In zahlreichen Städten finden Maikundgebungen der Gewerkschaften statt. Auch in Cuxhaven ist am Freitag eine Veranstaltung mit zahlreichen Redebeiträgen sowie einem Rahmenprogramm geplant. Foto: Christoph Reichwein / dpa
In zahlreichen Städten finden Maikundgebungen der Gewerkschaften statt. Auch in Cuxhaven ist am Freitag eine Veranstaltung mit zahlreichen Redebeiträgen sowie einem Rahmenprogramm geplant. Foto: Christoph Reichwein / dpa
DGB Bremen-Elbe-Weser

Faire Löhne, gerechte Arbeitszeiten gefährdet: DGB-Regionsgeschäftsführer vor 1. Mai

von Ulrich Rohde | 30.04.2026

Christian Wechselbaum, Regionsgeschäftsführer des DGB Bremen-Elbe-Weser und damit auch für den Kreis Cuxhaven zuständig, warnt im Interview vor der Erosion sozialer Errungenschaften.

Seit Dezember 2025 ist Christian Wechselbaum Regionsgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bremen-Elbe-Weser. Im Interview mit Ulrich Rohde nimmt er aus Anlass des 1. Mai Stellung zu zentralen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Herr Wechselbaum, der DGB setzt sich für faire Löhne und gerechte Arbeitszeiten ein. Sehen Sie soziale Errungenschaften wie faire Löhne und gerechte Arbeitszeiten als gefährdet an?

Ja. Es gibt einerseits eine Tendenz, dass immer mehr Betriebe keine Tarifverträge anwenden. Das Problem dabei ist, dass in diesen Betrieben durchschnittlich schlechtere Löhne gezahlt werden und mehr gearbeitet wird. Zusätzlich erhöhen tariflose Betriebe über schlechtere Arbeitsbedingungen den Preisdruck auf tarifgebundene Betriebe. Gleichzeitig erleben wir auf der Bundesebene einen Angriff auf das Arbeitszeitgesetz und vor allem auf den 8-Stunden-Tag. Arbeitszeiten sollen flexibilisiert werden und damit tägliche Schichten bis zu 13 Stunden erlaubt werden.

Zunehmend ziehen sich Arbeitgeber aus der Tarifbindung und betrieblichen Mitbestimmung zurück. Welche Hebel nutzt der DGB, um Tarifpartnerschaft und Mitbestimmung zu stärken?

Ein zentraler Punkt ist die Tarifbindung. Es ist schwer vermittelbar, warum Unternehmen öffentliche Aufträge erhalten, sich aber Tarifverträgen entziehen. Sowohl das Land Niedersachsen, als auch der Bund haben in diesem Jahr Gesetze zur Tarifbindung beschlossen. Diese müssen aber auch kontrolliert und umgesetzt werden. Parallel unterstützen wir Beschäftigte bei der Gründung von Betriebsräten. Mitbestimmung sorgt nachweislich für stabilere Betriebe - gerade in schwierigen Zeiten. Beides zusammen sind die zentralen Anker für gute Arbeitsbedingungen.

Immer wieder wird versucht, die gesetzliche Rente in wichtigen Eckpunkten in Frage zu stellen. Die Diskussion ist derzeit auch ein großes Thema in der Berliner Regierungskoalition. Wie ist der Standpunkt des Deutschen Gewerkschaftsbundes dazu?

Die gesetzliche Rente ist die tragende Säule der Alterssicherung - und sie muss es auch bleiben. Weitere Einschnitte oder ein späterer Renteneintritt gehen an der Lebensrealität vieler Beschäftigter vorbei, gerade in körperlich belastenden Berufen oder in Schichtarbeit. Stattdessen geht es um Stabilisierung: Ein verlässliches Rentenniveau und eine breitere Finanzierungsbasis sind die Basis für soziale Absicherung im Alter.

DGB-Regionsgeschäftsführer Bremen-Elbe-Weser Christian Wechselbaum. Foto: Werner Musterer

Wir beobachten, dass Arbeitsplätze in der Industrie in großem Umfang abgebaut werden. Das liegt einerseits an den gegenwärtigen geopolitischen Rahmenbedingungen, andererseits aber auch zum Teil an der Transformation hin zu verstärkter Digitalisierung, Automatisierung und Dekarbonisierung. Welche Forderungen hat der DGB hinsichtlich der sozialen Abfederung dieses Prozesses?

