"Gewinn für beide Seiten": Die Klimawandel-Folgen für Cuxhaven - und die Chancen
Die Nordsee vor Cuxhaven und auch die Küste stehen vor großen Veränderungen. Steigende Temperaturen und neue Arten prägen das Wattenmeer. Experten sehen neben Herausforderungen auch Chancen für Mensch und Natur.
Die Temperaturen steigen, der Sommer ist da - und mit ihm die Frage, wie sich der Klimawandel an der Nordseeküste bemerkbar macht. Im Interview mit Joscha Kuczorra spricht Dr. Christian Buschbaum vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) über die Folgen steigender Temperaturen für die Nordsee, das Wattenmeer, die Tierwelt - und die Menschen in Cuxhaven und Umgebung. Trotz aller Herausforderungen sieht Buschbaum Chancen für die Region.
Herr Dr. Buschbaum, wie haben sich die Sommer an der Nordsee verändert?
Das AWI nimmt Langzeitdaten auf. Wir wissen, dass sich die Nordsee im Jahresmittel in den vergangenen 60 Jahren um fast 2 Grad Celsius erwärmt hat. Das wirkt vielleicht erstmal nicht viel, aber es bringt Veränderungen mit sich. Der Winter ist deutlich milder und oft frostfrei geworden, der Sommer ist heißer geworden.
Was bedeutet das für die Natur?
Kalte Winter sind für viele ökologische Prozesse wichtig. Sie bestimmen den Lebensrhythmus zahlreicher Pflanzen und Tiere und können auch erheblichen Einfluss auf die Wechselwirkungen zwischen den Organismen haben. Bleiben sie aus, beobachten wir ganz andere Häufigkeiten einzelner Arten im folgenden Sommer, als wenn der Winter eisig gewesen wäre, wie es früher häufiger der Fall war. Der heiße Sommer ist hingegen schlecht für Arten, die hier ihre südliche Verbreitungsgrenze haben. Sie fühlen sich nicht mehr wohl, weil es ihnen einfach zu warm wird.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die einheimische Gemeine Seepocke ist eine festsitzende Krebsart, die bis in die Arktis vorkommt und es eher kühl mag. An der Nordseeküste wird sie aber zunehmend weniger. Sie war mal die dominierende Seepockenart im Gezeitenbereich des Wattenmeeres, heute ist sie weit weniger häufig anzutreffen und in manchen Jahren muss man sie regelrecht suchen. Gleichzeitig breitet sich die eingeschleppte australische Seepocke in der Nordsee aus. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass wärmeres Klima zu Artenwechsel führt. Und dieser Artenwechsel ist gleich doppelt menschengemacht. Zum einen, weil das Klima wärmer wird. Zum anderen durch den interkontinentalen Schiffsverkehr, durch den wir in hohem Maße natürliche Ausbreitungsschranken von Arten aushebeln und fremde Organismen in heimische Meeresgewässer verschleppen.
Was ist in der Nordsee vor Cuxhaven festzustellen?
Die Nordsee insgesamt, auch vor Cuxhaven, wird wärmer - mit allen Konsequenzen. Nun liegt Cuxhaven aber direkt im Mündungsgebiet der Elbe und damit im Übergangsgebiet zwischen Süßwasserbedingungen und dem Salzwasser-Bereich der Nordsee. Hier herrschen nochmal ganz andere Bedingungen als generell in der offenen Nordsee. Der Bereich wird also vom Meer und dem Land beeinflusst. Damit verursachen klimabedingte Veränderungen in beiden Bereichen hier auch Auswirkungen. Zudem kommt, dass das Gebiet auch lokal stark vom Menschen beeinflusst ist. Hier kommen also viele Prozesse zusammen.
Was passiert, wenn sich die Lebensbedingungen für die Organismen ändern?
Veränderte Umweltbedingungen verursachen veränderte Lebensgemeinschaften. Manche Organismen kommen mit schnellen Veränderungen gut klar, manche weniger. Die, die gut damit klarkommen, werden mehr. Die anderen weniger. Dies wiederum hat Folgen. Ist eine ehemals häufige Art nun seltener, war aber Nahrungsgrundlage für andere Arten, müssen diese sich umstellen. Somit entstehen ganz neue Beziehungsgefüge und diese vorherzusagen, ist kaum möglich.

