Die Ostener Familie Philippsohn hat in der Wingst Grabstellen sowie Erinnerungssteine an zwei im 1. Weltkrieg gefallene Söhne. Rabbi Jona Simon (l.) erinnert an das tragische Ende der Familie im Holocaust. Foto: Kramp
Die Ostener Familie Philippsohn hat in der Wingst Grabstellen sowie Erinnerungssteine an zwei im 1. Weltkrieg gefallene Söhne. Rabbi Jona Simon (l.) erinnert an das tragische Ende der Familie im Holocaust. Foto: Kramp
Rundgang

Jüdischer Friedhof Wingst: Rabbi Simon fesselt mit Geschichten und Geschichte

von Wiebke Kramp | 17.07.2026

Anhand der Geschichte des jüdischen Friedhofs in der Wingst gewährt Rabbiner Jona Simon Einblicke in die jüdische Begräbniskultur. Und er fesselt beim Rundgang mit bewegenden Erzählungen und Besonderheiten.

Ernsthaftigkeit und Kurzweil wechseln sich bei dieser Führung ab. Ab und an blitzt Jona Simons hintersinniger Humor auf, doch er lässt auch Raum für Nachdenklichkeit. Der Rabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen versteht es, mit seinen Erläuterungen die Menschen zu fesseln. Er ist Mittler für ein besseres Verständnis der jüdischen Kultur, der Bedeutung des Gedenkens und eines guten Miteinanders.

Eine tolle Resonanz: Mehr als 50 Personen finden am Donnerstag den Weg zur Führung über den abgelegenen jüdischen Friedhof in der Wingst, die initiiert wurde von der Redaktion der Niederelbe-Zeitung/Cuxhavener Nachrichten gemeinsam mit der Demokratiepatin der Polizeiinspektion Cuxhaven, Britta Schumann.

Das Wort Judenfriedhof - wie es auch auf der Tafel am Eingang steht - missbehagt dem Rabbiner; er empfindet diese Begrifflichkeit als abwertend. Schließlich spreche man auch nicht von einem Christenmädchen.

Der jüdische Friedhof Wingst liegt versteckt und ist von Erdwällen umfriedet. Es ist ein Ort der besonderen Erinnerungskultur. Das schmiedeeiserne schwarze Tor zieren zwei Davidsterne. Dieser Friedhof wurde ab 1767 belegt. Damals befand sich dort noch kein Waldstück, sondern zunächst noch Heide. In Niedersachsen existieren noch mehr als 200 jüdische Friedhöfe. Meist liegen sie abgelegen.

In der Wingst werde damals ein heidnisches Hügelgrab und später der Galgenberg ursächlich für den Landverkauf an die jüdische Gemeinschaft gewesen sein, mutmaßt der Rabbi. Dass es auf dem kleinen Friedhof ein Taharahaus zur Totenwaschung gegeben hat, kann er sich nicht vorstellen und nimmt an, dass der Leichnam damals zu Hause vorbereitet wurde, dann mühevoll in die Wingst gebracht und im Leinenhemd bestattet wurde.

Älterer Friedhofsteil wird voll belegt gewesen sein

In dem hinteren älteren Teil stehen heute nur noch eine Handvoll Grabsteine, doch Rabbi Simon verweist dort auf die sichtbaren Wölbungen im Boden und geht von einer Vollbelegung aus, als logische Konsequenz für die anschließend erfolgten Erweiterungen der Begräbnisstätte. Der jüngere Teil des Friedhofes war ab 1850 für jüdische Verstorbene aus dem früheren Kreis Land vorgesehen. Die letzte Beisetzung erfolgte 1926. Während es zunächst nur hebräische Inschriften erlaubt waren, kamen später auch deutsche Beschriftungen hinzu.

Jüdische Gräber - es sind Erdbestattungen, Einäscherungen sind nicht gestattet - dürfen nicht umgewidmet, überbaut oder anderweitig genutzt werden. Die Totenruhe ist verbindlich, Grabpflege ist nicht vorgesehen. Nach jüdischem Verständnis sind Friedhöfe "Orte der Ewigkeit". Der hebräische Ausdruck lautet: "Beit Olem - Ein Haus der Ewigkeit". Jedes Grab muss erhalten bleiben - bis der Messias erscheint und die Toten wieder auferstehen, erläutert der Rabbi. In der Wingst sind die Begräbnisse in Ost-West-Richtung gen Jerusalem ausgerichtet.

Der Ort wirkt friedvoll. Im Schatten der Baumkronen stehen die noch verbliebenen Grabsteine in Reihen. Einige sind sichtbar zerstört, andere offenkundig restauriert. Immer wieder habe es hier Schändungen gegeben, die letzten liegen nur rund zwei Jahre zurück. Und auch Grabsteine verschwanden. Das sei leider ein bekanntes Phänomen, weiß Rabbi Simon von Grabsteindiebstählen auch von anderen Friedhöfen zu berichten, ebenso wie von zunehmenden antisemitischen Übergriffen: "Nach dem Anschlag der Hamas hat es einen Anstieg von Schändungen gegeben."

