Vom Coachella zum Wingster Schützenfest: Kirsten Söhls vielfältiger Lebenslauf
Von der kanadischen Grenze bis zum Coachella-Festival: Kirsten Söhl aus der Wingst hat als Tourmanagerin viel erlebt. Heute verbindet sie Kulturmanagement, Kommunalpolitik und Ehrenamt. Was sie antreibt, ist die Begeisterung für Menschen und Musik.
Nachts um zwei an der kanadischen Grenze, morgens vor einem Schweizer Zollbüro, beim Coachella-Festival in Kalifornien - und wenig später wieder zu Hause in der Wingst. Wer Kirsten Söhl nach ihrem Lebenslauf fragt, bekommt keine gerade Linie. Eher ein Wegenetz. Es führt durch Theater- und Konzertbranche, Kommunalpolitik und Schützenverein. Und erstaunlich oft landet Söhl dabei an Orten, an denen Menschen zusammenkommen.
Heute arbeitet die studierte Kulturmanagerin beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Offiziell lautet ihre Eingruppierung Redaktionsassistentin, die tatsächliche Arbeit beschreibt Söhl dabei eher als Projektmanagement. Konzerte vorbereiten, Abläufe organisieren, mit Künstlerinnen und Künstlern arbeiten und schließlich dafür sorgen, dass vor Ort alles funktioniert.
Dass sie einmal dort landen würde, war nicht unbedingt abzusehen. Kirsten Söhl hat unter anderem im Einzelhandel gearbeitet und war Regieassistentin am Theater. Dort bedeutete eine neue Produktion auch regelmäßig einen neuen Regisseur - und damit einen neuen Menschen, auf den sie sich einstellen musste. Eine Fähigkeit, die ihr nicht nur im Berufsleben immer wieder nützlich werden sollte.

Mit Meute durch Nordamerika
2017 führte ihr Weg in die Konzertbranche zunächst über ein Praktikum. Aus ursprünglich vier Monaten wurden sechs und schließlich fuhr sie erstmals als Tourmanagerin mit. Fast sechs Jahre war sie mit der Hamburger Techno-Marching-Band Meute unterwegs. Die Touren führten sie durch Europa, die USA und Kanada, beispielsweise bis zum Coachella-Festival in Kalifornien.
Tourmanagement klingt nach Musik und Reisen. Tatsächlich bedeutet es manchmal vor allem, Probleme zu lösen, bevor die Band oder das Publikum überhaupt merken, dass es welche gegeben hat.
Eine dieser Geschichten spielt an der Schweizer Grenze. Nach einem Konzert sollte die Band weiter nach Jena. Doch die Zollabwicklung für das mitgeführte Equipment stockte auf der schweizerischen Seite. Stunden vergingen. Söhl lief von Stelle zu Stelle, um herauszufinden, welches bürokratische Hindernis zu beseitigen ist, damit der Tourbus endlich weiterfahren konnte. Nach wenigen Metern in Deutschland kam der Bus auch dort bei einem Zollbeamten zum Stehen.
Währenddessen rückte der Konzertbeginn in Jena immer näher. Also wurde improvisiert. Licht- und Tontechniker erklärten ihren Kollegen im Veranstaltungsort telefonisch, was vorbereitet werden musste. Der Zeitplan wurde durch Verkehr und Baustellen immer wieder umgestoßen. Bei Ankunft musste schließlich alles schnell gehen. Pulte hinein, Technik anschließen - etwa eine halbe Stunde später begann die Show.
"Wenn man auf die Menschen eingeht, dann kriegt man das auch hin", sagt Kirsten Söhl. Ob Grenzbeamter, Busfahrer, Techniker oder Mitarbeiter eines Veranstaltungsortes - miteinander zu reden, sei häufig hilfreicher, als sich darüber aufzuregen, warum etwas gerade nicht funktioniere.

Von der großen Bühne zurück in die Wingst
Heute ist das musikalische Umfeld ein anderes. Statt populärer elektronischer Blasmusik beschäftigt sich Söhl beruflich mit klassischer Musik. Dabei arbeitet sie bewusst in Teilzeit. Die Flexibilität schafft ihr Raum für etwas, das in ihrem Leben beinahe, wie ein zweiter Beruf wirkt: das Ehrenamt. Da ist zunächst die Kommunalpolitik. Söhl sitzt für die SPD im Gemeinderat Wingst, sowie im Samtgemeinderat Land Hadeln. Ein Parteibuch besitzt sie bislang nicht. Gerade auf kommunaler Ebene versteht sie Politik weniger als Partei- denn als Sachpolitik.
Dass Kommunalpolitik nicht immer Spaß macht, daraus macht sie keinen Hehl. Es sei aber ein "sinnhaftes Ehrenamt". Und eines, bei dem leicht vergessen werde, dass die Menschen in den Räten ihre politische Arbeit neben ihrem normalen (Arbeits-)Leben erledigen. Parallel engagiert sich Kirsten Söhl seit 2021 im Kulturkreis Am Dobrock. Als der damalige Vorstand auseinanderzubrechen drohte, gehörte sie zu denen, die dafür sorgten, dass die Vereinsstruktur erhalten blieb.
Beim Veranstaltungsprogramm wird ausprobiert. Künstlerisch anspruchsvoll oder doch einmal "Mamma Mia" beim Open-Air-Kino? Die Suche nach dem richtigen Rezept läuft.

Zwischen Tradition und Veränderung
Und dann ist da noch ein Ort, der schon viel länger zu ihrem Leben gehört: der Schützenverein. Söhl sagt, sie sei vermutlich schon als Kind im Kinderwagen dabei gewesen. Ihre Familie ist seit Langem im Verein aktiv, sie selbst erhielt bereits eine Ehrennadel für 25-jährige Zugehörigkeit zum Deutschen Sportschützenbund.
Am Sportschießen reizt sie dabei ausgerechnet etwas, das Außenstehende vielleicht nicht zuerst damit verbinden würden: Ruhe. Beim Wettkampf konzentriert sie sich auf Atmung, Körper und immer denselben Bewegungsablauf. Ein schlechter Schuss lässt sich nicht zurückholen. Aber der nächste könne wieder eine Zehn werden. Für Söhl ist das auch eine Übung in Selbstregulation und Konzentration.
Noch wichtiger ist ihr aber das Miteinander. Beim Schützenfest sitzen 18-Jährige und 80-Jährige gemeinsam am Tisch, beim Kinderschützenfest kommen die Jüngsten dazu. Tradition und Offenheit sind für Söhl dabei kein Widerspruch.
Sie selbst hat irgendwann festgestellt, dass sich durch ihre Arbeit und ihre Ehrenämter ein gemeinsames Motiv zieht: Orte zu schaffen, an denen Menschen einander begegnen.
Was beruflich als Nächstes kommt? Eine strategischere Aufgabe könnte sie reizen, vielleicht auch noch einmal etwas vollkommen anderes. Nur eines scheint eher unwahrscheinlich - dass sie irgendwann einfach einen Job macht, den Laptop zuklappt und sich bis zum nächsten Morgen nicht mehr dafür interessiert. Dafür, sagt sie selbst, sei sie vermutlich ein bisschen "zu begeisterungsfähig".
Und falls die nächste Herausforderung nicht im Beruf auftaucht? Dann, sagt Kirsten Söhl, finde sie diese bestimmt im Ehrenamt.
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