Welche Folgen hat das für die Nordsee, das Wattenmeer und die Tierwelt?
Wir haben im Wattenmeer einen sehr starken Wandel der Lebensgemeinschaften. Das bedeutet nicht, dass haufenweise Arten aussterben. Stattdessen haben wir mehr eine Zunahme an Arten durch den Klimawandel. Denn viele Arten fühlen sich in der Wärme wohl, vor allem die, die aus wärmeren Gebieten stammen und eingeschleppt wurden. Es gibt aber auch Veränderungen in der räumlichen Ausdehnung einiger Arten, die klimabedingt verursacht werden.
Zum Beispiel?
Die rote Streifenbarbe [Anm. d. Red.: barschartige Fischart] fühlt sich in der Nordsee zunehmend wohl. Der Dorsch, eher kälteliebend, weicht hingegen nach Norden aus. Das Wattenmeer mit seinen Lebensgemeinschaften sieht ganz anders aus als noch vor 100 Jahren. Das würde es zwar auch ohne den Klimawandel, aber durch ihn ist die Veränderung beschleunigt. Es ist der Klimawandel, der die schnellen Entwicklungen der Lebensgemeinschaften treibt.
Können Sie ungefähr beschreiben, wie das Wattenmeer ohne den Klimawandel aussehen würde?
Nehmen wir die pazifische Auster und die amerikanische Pantoffelschnecke zum Beispiel, jeweils Arten, die Wärme lieben und Kälte nicht mögen. Es ist nicht so, dass sie vielleicht nicht da wären, aber bestimmt nicht mit diesen Häufigkeiten. Gerade diese beiden Arten sind so auffällig, weil sie auf dem Wattboden leben. Hier bilden sie zusätzliche Strukturen aus, weil sie mit vielen Hunderten von Individuen pro Quadratmeter vorkommen und damit für jeden Wattwanderer sichtbar sind.

Müssen wir künftig mit noch mehr Hitzeperioden und Extremwetter rechnen?
Zieht man alle derzeitigen Prognosen heran, würde ich sagen: ja. Wir werden mit mehr Hitzeperioden, und vermutlich mit mehr Extremwettersituationen zu kämpfen haben. Spannend wird zu sehen sein, wie die Natur damit klarkommt. Viele unserer derzeitigen Studien beschäftigen sich mit Hitzewellen, also Perioden mit sehr hohen Temperaturen. Dann gilt es, zu schauen, wie die Organismen darauf reagieren. Derzeit haben wir noch keinen umfassenden Einblick, was passieren wird.
Können Sie denn eine ungefähre Prognose liefern?
Wir sind sicher, dass sich das Wattenmeer weiterhin auf allen Ebenen verändern wird - von wirbellosen Organismen, wie Würmern und Muscheln, bis zu den Fischen. Bei Fischen wissen wir bereits, dass sie bezüglich ihrer Vermehrung auf wärmere Temperaturen reagieren. Sie passen sich an und geben hier auch Informationen an die nächsten Generationen weiter. Es macht deutlich, dass der Klimawandel auf allen Ebenen wirkt: direkt auf die lebenden Organismen von der Alge bis zum Fisch, aber auch generationsübergreifend mit Konsequenzen in die Zukunft. Wir haben mit starken Veränderungen zu rechnen.
Es gibt einige Branchen, die gerade im Cuxland von den vorherrschenden Bedingungen leben: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel zum Beispiel auf die Landwirtschaft?
Wir müssen uns intensiv Gedanken machen, wie wir an der Küste mit den anstehenden Veränderungen umgehen. Die küstennahe Landwirtschaft findet vorwiegend hinter dem Deich statt. In Zukunft wird es vermutlich zum Problem, dass es im Sommer zunehmend heiß wird und es aufgrund von Dürreperioden Wassermangel geben kann. Wenn die Prognose mit der Zunahme von Extremwettersituationen eintritt, werden wir aber auch stellenweise sehr viel Wasser hinter dem Deich haben, vor allem im Winter. Das Wasser müssen wir wieder loswerden und vor den Deich bekommen. Mit dem steigenden Meeresspiegel, einem indirekten Effekt des Klimawandels, wird das aber zunehmend schwierig.

