IHK Elbe-Weser: Regionale Wirtschaft macht Druck auf die Politik
Die IHK Elbe-Weser fordert bei ihrem Neujahrsempfang in Stade dringende Reformen und weniger Bürokratie, um die Widerstandskraft der regionalen Wirtschaft zu stärken. Unternehmer und Politiker diskutieren über Innovation und Wandel.
In der deutschen Wirtschaft brodelt es. BDI-Präsident Peter Leibinger sieht den Standort Deutschland "im freien Fall". Da kommt der Neujahrsempfang der IHK Elbe-Weser im Stadeum gerade recht, um das Stimmungsbarometer unter den versammelten Unternehmerinnen und Unternehmern einer Überprüfung zu unterziehen.
Um das Ergebnis vorwegzunehmen. Es steht auf "veränderlich". Einerseits erhielt der neue IHK-Präsident, der 54-jährige Unternehmer Sebastian Vossmann aus Harsefeld, bei seiner Begrüßungsrede immer dann den stärksten Applaus von den etwa 800 Anwesenden im Saal, wenn er deutlich wurde. "Die Wirtschaft schrumpft. Reformen gehen nicht weit und schnell genug", lautete so ein Satz. Kräftiger Applaus. Andererseits betonte nicht nur Vossmann die spezielle Widerstandskraft der vom Mittelstand und von Diversität geprägten Wirtschaft im Elbe-Weser-Raum. Resilienz nennt man das wohl auf Neudeutsch. Heißt konkret: vergleichsweise hohe Ausbildungszahlen und weniger Insolvenzen als der Durchschnitt.
"Unsere politische Geduld ist aufgebraucht"
Gute Nachrichten für die Region, aber kein Grund zur Sorglosigkeit. "Unsere politische Geduld ist aufgebraucht", so Vossmann. "Wir werden noch aktiver Reformen für den Mittelstand einfordern und unsere klare Haltung mit deutlichen Worten formulieren." Vossmann forderte von der Politik mehr Reformtempo, weniger Bürokratie und keine Angst vor Entscheidungen. Kräftiger Applaus.
In Kaliforniens Silicon Valley wird man mit etwas Erstaunen auf die Probleme der alten Welt blicken. Dort heißt es: Es ist besser sich hinterher zu entschuldigen, als vorher um Erlaubnis zu fragen. Die Hemdsärmeligkeit der Tech-Industrie mag Europäern und speziell ordnungsliebenden Deutschen fremd vorkommen. Sie führe allerdings immer wieder zu neuen Innovationswellen, die zwar auch alte Branchenriesen verschlucken können, aber auch neue hervorbringen, sagt einer, der es wissen muss. Konstantin Guericke ist Mitgründer der erfolgreichen Karriereplattform Linkedin und stammt aus Zeven. Linkedin gehört heute zum Giganten Microsoft und sorgt für immerhin 6,1 Prozent des Konzernumsatzes. Das sind bescheidene 200 Milliarden US-Dollar.
Große Veränderungen entstehen durch viele kleine
Die Tech-Industrie sei in stetigem Wandel, sagt Guericke. Da gehe es nicht immer ordentlich zu, sondern ums Ausprobieren. Denn große Veränderungen entstünden durch viele kleine. Manche der großen Unternehmen, wie die früheren Innovatoren von Apple, hätten die jüngsten Trends verschlafen und seien heute schwerfälliges Establishment. Andere, wie etliche KI-Startups, seien dabei, an deren Stelle zu rücken.
Guericke glaubt, dass es nach 40 Jahren Informationsrevolution zwei Trends gibt, die bleiben. Zum einen die Rückkehr aus dem virtuellen ins echte, physische Leben. Kein Rückfall in die analoge Welt, sondern reale Erfahrungen, die von mobilen digitalen Werkzeugen unterstützt werden. Zum anderen die Abkehr von der klassischen Erwerbsarbeit des Industriezeitalters hin zum selbstbestimmten Arbeiten in Netzwerken. Künstliche Intelligenz könne bei der Innovation helfen, wichtiger aber sei es, wenn Menschen von anderen Menschen lernen würden.
Der Drache lernt gerade neue Kunststücke
Aus Shanghai zugeschaltet war der CEO der Auslandshandelskammer in China, Maximilian Butek. Er warnte davor, den stotternden Wirtschaftsmotor im Reich der Mitte als Zeichen für dessen Niedergang zu deuten. "Der Drache geht nicht in Rente, er lernt gerade neue Kunststücke." China investiere in so genanntes High Quality Development, baue seine Industriepolitik komplett um und setze langfristig auf Klimaneutralität. Hier sieht Butek Chancen für deutsche Ingenieurskunst und strategische Allianzen zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen. Und wie immer im wahren Leben, komme es auch in China vor allem auf eines an: das Beziehungsnetzwerk und persönliche Kontakte.
In einer abschließenden Wirtschaftstalkrunde sagte Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens, dass Niedersachsen - offenbar anders als Berlin - beim Schutz kritischer Infrastruktur gut aufgestellt sei. Sie verwies darauf, dass das Land für dieses Jahr eine Bevölkerungsschutzkampagne plane. Geopolitisch sei die Lage ernst. Da helfe keine Problembeschreibung mehr. Es müsse gehandelt werden.
