Moin Cuxhaven

Eine Schürze der Liebe

von Jens Potschka | 02.03.2026

Seit vielen Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung und Information. Heute geht es um die Schürze.

Es gab eine Zeit, da erkannte man Großmütter nicht am Duft ihres Parfüms oder am Schwung ihrer Handtasche, sondern an einem Stück Stoff. Vorn gebunden, manchmal geknöpft, nie ganz gerade, selten ganz fleckenfrei. Eine Schürze war kein Accessoire. Sie war ein Arbeitsnachweis.

In ihren Taschen verschwanden Dinge, die in keiner Inventarliste auftauchten: Bindfaden, ein paar Münzen, ein Bonbon für den richtigen Moment. Und manchmal verschwand dort auch ein Geheimnis. Nicht jedes musste gelöst werden. Manche mussten nur sicher sein.

Diese Schürzen sprachen nicht. Sie handelten. Sie hoben Töpfe vom Ofen, als sei Hitze lediglich eine Randnotiz des Tages. Sie unterschieden zwischen einem Schnitt, der nach Pflaster verlangte, und einem, den man mit einem sanften Pusten und einem "Ist schon gut" heilte.

Sie fingen Tränen auf, ohne Protokoll zu führen. Und wenn ein Kind die Welt nicht mehr verstand, verschwand sein Kopf in diesem Stoff. Die Welt wurde kleiner, überschaubarer, warm. Wer das einmal erlebt hat, weiß: Es gibt Koordinaten, die kein Navigationssystem kennt. 

Kam Besuch unangemeldet, verwandelte sich die Schürze in Hauspersonal. Ein Wisch über die Tischkante, ein Griff nach der Kaffeekanne, ein Lächeln, und das Haus hatte wieder Haltung. So funktionierte das damals: ohne Akku, ohne App, ohne die Illusion, dass Fürsorge erst dann existiert, wenn sie gemessen wird.

Heute messen wir alles. Schritte. Kalorien. Keime. Wahrscheinlich würde man so eine Schürze unter Laborbedingungen betrachten. Dabei hat sie uns nie krank gemacht. Sie hat getragen. Gewärmt. Zusammengehalten.

Manchmal hängt noch eine irgendwo. Dekorativ, sagen wir dann. Wie ein Requisit aus einer anderen Epoche. Dabei war sie nie Dekoration. Sie war eine Haltung aus Baumwolle. Das stille Versprechen: Jemand ist da. Nicht spektakulär. Nicht digital. Aber zuverlässig. Und vielleicht ist das, was uns heute fehlt, kein weiteres Update. Sondern ein bisschen Mehlstaub auf der Vorderseite des Lebens, und jemand, der ihn nicht wegwischt, bevor er seinen Zweck erfüllt hat.

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Jens Potschka

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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