Hier bestimmen die Tiere das Tempo: Wer mit Alpakas durch die Natur läuft, muss sich an die Geschwindigkeit der Tiere anpassen. Unser Reporter (vorn) hat es ausprobiert. Foto: Mangels
Hier bestimmen die Tiere das Tempo: Wer mit Alpakas durch die Natur läuft, muss sich an die Geschwindigkeit der Tiere anpassen. Unser Reporter (vorn) hat es ausprobiert. Foto: Mangels
Mit den Andentieren auf Tour

Wollige Glücksmomente im Kreis Cuxhaven: So entspannt ist eine Wanderung mit Alpakas

von Christian Mangels | 05.07.2024

Bei Alpaka-Wanderungen haben Stress und Hektik keine Chance. In Misselwarden kann man mit den Andentieren ganz entspannt in der Natur unterwegs sein. Ein Selbstversuch.

Pius Paulchen hat die Ruhe weg. Tiefenentspannt und leichtfüßig läuft das 13-jährige Alpakamännchen durch die Landschaft. Große, runde Knopfaugen schauen aus der fransigen Frisur hervor; mit seinem Kopf geht er mir bis zum Brustkorb. Paulchen scheint in sich selbst zu ruhen. Nicht einmal Mähroboter oder Fahrradfahrer können ihn aus dem Konzept bringen. Ein echtes Vorbild für die Jungtiere, die hinter ihm hertrotten.

Pius Paulchen ist für die nächsten zweieinhalb Stunden mein Begleiter. Die Leine liegt locker in der Hand. Nur wenn ein Auto oder ein anderer Störenfried des Weges kommt, sind wir angehalten, den Strick etwas kürzer und fester zu ziehen. Und noch eine wichtige Regel: Nicht kuscheln, auch wenn es schwerfällt. "Alpakas mögen es nicht, wenn man sie anfasst", erklärt Dagmar Herr, Betreiberin des Alpaka-Hofs. "Oder möchten Sie von wildfremden Menschen gestreichelt werden?"

Vor zehn Jahren an die Wurster Küste gezogen

Die Schwäbin muss es wissen. Mit ihrem Mann Andreas kümmert sie sich täglich um die 37 Alpakas, die auf dem Hof an der Alten Kreisstraße leben. Vor zehn Jahren ist das Paar aus Stuttgart an die Wurster Küste gezogen, um sich den Traum von einer Alpaka-Zucht zu erfüllen. Ihre Jobs als Architektin und Bauingenieur haben die Herrs dafür an den Nagel gehängt. Dagmar Herr spricht von einer "Herzensentscheidung".

Die 64-Jährige kennt nicht nur jedes Tier mit Namen, sie weiß auch um die besonderen Charaktereigenschaften jedes einzelnen Alpakas. "Paulchen zum Beispiel ist ein bisschen eitel. Deshalb nennen wir ihn auch Ronaldo", erklärt sie mit einem verschmitzten Lächeln. "Aber er ist mit seinen 13 Jahren auch unheimlich souverän." Deshalb sei er das ideale Tier, um die Karawane anzuführen.

Paulchen schnaubt zufrieden, als würde er zustimmen und schreitet weiter voran. Ich muss ihn kaum manövrieren; das etwa 70 Kilogramm schwere Tier kennt den Weg. Seine rhythmischen Kopfbewegungen und der federnde Passgang entfalten beinahe eine meditative Wirkung - wie ein Pendel, das neben mir mit jedem Schritt hin und herschwingt.

Ich bestärke meinen wuscheligen Begleiter mit lobenden Worten. Aber an Kommunikation ist Paulchen nicht wirklich interessiert. Sollte er die Worte und Gesten wahrnehmen, dann ist er ein Gigant in der Kunst des Ignorierens. Das Alpaka geht einfach weiter, stur in seinem Schritt. Und er brummt. Es klingt wie eine Mischung aus Wiehern und Singen.

