Vor beinahe zweieinhalb Jahren verunglückten die Insassen eines Cuxhavener Wattwagens bei Abfahrt von der Insel Neuwerk. Die Ursachen des Unfalls werden seit Dienstag vor dem Hamburger Amtsgericht beleuchtet.  Symbolfoto: Assanimoghaddam/dpa
Vor beinahe zweieinhalb Jahren verunglückten die Insassen eines Cuxhavener Wattwagens bei Abfahrt von der Insel Neuwerk. Die Ursachen des Unfalls werden seit Dienstag vor dem Hamburger Amtsgericht beleuchtet.  Symbolfoto: Assanimoghaddam/dpa
Vor Gericht

Wattwagen-Unfall vor Cuxhaven: Angeklagter riskierte Fahrt ohne Deichsel

von Kai Koppe | 07.07.2021

CUXHAVEN. Hat er das Wohl seiner Mitfahrer leichtfertig aufs Spiel gesetzt? Ein Wattwagenfahrer wird der Körperverletzung beschuldigt. 

Der 27-jährige Cuxhavener muss sich seit Dienstag vor dem Hamburger Amtsgericht verantworten. Der Wattwagenfahrer hatte vor mehr als zwei Jahren auf einer Rückfahrt von der Insel Neuwerk die Kontrolle über seine Pferde verloren. Als die Tiere durchgingen, kamen nicht nur der Beschuldigte selbst, sondern auch seine drei Fahrgäste zu Schaden. Der Kutscher, Spross eines alteingesessenen Wattwagen-Unternehmens hatte versucht, das Gespann ohne Deichsel zu lenken. Ein unter Wattwagenfahrern erprobter Notbehelf oder ein brandgefährliches Wagnis?

"Gängiges Mittel"

Das Ausmaß des Risikos, das der Beschuldigte am 7. Februar 2019 zum Nachteil seiner drei Fahrgäste in Kauf genommen hat, wird sich unmittelbar auf das Urteil auswirken. Erkennbar wurde das bereits am ersten Verhandlungstag: Immer wieder ging es im obersten Stockwerk des Strafjustizgebäudes am Hamburger Sievekingplatz, um die Frage, inwieweit sich ein Gespann ohne Deichsel manövrieren (oder besser gesagt: beherrschen) lässt. Der 27-Jährige auf der mit Klarsichtscheiben unterteilten Anklagebank beharrte am Dienstag darauf, letzteres sei durchaus möglich. Fraglos sei das von ihm umgesetzte Konstrukt ein "Provisorium". Gleichwohl sei der Verzicht auf die normalerweise zwischen den beiden Pferden angebrachte Längsstange ein "gängiges Mittel", sofern jene aus irgendeinem Grund nicht mehr einsatzbereit sei.

Pferde spielten verrückt

Genau das war an jenem Februarmorgen der Fall gewesen: Noch vor dem folgenschweren Unfall, der einen Rettungshubschrauber-Einsatz nach sich zog und darüber hinaus den Rettungskreuzer "Anneliese Kramer" auf den Plan rief, war die Deichsel gebrochen. Geschehen war das nicht einfach so, wie der Beschuldigte einräumen musste: "Das kann sein", antwortete er zögernd, als der Richter in einem an Schärfe gewinnenden Ton nachbohrte und zu guter Letzt wissen wollte, ob die beiden Pferde möglicherweise bereits ein auf dem als Entladestation fungierenden Hof Fock (Neuwerk) verrückt gespielt hätten. Und anstatt das Löschen der Fracht in der gewohnten stoischen Ruhe über sich ergehen zu lassen, losgerannt und gegen eine Mauer geprallt seien.

Unfallopfer: "In diesem Moment mit dem Leben abgeschlossen"

Des Eindrucks, dass mit wenigstens einem der beiden Pferde etwas nicht stimmte, will einer der Passagiere, seinerzeit Zusteller der Deutschen Post AG, schon beim morgendlichen Aufbruch in Cuxhaven gewonnen haben. Im Zeugenstand sprach der ehemalige Neuwerk-Postbote davon, dass ihn der Unfall, abgesehen von einigen körperlichen Blessuren, psychisch so mitgenommen hat, dass er vorzeitig in Pension gehen musste. Dabei habe er diese Tätigkeit mit einer Menge Herzblut versehen. "Das war mein Traumjob bei der Post", sagte der heute 65-Jährige wörtlich und sprach schwer atmend auch über jenen Moment, der seine berufliche Laufbahn vorzeitig beenden sollte. Er habe "mit seinem Leben abgeschlossen", als die Pferde auf dem Sträßlein, der von der Insel hinab ins Watt führt ausbrachen und das Gespann übereine neben dem Weg befindliche Grasnarbe rumpelte. Um kurz vor Zehn müsse sich das zugetragen haben, rekonstruierte das Gericht. Zuvor waren Kutscher, Insel-Postbote und zwei Neuwerk-Urlauber aufgesessen und hatten ein circa 200 Meter langes Wegstück vom Fock'schen Hof (nicht mehr) in einem als Halsbrecherisch beschriebenem Schlingerkurs zurückgelegt. Dabei soll sich ein Pferd teils neben dem Wagen bewegt und schließlich quergegangen sein. Als der Wattwagen kippte, sei er aus dem Fuhrwerk regelrecht "herauskatapultiert" worden, kann sich der Zeuge erinnern. Beim Aufschlag auf dem Boden verlor er offenbar das Bewusstsein.

Beschuldigter darf den Richter bei Lokaltermin überzeugen

Die Unfallstelle, die seinerzeit geräumt worden war, bevor die Wasserschutzpolizei auf der Insel eintraf, sollen die Prozessbeteiligten im Rahmen eines Folgetermins in zwei Wochen in Augenschein nehmen. "Es steht Ihnen frei, dort zu zeigen, wie man ohne Deichsel fahren kann", wandte sich der Richter am gestrigen Dienstag an den Angeklagten. Einen Wattwagen will das Gericht eigens zu diesem Zweck angemietet haben.

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Kai Koppe

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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