Portugiesen prägen Cuxhavens Fischerei: Die vergessene Geschichte
Wie eine Gruppe portugiesischer Männer, getrieben von Armut und Diktatur, Cuxhavens Fischindustrie revolutionierte und zu einem unauslöschlichen Teil der Stadtgeschichte wurde. Ein Forschungsprojekt erweckt ihre Geschichten zu neuem Leben.
Draußen im Cuxhavener Hafen scheint die Sonne, durch die Fenster fällt warmes Sommerlicht. Jenny Sarrazin greift nach einem Stapel vergilbter Karteikarten. "Schauen Sie", sagt sie, "über 1450 Namen. Portugiesische Männer, die von Cuxhaven und Bremerhaven aus zur See gefahren sind." Horst Huthsfeldt, der neben ihr sitzt und seit 60 Jahren die Fischwirtschaft dieser Stadt kennt wie kaum ein anderer, nickt. "Und das sind nur die, die wir bisher gefunden haben. Die wirkliche Zahl lag vermutlich doppelt so hoch."
Es ist ein Gespräch, das lange überfällig war. Sarrazin, jahrelang Leiterin des Museums Windstärke 10, und Huthsfeldt, Vorsitzender des Fördervereins Schifffahrtsgeschichte Cuxhaven, haben sich zusammengetan, um ein vergessenes Kapitel der Stadtgeschichte zu retten, bevor die letzten Zeitzeugen verstummen. Zum Team gehört auch noch Alfredo Stoffel, der als Jugendlicher aus seiner Heimat Portugal nach Cuxhaven kam und lange Jahre in der Fischindustrie gearbeitet hat. Entstehen soll eine Publikation, vielleicht auch eine Sonderausstellung. Was sie dafür noch brauchen, sind Erinnerungen. Und Menschen, die sie teilen.

Krieg oder Kabeljau
Um zu verstehen, warum ab Mitte der 1960er Jahre Hunderte junger Portugiesen in Cuxhavens Hafen auftauchten, muss man ins Portugal jener Zeit schauen. Ein bitterarmes Land unter der Diktatur Salazars. Wer mit 18 Jahren keinen Militärdienst geleistet hatte, bekam eine grausame Wahl gestellt: vier Jahre Kriegsdienst, unter Umständen in den Kolonialkriegen in Angola oder Mosambik, oder sieben Jahre auf einem portugiesischen Fischereifahrzeug. Das klingt harmlos, war es aber nicht. Die Fischer fuhren auf alten Segelschiffen, drei- bis viermastigen Schonern, in den Nordatlantik vor Neufundland und Westgrönland. Täglich wurden Dorys ausgesetzt, kleine Einmannboote, mit denen die Männer allein auf offenem Meer nach Kabeljau angelten. Bei Sturm, bei Nebel. Viele fanden ihr Mutterschiff nie wieder. "Eine extrem gefährliche, extrem harte Arbeit", sagt Sarrazin. "Dagegen war das Leben auf einem deutschen Fischdampfer das Paradies."

Eine Generation ergreift die Chance
Väter, die selbst diese Qual kannten, wollten ihren Söhnen denselben Weg ersparen. Als Deutschland im Zuge des Wirtschaftswunders Gastarbeiter anwarb, ergriff eine ganze Generation die Chance. Per Kontingentvertrag kamen die Portugiesen, ausgestattet mit einer Nummer und einer befristeten Arbeitserlaubnis. Wer länger als drei Monate in die Heimat zurückkehrte, durfte nicht wiederkommen. Viele blieben deshalb und wurden zu Cuxhavenern.
Die Kunst des Salzens
Warum aber brauchte die deutsche Fischindustrie überhaupt portugiesische Männer? Die Antwort liegt im Bacalhau, dem gesalzenen, getrockneten Kabeljau, der in Portugal, Spanien und ganz Südeuropa seit Jahrhunderten Grundnahrungsmittel ist. Als in den 1960er Jahren der deutsche Frischfischmarkt zu platzen drohte - zu viel Angebot, zu wenige Abnehmer -, erkannten die großen Reedereien eine Chance: Fisch direkt an Bord zu Salzfisch verarbeiten und ihn in südeuropäischen Häfen löschen. Salzfischfahrten gab es schon in den 1950er Jahren. Zunächst nahm man Männer von den Färöer-Inseln mit an Bord, ab 1964 dann Portugiesen.

