Kirchturmuhr von 1900: Ehrenamtlicher hält Technik-Schatz in Cadenberge am Laufen
In der Nacht auf den 29. März 2026 wird die Zeit um eine Stunde auf Sommerzeit vorgestellt. Guido Friederich sorgt in Cadenberge in Handarbeit dafür, dass die historische Kirchturmuhr richtig tickt. Der Schiffsmaschineningenieur pflegt die Mechanik.
Guido Friederich (68) hat vor anderthalb Jahre bei der Kirchengemeinde St. Nicolai in Cadenberge eine besondere Aufgabe übernommen, die zu einer Herzensangelegenheit geworden ist. Er kümmert sich ehrenamtlich um die Turmuhr, die ein echtes historisches Schätzchen darstellt. Es handelt sich dabei um eine rein mechanisch arbeitende Uhr aus dem Jahr 1900. Eine Seltenheit, denn heute werden fast alle Kirchturmuhren und -glocken per Funk gesteuert. Hier greifen noch Räder ineinander und das Walzenwerk muss regelmäßig in Schwung gesetzt werden. Ein Pendel regelt die Geschwindigkeit, während Zahnräder die Kraft auf die Zeiger übertragen.
Präzisionswerk aus dem Jahr 1900
Gebaut wurde das heute noch zuverlässige Präzisionswerk bei der renommierten Firma J.F. Weule in Bockenem bei Hildesheim. Damit die Turmuhr die richtige Zeit anzeigt, klettert der Cadenberger zweimal die Woche in den Holzturm und zieht das Walzenwerk mit der Kurbel per Hand auf, damit es richtig tickt und die Stundenglocke im Kirchturm schlagen zu lassen. Angesichts der Zeitumstellung in der Nacht zu Sonntag, ist er dieses Wochenende zusätzlich in Verantwortung, damit im Ort die Uhrzeit stimmt.
Ab dem Mittelalter schlug den Menschen in Europa die Stunde: Begonnen hat all dies in mittelalterlichen Klöstern. Mechanische Uhren mit Ziffernblatt verbreiteten sich seit dem 13. Jahrhundert
Guido Friederich ist von Haus aus Schiffsmaschineningenieur und Experte für hochkomplexe alternative Schiffsantriebsstoffe wie Wasserstoff, Methanol oder LNG. Seine Expertise wird immer noch geschätzt. Er befindet sich zwar im Ruhestand, aber aufgrund seiner Beraterfunktion doch noch nicht so ganz. An seiner Aufgabe in Cadenberge hat der Ingenieur sichtbar seine Freude und nimmt sich gerne die Zeit, die Kirchturmuhr am Laufen zu halten. "Anhand des schön übersichtlichen Räderuhrwerks kann man anschaulich Technik erklären, die ganz ohne Elektronik auskommt", macht der der Maschinenbauer aus seiner Begeisterung kein Hehl. Es gebe nur noch wenige Kirchturmuhren, die auf diese Weise nur rein mechanisch funktionieren, weiß Friederich. Die meisten seien bereits elektrifiziert worden.

J.F. Weule ist der Name einer von 1836 bis 1966 bestehenden Turmuhrenfabrik und Glockengießerei in Bockenem. Das Konstruktionsprinzip von Weule sind "Räder-Uhrwerke". Sie sind als maschinenbauliche Zahnrad-Konstruktionen konzipiert. Der Antrieb erfolgt durch Schwerkraft über Walzen, die mit Gewichten über Drahtseile verbunden sind - im Prinzip so, wie man es von Großvater-Standuhren kennt. Die Takt-Frequenz erfolgt über eine pendelgesteuerte Radkonstruktion, die sogenannte Anker-Hemmung, die für ihre Genauigkeit bekannt ist. Uhrzeit-Schläge gibt es jeweils zur halben und vollen Stunde. Die Schlagwerk-Antriebe erfolgen über Walzen verbunden mit Gewichten über Drahtseile. Die Auslösung des Schlagwerks für die Stundenglocke erfolgt über das Gehwerk. Gehwerk verfügt über ein kleines 60-Minuten-Ziffernblatt mit einem Zeiger, auf dem der Fallscheibenhebel beweglich gelagert ist.

Die Stundenglocke ist stark korrodiert
Die stählerne Stundenglocke sei allerdings stark korrodiert und auch das Gehwerk sanierungsbedürftig, konstatiert Guido Friederich und erläutert, dass sich die Kirchengemeinde über finanzielle Unterstützung freuen würde, um die Uhr wieder in einen besseren Zustand versetzen zu können und so für die Bachwelt erhalten. Für eine Gebetsglocke sei zwar das Räderwerk noch gegeben, von dieser Glocke fehle aber jede Spur. Aber Guido Friederich hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sie vielleicht doch in Cadenberge eingelagert wurde.
Die Gutshaus-Uhr stammt sogar von 1866
Vom Turmuhren- und Heimatmuseum in Bockenem erfuhr der Ingenieur von der Existenz einer weiteren Weule-Uhr in Cadenberge, die sogar noch um etliche Jahre älter als die Kirchturmuhr ist. Die zurzeit nicht funktionstüchtige Turmuhr im Graf Bremerschen Gutshaus wurde bereits im Jahr 1866 gebaut, und sie ist baugleich mit der Kirchturmuhr. Allerdings ist sie heute nicht mehr funktionstüchtig. Offensichtlich wurden die falschen Schmierstoffe zur Wartung benutzt, sodass sie mit der Zeit die Uhrwerk-Mechanik verklebt haben. Die Uhr selbst sei sogar noch in einem besseren Zustand, weil sie dort besser geschützt als im zugigen Kirchturm ist.
"Ich wüsste, was zu tun ist, um das Uhrwerk wieder zum Laufen zu bringen", erläutert der Cadenberger und möchte sich diesbezüglich an den Landkreis Cuxhaven wenden, der Eigentümer des Herrenhauses ist.