Der Umbau von Industrie und Wirtschaft, zum Beispiel durch die Energiewende oder Digitalisierung, ist in vollem Gange. Entscheidend ist, dass dieser Wandel sozial gestaltet wird. Beschäftigte brauchen Sicherheit: durch Qualifizierung, durch tariflich abgesicherte Perspektiven und durch eine Industriepolitik, die Standorte hält. Instrumente wie Kurzarbeit haben sich bewährt, daran lässt sich anknüpfen. Transformation gelingt nur, wenn sie nicht mit Abstiegsängsten verbunden ist.

Der Fachkräftemangel gilt als eines der größten Probleme der Wirtschaft in Deutschland. Gleichzeitig ist die Teilzeitquote bei den Beschäftigten mit 40 Prozent enorm hoch. Bei den Frauen beträgt sie sogar fast 50 Prozent. Wie kann man dem aus Sicht des DGB entgegenwirken?

Viele Menschen, vor allem Frauen, arbeiten nicht freiwillig in Teilzeit. Es fehlt vor allem an verlässlicher Kinderbetreuung. Auch tun sich viele Arbeitgeber schwer damit, Frauen mit Arbeitsmodellen zu unterstützen, die zum Leben passen. Genau da liegt der Hebel. Wer weniger Teilzeit will, muss die Rahmenbedingungen verbessern. Denn gute Bezahlung und planbare Arbeitszeiten sind die wirksamste Fachkräftesicherung.

Die Küstenregion, für die Sie als DGB-Regionsgeschäftsführer verantwortlich sind, hat sich in den vergangenen Jahren zum Treiber des Ausbaus erneuerbarer Energien entwickelt und vom Boom der Windenergie profitiert. Sehen Sie diese Entwicklung durch die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums für eine EEG-Novelle in Gefahr?

Die Küstenregion hat sich zu einem Zentrum der Energiewende entwickelt. Das sichert Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Gesetzliche Änderungen durch das Bundeswirtschaftsministerium müssen daran gemessen werden, ob sie diese Entwicklung stärken oder bremsen. Für uns ist entscheidend, dass der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben wird und mit guter, tariflich abgesicherter Arbeit verbunden bleibt.

Was sind aus DGB-Sicht die wichtigsten Stellschrauben, um die strukturellen Defizite des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu beheben?

Es geht um Investitionen - in Infrastruktur, in Industrie, in klimafreundliche Technologien. Dort, wo Tarifverträge gelten und Beschäftigte mitbestimmen, kommen Betriebe erfolgreicher durch Krisen. Gleichzeitig brauchen die Menschen und die Unternehmen einen leistungsstarken öffentlichen Dienst mit ausreichendem Personal. Ein starker Standort braucht gute Arbeit, soziale Sicherheit und stabile Rahmenbedingungen.

Der DGB lädt jedes Jahr für den 1. Mai zur Maikundgebung in Cuxhaven ein. Archivfoto: Kramp

Zur Person:

  • Christian Wechselbaum, Jahrgang 1981, gebürtig aus Straelen/Nordrhein-Westfalen; heute wohnhaft in Lilienthal/Osterholz
  • Industriekaufmann; Diplom-Wirtschaftsjurist (FH)
  • 2007 - 2019: Gewerkschaftssekretär bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Schwerpunkt Gastgewerbe und Fischindustrie
  • 2019 - 2025: Regionalleiter bei der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Region Weser-Ems
  • Seit Dezember 2025: DGB-Regionsgeschäftsführer Bremen-Elbe-Weser

Maikundgebung:

  • 1 Uhr Parkplatz "Unikat" (Neufelder Straße), Cuxhaven
  • Begrüßung: Bernd Hesse, Vorsitzender DGB-Kreisverband Cuxhaven
  • Grußwort: Uwe Santjer, Oberbürgermeister Stadt Cuxhaven
  • Hauptrede: Andrea Wemheuer, Verdi-Landesleitung, Bezirk Niedersachsen-Bremen
  • Grußwort: Christoph Frauenpreiß, Mitglied des Deutschen Bundestages
  • Benjamin Wujkiw: Bericht eines Arbeitnehmers (Hafen), Siemens Gamesa
  • Live-Musik von "Mense - Rock'n Roll Since 1992"
  • Kinderbetreuung durch die Gewerkschaft der Polizei
  • Kuchenstand, Bewirtung durch das "Unikat"

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Redaktionsleiter
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