Abgesehen von der Frisur, die ein wenig an einen Punk oder an den frühen Andre Agassi erinnert, ist sein Fell kurz. "Die Tiere wurden vor zwei Wochen geschoren", erzählt Dagmar Herr. Das passiert einmal im Jahr - damit es nicht zu warm wird unterm dichten Fellkleid

Heidi und Karsten Pinkepank aus dem Kreis Hildesheim sind Alpaka-Fans und genießen die Wanderung mit den Andentieren durch die norddeutsche Landschaft. Foto: Mangels

Plötzlich gibt es Aufregung in der Gruppe. Gustavo, ein braunes Jungtier, hat auf einer Weide ein Pony erspäht. Als das Pferdchen auch noch zu wiehern beginnt, wird Gustavo nervös und will sich aus dem Staub machen. Karsten Pinkepank, ein Urlauber aus dem Kreis Hildesheim, hat Mühe, seinen flauschigen Weggefährten zu halten. Zusammen laufen sie einen großen Bogen. Aber Dagmar Herr ist schon zur Stelle und beruhigt die Tiere. "Alpakas sind Fluchttiere und nehmen Reißaus, wenn sie sich erschrecken", erklärt Dagmar Herr. 

Eigentlich stammen Alpakas aus den südamerikanischen Anden und werden dort vor allem wegen ihrer Wolle gezüchtet. In Peru leben etwa 3,5 Millionen Alpakas, was rund 80 Prozent der weltweiten Population entspricht. Doch in den vergangenen Jahren sind Alpakas auch hierzulande als Haus- und Nutztiere immer beliebter geworden. "Rund 10.000 Alpakas gibt es mittlerweile in Deutschland", schätzt Andreas Herr. Die Konkurrenz wächst, aber das Misselwardener Paar hat davor keine Angst. Die Alpaka-Wanderungen und -Spaziergänge laufen gut. Die Herrs betreiben erfolgreich einen Hofladen, einen Online-Shop und das Hofcafé, sie organisieren Hof-Feste, Kinder-Events und Kaffeekränzchen auf der Alpaka-Weide. Zurück nach Baden-Württemberg? "Nein, das kommt nicht in Frage", sagt Dagmar Herr.

Alpakas legen ein anderes Tempo vor

Der Deich kommt in Sicht. Kaum haben wir die Spitze erreicht, legen die Alpakas ein anderes Tempo vor. Sie spurten und verteilen sich rasch auf den Deichwiesen. Dagmar Herr verteilt Wasser, Kaffee und Kuchen. Große Pause ist angesagt. Pius Paulchen zieht mich von einem Grashalm zum nächsten, rupft das Gras, kaut, schmatzt, grunzt und sieht zufrieden aus. Eine leichte Brise weht, in der Ferne ist der Leuchtturm Obereversand zu sehen. Ein schöner Moment voller Magie und Glück.

Und dann geht's heimwärts. Die Alpakas spitzen ihre Ohren, die aussehen wie Speerspitzen, und machen sich gemütlich, aber bestimmt auf den Rückweg. "Ich könnte ewig mit denen laufen. Das macht so viel Spaß", sagt ein Paar aus Bremerhaven, das die Wanderung von der Tochter geschenkt bekommen hat.

Zurück auf dem Hof verteilen Dagmar und Andreas Herr Schüsselchen voller Alpaka-Futter an die Wanderer. Gierig stürzen sich die kleinen Kamele auf die körnige Stärkung. Wir begleiten die Tiere zu ihrer Weide und befreien sie von Halsband und Leine. Und dann heißt es Abschied nehmen. Pius Paulchen stürmt zu seinen Kumpels und würdigt mich keines Blickes mehr. Auf und davon. Ich werde dein beruhigendes Brummen vermissen, Paulchen.

Flauschiges Fell, gütige Augen, langer Hals - das sind Alpakas. Aktuell leben 37 Andentiere auf dem Hof Herr in Misselwarden. Foto: Mangels

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