Die Australien-Auswanderer von Cuxhaven - Aufbruch an das andere Ende der Welt
Wenn von Auswanderung in Cuxhaven die Rede ist, führt der Blick meist nach Amerika. Doch in den 1950er- und 1960er-Jahren lag für Tausende Menschen das Ziel noch weiter entfernt: Australien. Vom Steubenhöft aus begann für sie eine wochenlange Reise.
Wenn in Cuxhaven von Passagierschifffahrt die Rede ist, stehen oft die großen Auswanderungswellen nach Amerika im Mittelpunkt. Schließlich war die Stadt über Jahrzehnte einer der wichtigsten Ausgangspunkte für Menschen, die mit den Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie ihr Glück in der Neuen Welt suchten. Auch die Geburtsstunde der Kreuzfahrt ist eng mit Cuxhaven verbunden: Von hier aus startete 1891 die "Augusta Victoria" zur ersten deutschen Kreuzfahrt.
Weniger im Fokus steht dagegen ein späteres Kapitel der Cuxhavener Schifffahrtsgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das neue Steubenhöft zum Tor für Tausende Menschen, die nicht nur nach Amerika, sondern auch nach Australien auswanderten. Mehr als 21.000 Auswanderer gingen zwischen 1954 und 1962 in Cuxhaven an Bord von Schiffen mit dem Ziel Sydney, Melbourne oder Perth.

An diese Zeit erinnert Hapag-Experte Horst Koperschmidt bei einem Bildvortrag im Museum "Windstärke 10". Seine Zeitreise führt von den Anfängen der Passagierschifffahrt im 19. Jahrhundert über Albert Ballin und die Geschichte der Hapag bis zu den Auswandererschiffen der Nachkriegszeit.
Das neue Steubenhöft wird zum Tor in die Ferne
Dabei spielte das neue Steubenhöft eine entscheidende Rolle. Das ursprünglich 1914 eröffnete Steubenhöft war nach Jahrzehnten intensiver Nutzung stark beschädigt. Untersuchungen hatten ergeben, dass die hölzernen Gründungspfähle durch Bohrmuscheln erheblich geschwächt worden waren. Als die Probleme des alten Höfts immer gravierender wurden, entschied man sich Anfang der 1950er-Jahre für einen vollständigen Neubau.

Für nahezu zehn Millionen D-Mark entstand eine moderne Anlage mit einem neuen Empfangsgebäude, das die bereits vorhandenen Einrichtungen - die Zollhalle, den Gedeckten Gang und den Hafenbahnhof mit der Hapag-Halle - ergänzte. Nun konnten die Passagiere direkt vom Bahnhof aus trockenen Fußes und vor Wind und Wetter geschützt zu den Schiffen gelangen. Am 17. Mai 1954 wurde das neue Steubenhöft mit der Abfertigung der "Italia" feierlich in Betrieb genommen.

Australien sucht Arbeitskräfte und Neubürger
Schon kurz darauf wurde die Anlage zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die Australien-Auswanderung. Die australische Regierung suchte nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt neue Einwanderer. Das Land war dünn besiedelt und warb in Europa um Arbeitskräfte. Unterstützt durch das Internationale Komitee für Europäische Migration (ICEM) konnten viele Menschen die Reise antreten, ohne die hohen Überfahrtskosten selbst tragen zu müssen. Im Gegenzug verpflichteten sie sich zu einem zweijährigen Arbeitseinsatz in Australien.

Unter den Auswanderern befanden sich zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene. Für viele Menschen, die Krieg, Flucht und Heimatverlust erlebt hatten, bedeutete Australien die Chance auf einen Neuanfang. Historische Zeitungsberichte schildern die emotionale Stimmung bei den Abfahrten. Als die schwedische "Anna Salén" im Mai 1954 mit 893 Auswanderern Cuxhaven verließ, hieß es: "Deutschlands Jugend, Deutschlands Arbeitskraft wandert aus." Fast ein Drittel der Passagiere waren Kinder.

Wochenlang unterwegs ans andere Ende der Welt
Zu den bekanntesten Schiffen gehörten die "Anna Salén", die "Arosa Star", die "Fairsea" und vor allem die "Castel Felice". Sie war mit elf Anläufen das häufigste Auswandererschiff in Cuxhaven. Zwischen 1954 und 1961 brachte sie rund 13.000 Menschen von der Elbmündung nach Australien. Insgesamt transportierte das Schiff während seiner Dienstzeit mehr als 100.000 Migranten nach Australien und Neuseeland.

Die Reise begann meist nicht direkt in Cuxhaven. Viele Auswanderer wurden zunächst im Überseeheim Bremen-Lesum untergebracht. Dort fanden medizinische Untersuchungen, Verwaltungsformalitäten und letzte Vorbereitungen statt. Anschließend ging es mit der Bahn nach Bremerhaven oder Cuxhaven. Am Steubenhöft warteten dann die Schiffe, die die Menschen auf eine mehr als fünfwöchige Reise ans andere Ende der Welt mitnahmen.

Die Hoffnung auf einen Neuanfang
Besonders eindrucksvoll sind die Geschichten der ungarischen Flüchtlinge nach dem Volksaufstand von 1956. Hunderte junge Männer und Frauen wurden über das Überseeheim registriert und gingen in Cuxhaven an Bord der "Castel Felice". Das Deutsche Rote Kreuz organisierte kurz vor der Abfahrt zusätzliche Kleidung, Koffer und Wäsche. Den Reisenden wurden sogar englische Wörterbücher mitgegeben, damit während der Überfahrt bereits Sprachunterricht stattfinden konnte.

Die Auswanderer kamen überwiegend aus Deutschland, aber auch aus Österreich, Dänemark, Ungarn oder Belgien. Viele von ihnen verband die Hoffnung auf einen Neuanfang fernab der alten Heimat. Doch nicht alle blieben dauerhaft in Australien. In den folgenden Jahren kehrten auch zahlreiche Rückwanderer über Cuxhaven nach Europa zurück.
Der Vortrag von Horst Koperschmidt zeigt, dass die Geschichte der Passagierschifffahrt in Cuxhaven weit mehr umfasst als die bekannten Amerika-Fahrten oder die Anfänge der Kreuzfahrt. Mit dem neuen Steubenhöft wurde die Stadt in den Nachkriegsjahren zu einem wichtigen Ausgangspunkt für Menschen, die den Blick nicht nach Westen, sondern ans andere Ende der Welt richteten. Für sie begann an der Elbmündung eine Reise, die sie weiter von ihrer Heimat entfernte als jede Generation zuvor.

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