200 Jahre langer Weg: Die Schultüte im Wandel der Zeit
KREIS CUXHAVEN. Damals und heute: Wo die "Zuckertüte" ihren Ursprung hat und warum sie früher mit Zeitungspapier ausgestopft wurde.
Heute sind Schultüten in der Regel gefüllt mit Stiften und anderen Schreibwaren, Süßigkeiten und Spielsachen. Doch das war nicht immer so.
Die ersten Schultüten gab es vor rund 200 Jahren. Damals fanden Kinder eher Trockenobst oder eine süße Brezel in dem Behälter, wie der Bayrische Rundfunk weiß.
Der Rest der Tüte war demnach vor allem in der Nachkriegszeit mit zerknülltem Zeitungspapier ausgestopft; um die Tüte auszufüllen, aber trotzdem Geld zu sparen. Denn der Krieg hatte den allermeisten Familien zugesetzt und sie standen vor dem Nichts. Da war jeder gewonnene Taler wichtig.
Die Schultüte war früher im Osten Deutschlands verbreiteter als im Westen. Besonders in protestantischen Gegenden war sie bekannter als im katholischen Süden.
Außerdem war die Tüte in den Städten beliebter als auf dem Land. Hintergrund ist, dass die Schule dem gehobenen Bürgertum in der Regel wichtiger war als der Landarbeiterschicht. Auf dem Land gab es stattdessen gegebenenfalls eine große "Kuchenbrezel" für die Erstklässler zur Einschulung.
Im Osten sechseckig
Ihren Ursprung findet die Schultüte Erzählungen nach in Thüringen und Sachsen. Die Form des Behälters, den man auch "Zuckertüte" nennt, war schon damals dieselbe wie sie die Kinder heute kennenlernen: Im Osten waren die Tüten häufig sechseckig, während sie im Süden rund waren. Aber unten waren sie schon immer und überall spitz.
Die ersten professionellen Schultüten wurden Ende des 19. Jahrhunderts in einer Fabrik in Sachsen produziert. Hinzu gesellte sich eine Papierfabrik in Bamberg, die seit inzwischen über 100 Jahren Schultüten herstellt.
Heutzutage kauft allerdings nur noch die Minderheit die Schultüten im Laden oder im Netz. Viele Kinder basteln das Papierkunstwerk lieber am Ende der Kindergartenzeit selbst - oftmals gemeinsam mit den Eltern. Doch dabei wird ausschließlich die Verpackung gebastelt. Um den Inhalt der Tüten kümmern sich die Eltern in der Regel allein. Und was in der Tüte steckt, bleibt bis zum ersten Schultag geheim.
Kinderbuch sorgt für Brauch
In vielen ostdeutschen Schulen war früher ein Drahtgestell zu finden, an dem man die Zuckertüten aufhängen konnte. Dieser Brauch hat seinen Ursprung in dem Kinderbuch "Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen" aus dem Jahr 1852, in dem sich die Geschichte des Zuckertütenbaumes findet. Dieser soll im Keller oder auf dem Dachboden der Schule stehen. Laut dem Kinderbuch wachsen hier die Schultüten. Das Bilderbuch wurde auch von einer Lehrerzeitung empfohlen.
Das Drahtgestell gibt es noch heute vereinzelt an manchen ostdeutschen Schulen. Von diesem Gestell dürfen sich die Kinder ihre Schultüten bei der Einschulung herunterangeln. 1920 gab es ein weiteres Schultüten-Buch namens "Der Zuckertütenbaum" von A. Sixtus.
Der Brauch der Schultüte breitete sich von Deutschland auch nach Österreich und in die Schweiz aus. In anderen europäischen (Nachbar-) Ländern wie Frankreich gibt es den Brauch zum Schulbeginn hingegen (noch) nicht.
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