Und die Folgen für den Küstenschutz?
Wenn wir an den Deichen als vorherrschende Küstenschutzstrategie festhalten wollen, müssen wir diese immer höher bauen. Ob das aber tatsächlich die einzige Lösung ist, müssen wir gesellschaftlich besprechen. Es gilt die Frage: Was sind wir bereit zu tun und auch auszugeben, damit der Küstenschutz auf lange Sicht funktioniert? Gibt es alternative Lösungen, sodass wir mehr mit dem Meer leben als uns davor zu verbarrikadieren. Es ist kein Prozess von fünf Jahren oder einer politischen Legislaturperiode. Es wird länger dauern. Aber jetzt haben wir noch die Möglichkeit und die Zeit, uns darüber zu unterhalten sowie Strategien zu entwickeln. Eventuell gibt es Möglichkeiten, über die wir bisher noch gar nicht nachgedacht haben.
Gibt es auch mögliche Profiteure des Klimawandels?
Der Klimawandel hat auch Einfluss auf den Tourismus. Während es am Mittelmeer immer heißer wird, ist es für viele Menschen an der Nordsee noch angenehmer. Es ist eine andere Hitze, es herrscht oftmals kühlender Wind. Der Tourismus als solcher wird im Norden vermutlich vom Klimawandel profitieren. Daher lautet die Frage: Wie gehen wir mit dem zunehmenden Tourismus um? Können wir ihn noch nachhaltiger gestalten? Es ist ein Leben mit dem Meer. Die Strategien müssen über die gesamte deutsche Nordseeküste gedacht werden. Ich glaube, dass wir gar keine andere Chance haben, als uns darüber intensiv Gedanken zu machen.

Wagen wir nochmal einen Blick in die Glaskugel: Wie wird sich der Sommer in Cuxhaven bis 2050 verändern?
In den nächsten 25 Jahren wird weiterhin die Tendenz bestehen, dass es wärmer wird. Das Gleiche gilt für die gesamte Nordsee. Auch sie wird wärmer. Allerdings sind Prognosen für einen so kurzen Zeitraum nur schwer möglich: Die natürlichen Schwankungen von Jahr zu Jahr sind so hoch, dass auch immer mal wieder kühlere Sommer und auch kalte Winter eintreten können, wie es beispielsweise der letzte war, wo im Wattenmeer auch mal wieder für längere Zeit Eisgang vorkam.
Was ist für die Region die größte Herausforderung, die mit dem Klimawandel zusammenhängt?
Die größte Herausforderung ist neben den steigenden Temperaturen aus meiner Sicht vor allem der steigende Meeresspiegel, weil wir an der gesamten deutschen Nordseeküste eine Mauer gebaut haben, die das Hinterland weitgehend vom Meer abtrennt. Das Problem ist aber, dass das Meer vor dem Deich immer höher wird. Wir müssen uns deshalb Strategien überlegen, wie wir dem Meer mehr Platz lassen, sodass vorhandene Lebensräume mitsamt ihrer Artenvielfalt weiterhin existieren können und wir die Gefahr für bestehende Infrastruktur, kulturelle Güter und die Bevölkerung an der Küste minimieren. Dabei müssen wir die Menschen an der Küste unbedingt mitnehmen. Sie leben hier und beziehen ihren Lebensunterhalt von dem Gebiet und es ist ihr Zuhause. Wir müssen sie miteinbeziehen, wenn man über eine Küstenzukunft nachdenkt. Das ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen, die wir haben: wie wir mit dem steigenden Meeresspiegel umgehen.
Was möchten Sie den Menschen an der Küste mit auf den Weg geben?
Das Meer haben wir Menschen an der Nordseeküste immer als Gefahr angesehen und uns deswegen davor geschützt. Wenn wir über die Küstenzukunft nachdenken, glaube ich, dass wir die Betrachtungsweise ändern müssen: mehr mit dem Meer als gegen das Meer - mit einem Gewinn für beide Seiten!

Das ist Dr. Christian Buschbaum
- Dr. Christian Buschbaum ist Meeresökologe und seit dem Jahr 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sylter Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Hier leitet er die Arbeitsgruppe Gemeinschafts- und Evolutionsbiologie und das AWI-Nordseebüro.
- Geboren 1968 in Bad Harzburg und aufgewachsen in Goslar sowie auf einem kleinen Dorf zwischen Braunschweig und Gifhorn, hat er an der TU Braunschweig Chemie und Biologie mit dem Schwerpunkt Angewandte Ökologie studiert. Schon früh hat er sich der Meeresökologie zugewandt und für sein Diplom eine Arbeit über Arteninteraktionen an der Nordseeküste verfasst und in 1997 abgeschlossen.
- Von 1998 bis 2001 hat er über die Diversität und die interspezifischen Wechselwirkungen in Miesmuschelbänken im Wattenmeer an der Universität Hamburg promoviert.
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