Doch das Salzen ist eine Kunst. Der Kabeljau wird geköpft, gesplittet, aufgeklappt und entgrätet, dann mit genau der richtigen Menge grobem Salz unter Deck gestapelt. Zu wenig, und der Fisch fault. Zu viel, leidet die Qualität. "Die Deutschen haben es mal versucht", erzählt Huthsfeldt trocken, "und angeblich ist dabei eine ganze Ladung kaputtgegangen." Die Portugiesen beherrschten die Technik seit Generationen. An Bord der Fangschiffe, die von April bis September vor Westgrönland fischten, wurden sie unersetzlich. Bis zu 300 von ihnen fuhren gleichzeitig auf deutschen Schiffen, für die drei großen Reedereien Nordsee (Unilever), Nordstern (Nestlé-Jacobs) und die Hanseatische (Dr. Oetker).
Wie Manhattan bei Nacht
Wer heute nach dem Erleben der Ankömmlinge fragt, bekommt eine Antwort, die alles sagt. Einer der Zeitzeugen, den Horst Huthsfeldt interviewen konnte, beschrieb es so: "Wir sind vom Dorf mit dem Zug losgefahren, zwei, drei Tage. Und als wir nachts in Cuxhaven ausstiegen, dachten wir, wir sind in Manhattan." Aus Dörfern rund um die portugiesische Lagunenstadt Aveiro und das Nachbarstädtchen Ílhavo, Cuxhavens Partnerstadt seit Jahrzehnten, stammte mindestens ein Drittel der Männer, zu Beginn sogar bis zu 70 Prozent. Manche dieser Dörfer hatten 500 Einwohner, und plötzlich fehlten 100 Männer.

In Cuxhaven wurden die Neuankömmlinge in improvisierten Unterkünften über den Fischhallen am Hafen einquartiert. Wände wurden gezogen, Gemeinschaftsküchen eingerichtet. Von Wohnen im eigentlichen Sinne konnte keine Rede sein. Doch die Lebensbedingungen in Portugal, aus denen viele kamen, waren kaum besser. Was sie verband, war der Familienverbund: Oft folgte dem Vater der Sohn, dem Bruder der Bruder, dem Onkel der Neffe. Gemeinsam aus demselben Dorf, lebten sie auch in Cuxhaven unter sich, in eigenen Klubs, mit eigenen Zirkeln, eigenem Essen, eigenem Rotwein. Zum Mittagessen, sagen alle Zeitzeugen übereinstimmend, gehörte für die Portugiesen ein Glas Rotwein. Unverzichtbar.
Gelobt von Kapitänen und Köchen
Die deutschen Fischer, Kapitäne, Matrosen, Köche, wer auch immer an Bord mit den Portugiesen arbeitete, ist bis heute voll des Lobes. "Hervorragende Seeleute. Friedlich, kompetent", fasst Huthsfeldt zusammen, was er in Dutzenden Gesprächen immer wieder gehört hat. Sprachbarrieren gab es zuhauf, doch die Abläufe an Bord sprachen für sich. Und wenn die Portugiesen in ihrer kleinen Pantry kochten, frischen Kabeljau, selbst zubereitet, aßen die deutschen Kollegen gerne mit. Viele der Männer, die am Ende blieben, begannen schon früh, mit dem verdienten Geld in Portugal Häuser zu bauen. Im Urlaub reisten sie mit Koffern voller Nägel an, mit Baumaterialien, die in Portugal schwer zu bekommen oder teurer waren. Ihre Kinder wuchsen in Cuxhaven auf, gingen hier zur Schule, und heirateten teils Deutsche. Als die Eltern zurückwollten, wollten die Kinder nicht mehr weg. Bis heute sind die Portugiesen die größte nationale Minderheit in Cuxhaven.

"Wir sind eigentlich schon 20 Jahre zu spät", sagt Jenny Sarrazin, und man hört den Ernst dahinter. Die Männer, die in der Salzfischerei gefahren sind, wären heute über 80. Viele sind längst zurückgekehrt nach Portugal, viele gestorben. Doch Huthsfeldt, Sarrazin und Stoffel geben nicht auf. Sie werten Privatarchive aus, studieren handgeschriebene Karteikarten aus Seemannsämtern, und durchforsten Reederei-Unterlagen. Und sie hoffen auf Mundpropaganda und auf diese Zeitung.
Gesucht werden Zeitzeugen
"Wir suchen portugiesische Zeitzeugen, die als Salzer oder an Bord der Fangfabrikschiffe gefahren sind. Das ist wichtig zu betonen, da die Salzer nur in den Anfangsjahren ab 1964 gefahren sind, und daher heute deutlich über 80 sein müssten. Wir sind nicht sicher, ob wir überhaupt in Cuxhaven noch Salzer finden werden. Aber ehemalige Matrosen oder Fischwerker der Fangfabrikschiffe gibt es mit Sicherheit. Und wir suchen deutsche Fischer, die - egal auf welchen Schiffen und in welcher Funktion - zusammen mit Portugiesen gefahren sind", wird Jenny Sarrazin konkret.
Wer sich melden möchte, schreibt an jenny-sarrazin@web.de oder h.huthsfeldt@gmx.de. Auf Wunsch werden Namen nicht genannt.
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