Die Wandergruppe erreicht Scharhörn. Nach rund acht Kilometern durch das Watt betritt sie die geschützte Vogelschutzinsel, die jetzt im Rahmen angemeldeter Führungen zugänglich ist. Foto: Larschow
Die Wandergruppe erreicht Scharhörn. Nach rund acht Kilometern durch das Watt betritt sie die geschützte Vogelschutzinsel, die jetzt im Rahmen angemeldeter Führungen zugänglich ist. Foto: Larschow
Von Insel zu Insel 

"Man schützt nur, was man kennt": Von Cuxhaven bis zur Vogelschutzinsel Scharhörn 

von Tim Larschow | 12.07.2026

Von Cuxhaven nach Neuwerk und ab nach Scharhörn - an nur einem Tag. Die streng geschützte Vogelschutzinsel darf nur nach Anmeldung betreten werden. Unsere Bildergalerie begleitet eine der seltenen geführten Wattwanderungen zu diesem besonderen Ort.

Es ist kurz vor acht Uhr morgens. Auf der "Flipper" werden die Leinen gelöst, Möwen kreisen über der Alten Liebe und langsam setzt sich das Ausflugsschiff in Richtung Neuwerk in Bewegung. Doch an diesem Tag geht es nicht nur darum, Fahrgäste auf die Insel zu bringen. Mit "Neuwerk-XXL" hat die Reederei Cassen Eils ein neues Tagesangebot gestartet, das den Gästen deutlich mehr ermöglicht als die klassische Überfahrt.

Während der Überfahrt nach Neuwerk informieren Kapitän Malte Schmarje und Offizier Heiko Ederleh mit regelmäßigen Ansagen über vorbeifahrende Schiffe sowie Wissenswertes zu Cuxhaven, dem Wattenmeer und der Insel. Foto: Larschow

Kapitän Malte Schmarje kennt die Strecke nach Neuwerk wie seine Westentasche. Zusammen mit Offizier Heiko Ederleh machen sie Ansagen und teilen Wissenswertes zu Cuxhaven, Neuwerk und den vorbeifahrenden Schiffen. Trotz der Erfahrung beider Seeleute verlangt jede Fahrt höchste Konzentration. Das Fahrwasser verändert sich ständig, die Gezeiten geben den Takt vor, und Wind und Wetter entscheiden mit.

Nach rund eineinhalb Stunden erreicht die "Flipper" den Anleger auf Neuwerk. Kaum ist die Gangway ausgelegt, verteilen sich die ersten Besucher über die Insel. Vom Anleger starten später auch die geführten Wattwanderungen zu den Seehunden und zur Vogelinsel Scharhörn - doch noch ist Hochwasser. Die "Flipper" hat wenig Tiefgang und einen flachen Rumpf und kann sich trockenfallen lassen. Das heißt: Sobald das Schiff auf dem Boden des Wattenmeeres aufliegt, geht's los.

Die "Flipper" liegt trocken auf dem Wattboden vor Neuwerk. Foto: Larschow
Die "Flipper" liegt im Nebel vor Neuwerk. Foto: Larschow

Ständig verändert sich die Landschaft

Carolin Rothfuß vom Verein Jordsand ist seit 10 Jahren auf Neuwerk und leitet seit fünf Jahren das Nationalparkhaus. Sie führt die Gruppe nach Scharhörn. Um 13 Uhr beginnt die Wanderung. Rund acht Kilometer sind es bis zur Vogelschutzinsel. Auf dem Weg erklärt sie viel zum Wattenmeer und den Tieren, die es bewohnen. Doch von Scharhörn sieht man lange nichts - es ist nebelig. Beinahe gespenstisch wirken die Nebelschwaden, die über den Wattboden wabern.

Carolin Rothfuß (3.v.l.) vom Verein Jordsand erklärt der Gruppe, welche Pflanzen im Watt wachsen. Unterwegs vermittelt sie Wissenswertes über den Lebensraum und seine besondere Vegetation. Foto: Larschow

Während der Wanderung erzählt Rothfuß: "Der Verein Jordsand hat diese XXL-Touren angeregt. Sonst kommt man nur nach Scharhörn, wenn man auch auf Neuwerk übernachtet. So können wir mehr Gästen zeigen, was es hier alles gibt und warum das Watt und Scharhörn so schützenswert sind", sagt sie und zitiert das berühmte Diktum des Verhaltensforschers Konrad Lorenz: "Man schützt nur, was man liebt, man liebt nur, was man kennt."

