In der Börde Lamstedt treten in sämtlichen Mitgliedsgemeinden Wählergemeinschaften oder Bürgerlisten an. In Armstorf ist es die Wählergemeinschaft Armstorf, in Hollnseth die Wählergemeinschaft Hollnseth. In Lamstedt kandidieren "Wir für Lamstedt" und die Bürgerliste Lamstedt, in Mittelstenahe die Wählergemeinschaft Mittelstenahe und in Stinstedt die Bürgerliste Stinstedt.
Und auch auf Ebene der Samtgemeinde Land Hadeln gibt es einen Neuzugang: Erstmals tritt dort die Bürgerliste Land Hadeln (BLH) mit sieben Kandidatinnen und Kandidaten für den Samtgemeinderat an.
Dass Wählergemeinschaften vor allem auf kommunaler Ebene eine Rolle spielen, überrascht den Oldenburger Politikwissenschaftler Markus Tepe nicht. "Wählergemeinschaften sind eine Spezialität des Kommunalwahlrechts, die es nicht nur in Niedersachsen gibt", sagt der Professor für das politische System Deutschlands an der Universität Oldenburg. Anders als politische Parteien treten solche Wählergemeinschaften nicht auf Landes- oder Bundesebene an. Ihre Grundidee sei ein niedrigschwelliges Angebot zur politischen Beteiligung mit einem klaren Fokus auf lokale Themen.
Die Volksparteien verlieren an Boden
Für ihren Erfolg sieht Tepe vor allem zwei Ursachen. "Zum einen beobachten wir schon längere Zeit, dass die vermeintlich etablierten Parteien, die Volksparteien, an Boden verlieren und die Parteienbindung nachlässt." Die klassische Stammwählerschaft werde kleiner. Dadurch entstehe Raum für neue politische Akteure - und in diesen Raum drängten auch unabhängige Wählergemeinschaften.
Hinzu komme ein anderes Selbstverständnis. "In vielen Fällen treten UWGs als eine Art Gegenentwurf zu den Parteien an", sagt Tepe. Dabei werde mit dem Bild gearbeitet, etablierte Parteien seien schwerfällig und festgefahren, während Wählergemeinschaften neu und beweglicher erschienen. Sie versprächen eine "lokal-fokussierte Form der politischen Beteiligung", fern von "Parteigezänk und ideologischen Großfragen".
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.