Auf den verbliebenen Steinen finden sich in der Wingst kleine Steine. Sie seien ein Zeichen des Gedenkens an den Verstorbenen. Spezielle jüdische Grabsteine gebe es jedoch nicht. Sie entsprächen der Mode der Zeit. Lediglich die Inschriften und Symbolik seien anders als auf christlichen Friedhöfen. Rabbi Simon verweist auf Besonderheiten. So ziert eine geknickte Blume den Grabstein von Regina Heyn (1851 bis 1972). Dies zeige, dass der jungen Frau ein aufblühendes Leben nicht vergönnt war. Ein Schmetterling auf einem Grabstein stelle hingegen dar, dass sich der Lebenskreis geschlossen hat. Sehe man dieses Insekt im Puppenstadium, könne von einem Kindergrab ausgegangen werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Führung erfahren, dass die kleinen Steine zur Erinnerung an die Verstorbenen auf den Grabsteinen abgelegt werden. Foto: Kramp

Segnende Priesterhände im Raumschiff Enterprise

Auf dem Grabstein von Herz Cohen (1830 bis 1902) aus Lamstedt sind zwei aufgereckte Hände zu sehen. Auch hier kennt der Rabbiner die besondere Bewandtnis: Solch segnende Priesterhände als Grabsteinsymbol nehmen Bezug auf die Herkunft. Sie verweisen auf die direkte Abstammung von Moses und seinem Sohn, dem Hohepriester Aaron. Das weist auf das Priestergeschlecht der Kohanim hin, das den Segen in der Synagoge geben darf. Diese gespreizten Hände spielen sogar in den "Star Trek"-Filmen eine Rolle, weiß Rabbi Simon und erläutert, dass es sich dort um den Gruß des Vulkaniers Mister Spock im Raumschiff Enterprise handele. Der Schauspieler Leonard Nimoy hatte für seine Rolle diesen traditionellen Segen adaptiert, den er bei Vater und Großvater erlebt hatte.

Und Rabbi Simon hat noch mehr Geschichten parat. In der Wingst begraben liegen die Großeltern des Mannes, der die Flagge von Detroit designt hat. Der Kaufmann Solomon Emil Solomon Heinemann (1780 bis 1853) und seine Frau Sara (1790 bis 1872) haben auf dem jüdischen Friedhof ihre Ruhestätte gefunden. Ihr 1824 in Neuhaus geborener Sohn Emil Solomon Heinemann wanderte zuerst nach New York aus und war später einer der reichsten Männer in Detroit. Sein Sohn David Emil Heineman (geboren 1865) entwarf 1907 die Flagge. Heineman war Anwalt und galt als ein angesehener Bürger. Diese Flagge wurde erstmals am 12. Juni 1908 gehisst und ab 1948 offiziell von der Stadt eingesetzt.

Kilian und Maximilian und Jugendpfleger Peter Thohoff lassen sich von Rabbi Simon die hebräischen Inschriften erklären. Foto: Kramp

Für ihr Vaterland im Krieg gestorben

Nicht ausgeklammert wird der Holocaust und rückt vor den Grabstätten der jüdischen Familie Philippsohn in unmittelbare Nähe. Die Familie war seit 1805 in Osten ansässig. Julius und Louise Philippsohn liegen seit 1921 beziehungsweise 1926 in der Wingst begraben ebenso wie weitere Verwandte. Für ihre Söhne Benno und Simon wurden kleinere Erinnerungssteine gesetzt. Beide dienten im 1. Weltkrieg als Soldaten und fielen für ihr Vaterland. Der jüngste Sohn Adolf Leo Philippsohn (geboren 1899), seine Frau Irmgard (Jahrgang 1903) und ihre Tochter Anna Luisa (geboren 1928) ereilte ein anderes Schicksal deutscher Geschichte. Die drei überlebten das Terrorregime der Nazis nicht. Sie wurden 1941 in das Ghetto Minsk deportiert und ermordet. Zu ihrer Erinnerung wurden in Osten vor der Schwebefähre Stolpersteine verlegt.

Vor der öffentlichen Führung erhielten Mitglieder des Teams des Jugendzentrums Cadenberge um Jugendpfleger Peter Thohoff und die beiden Jugendlichen Maximilian (14) und Kilian (8) Einblicke in die spezielle jüdische Begräbniskultur und die Besonderheiten und haben ebenso aufmerksam den Ausführungen des Rabbiners zugehört und Fragen gestellt. Der Jugendpfleger hat vor, das Thema weiter auf die Agenda zu nehmen.

Kurzvita des Rabbiners

Der in Oldenburg lebende Rabbiner Jona Simon (48) ist für drei jüdische Gemeinden in Niedersachsen zuständig und für die 223 jüdischen Friedhöfe im Land. Er wuchs auf Gran Canaria und in Bielefeld auf, hat zunächst Linguistik und Spanisch in Bielefeld und Sevilla studiert und später Jüdische Studien in Potsdam, Berlin und Jerusalem. Parallel dazu absolvierte er seine Rabbinats-Ausbildung am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg. Sein Israel-Jahr absolvierte er in Jerusalem. In seiner Magisterarbeit zum Thema "Kri'a - das Kleiderzerreißen im Trauerfall" hat sich Simon mit der Herkunft und Entwicklung des einzigen bis heute üblichen Trauerbrauchs beschäftigt, der schon in der Tora Erwähnung findet. Im November 2011 wurde er zum Rabbiner ordiniert.

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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