Wer sich für Scharhörn entscheidet, sollte Ausdauer mitbringen. Rund viereinhalb Stunden dauert die Wanderung insgesamt. Mit jedem Schritt verändert sich die Landschaft. Kleine Priele und Muschelbänke bestimmen den Weg. Unter den Füßen gibt der Schlick leicht nach, dazwischen huschen kleine Krabben über den Boden.

Trotz des Nebels gehören Sonnencreme und ausreichend Wasser zum Wattlaufen ebenso zur Ausrüstung wie festes Schuhwerk. Je näher die Gruppe Scharhörn kommt, desto lauter werden die Vögel, und das Watt verändert sich. Plötzlich tauchen grüne Wiesen auf. Erst etwas Seegras und dann ganze Quellerwiesen (Seespargel). Der Boden wird sandig. "Gleich sind wir da", sagt Rothfuß und nur kurze Zeit später sehen wir einen Ort, den nur wenige zu Gesicht bekommen.

Kurz vor Scharhörn legt die Wandergruppe die letzten Meter durch das Watt zurück. Das Ziel der geführten Tour ist bereits in Sicht. Foto: Larschow
Ein Hinweisschild weist auf die Schutzbestimmungen für Scharhörn hin. Das Betreten der Vogelschutzinsel ist nur mit vorheriger Anmeldung erlaubt. Foto: Larschow
Vogelwart Oskar Schwitters begrüßt die Wandergruppe auf Scharhörn. Er gibt Einblicke in seine Arbeit und den Schutz der einzigartigen Vogelwelt.

Jungvögel bei ihren ersten Flugversuchen

Die rund 31 Hektar große Insel Scharhörn liegt gemeinsam mit ihrer Nachbarinsel Nigehörn im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer. Wind, Strömung und Gezeiten verändern ihre Form ständig. Im Westen trägt das Meer Sand ab, im Südosten entstehen neue Flächen. Betreten werden darf die Insel nur nach vorheriger Anmeldung.

Rund 100 Meter vor Scharhörn kommt Vogelwart Oskar Schwitters bereits über den schmalen Pfad auf uns zu. Im Hintergrund sieht man einen Pfahlbau. Das Zuhause des Vogelwarts. Von dort fällt der Blick auf weite Wattflächen und große Vogelkolonien, und man sieht die brütenden Möwen und die Jungvögel bei ihren ersten Flugversuchen. Vogelwart Oskar Schwitters verbringt hier die Saison 2026 nahezu abgeschieden von der Außenwelt. Er berichtet von seinem ungewöhnlichen Alltag, den Aufgaben des Naturschutzes und den zahlreichen Vogelarten. Doch auch Probleme wie Plastikmüll werden angesprochen.

Lange bleibt für den Besuch allerdings nicht. Die Tide bestimmt den Zeitplan, sodass rechtzeitig der Rückweg durch das Watt angetreten werden muss. Die Gruppe verlässt die Insel - eine grüne Oase, beinahe unverändert von Menschen. Als die "Flipper" gegen 21.30 Uhr wieder an der Alten Liebe festmacht, liegt ein langer Tag hinter den Gästen. Einer, an dem das Wattenmeer nicht nur Kulisse war, sondern Erlebnis - und der gezeigt hat, warum Scharhörn zu den besonders geschützten Orten der deutschen Nordseeküste gehört.

Möwen kreisen über den Dünen von Scharhörn. Die abgelegene Vogelschutzinsel bietet zahlreichen Seevögeln einen geschützten Brut- und Rastplatz. Foto: Larschow
Der Pfahlbau ist während der Saison das Zuhause von Vogelwart Oskar Schwitters. Direkt daneben steht ein Plumpsklo. Foto: Larschow
Oskar Schwitters (r.) übernimmt während der Saison 2026 die tägliche Erfassung der Vogelwelt, zweiwöchentliche Rastvogelzählungen sowie Brutvogelkartierungen. Foto: Larschow

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Tim Larschow

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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