Moin Cuxhaven

Unvollkommenheit als Stärke: Wie Licht durch Risse Hoffnung bringt

von Jens Potschka | 18.08.2026

Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserschaft der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute geht es um Risse, durch die das Licht dringt.

Es gibt Tage, da wirkt die Welt wie ein Wettbewerb im Immer-mehr. Mehr Leistung, mehr Haltung und mehr Empörung. Wer durch die Nachrichten streift, begegnet Krisen, Rekorden und Menschen, die sich gegenseitig erklären, wie man zu sein habe. Es ist, als hätte die Gegenwart den leisen Verdacht verloren, dass ein Mensch auch unfertig wertvoll sein könnte.

Dabei geschieht das Wesentliche oft an den Stellen, die nicht makellos sind. Wer einmal in einer alten Kathedrale gestanden hat, kennt das. Das Licht fällt nicht durch den Stein. Es fällt durch das Glas. Nicht das Massive macht den Raum hell, sondern das Durchlässige.

Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, an einer Version unserer selbst zu arbeiten, die irgendwann einmal genügen soll. Gelassener wollen wir werden, mutiger, erfolgreicher. Und während wir dem Menschen hinterherlaufen, der wir vielleicht eines Tages sein könnten, verpassen wir die Begegnung mit dem, der heute Morgen mit uns in den Spiegel geschaut hat.

Die großen Irrtümer tragen oft höfliche Kleidung. Sie nennen sich Selbstoptimierung und meinen es zunächst gut. Doch irgendwann erzählen sie uns, das Leben beginne erst, wenn wir fertig sind. Fertige Menschen gibt es ungefähr so häufig wie Sommer ohne Wetter.

In einer Zeit, in der jeder Augenblick bewertet und vermessen wird, wirkt Freundlichkeit mit sich selbst fast wie eine stille Form des Widerstands. Sie ist selten laut, selten spektakulär. Aber sie verändert den Ton, mit dem wir unser eigenes Leben erzählen. Der Frieden beginnt nicht dort, wo alles gelungen ist. Er beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst Gericht zu halten.

Vielleicht ist das die unaufgeregte Weisheit dieses Sommertages: Wir müssen nicht erst jemand anderes werden. Es genügt, immer mehr der Mensch zu sein, der in uns längst darauf wartet, gesehen zu werden.

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