Technik-Fans reparieren wertvollstes Exponat im Aeronauticum Nordholz
NORDHOLZ. Mehrere Technik-Fans reparieren eine alte Militärmaschine, die als wertvollstes Exponat im Aeronauticum Nordholz gilt. Dringend gesucht werden noch spezielle Facharbeiter.
Weltweit gibt es noch drei Exemplare der historischen Militärmaschine "Arado 196". Die wertvollste wird einmal im Nordholzer Aeronauticum stehen. Verantwortlich dafür ist eine technisch begabte "Rentner-Gang". Doch die Männer kämpfen mit Problemen.
Der Rost hat ganze Arbeit geleistet. An mancher Stelle reicht eine Berührung, und das Metall rieselt zu Boden. Daran ändern auch die Planen nichts, die Tragflächen und Schwimmer des Flugoldtimers in einer Halle am Rande des Nordholzer Militärstützpunktes vor weiteren Schäden schützen sollen.
Männer im Rentenalter
Ein gutes halbes Dutzend Männer, die meisten davon im Rentenalter, haben vom Gelände des Luftschiff- und Marinefliegermuseums Aeronauticum aus Zutritt zur Werkstatt. Seit Jahren verbringen sie hier ihre Freizeit. Ihre Leidenschaft gehört dem Flugoldtimer Arado 196: Mehr als 80 Jahre alt ist die Militärmaschine, die während des Zweiten Weltkriegs vom Schiff aus zu Erkundungsflügen in die Luft katapultiert wurde und danach jahrzehntelang auf einem amerikanischen Militärgelände dahin rostete. Bis sie vor zehn Jahren als Leihgabe mit der Pflicht zur originalgetreuen Restaurierung in Kisten verpackt beim Förderverein des Aeronauticums landete.
Einige Bauteile sind bereits restauriert. Wie der Verstellpropeller. "Ein Original, 3,10 Meter im Durchmesser", erklärt Wilfried Rüsch fachmännisch. In seiner Hobbywerkstatt hat der Cuxhavener Oldtimerfan den Propeller auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Noch viel aufwendiger war es, den 9-Zylinder-Sternmotor von BMW auf Vordermann zu bringen. Dafür habe er sogar das Original-Handbuch der Bayrischen Motorenwerke bekommen, erzählt Rüsch stolz.
In seiner Freizeit
Stefan Köhler steht zeitgleich in der Lackierhalle der Sportfluggruppe Nordholz. Hauptberuflich arbeitet der gelernte Fluggerätmechaniker auf dem benachbarten Marinefliegerstützpunkt. Doch damit hat sein Engagement für die Arado nichts zu tun. Der leidenschaftliche Segelflieger repariert und restauriert in seiner Freizeit Kleinflugzeuge - vor allem die der Sportfluggruppe. Als er gefragt wurde, ob er den skelettartigen Rumpf der Arado wieder in ein ansehnliches Flugzeug verwandeln könnte, sagte er sofort zu.
Köhlers Aufgabe ist es, das zuvor in unzähligen Stunden von den Ehrenamtlichen gesäuberte und restaurierte Metallgestell mit Stoff zu bespannen und zu lackieren. "Ich habe den Flieger so bespannt, als ob er wieder fliegen könnte", erklärt er und fährt vorsichtig über den frisch lackierten Rumpf. Statt Baumwolle habe er sich für Coconite, einen modernen Bespannstoff aus Polyester, entschieden. "Baumwolle wäre viel aufwendiger gewesen und hätte nur zehn statt 50 Jahre gehalten."
Unterlagen fehlen
Nach dem anspruchsvollen Bespannen des Flugzeugrumpfes stellte sich die Frage nach der Originalfarbe. Eine schwierige Recherche für Bernard Jaeger, einer der wenigen jüngeren Mitglieder im Arado-Verein und wie Köhler aktiver Marineflieger. Es gibt keine Konstruktionszeichnungen oder sonstige Fertigungsunterlagen aus der Zeit der Arado-Produktion. Für die Restaurierung greift die Gruppe daher auf technische Handbücher, Wartungsunterlagen, alte Fotos und eine Farbtabelle vom Reichsluftfahrtministerium zurück.
Der Verein bestellte mehrere Farbmuster zum Test, ehe er sich entschied. "Wir sind dran am Original", ist Köhler mit kritischem Blick auf das Ergebnis überzeugt. Andererseits gebe es keine Garantie. "Auf Fotos sehen Farben immeranders aus als im Original", gibt er zu bedenken. Außerdem seien Farben damals noch nicht so UV-beständig gewesen.
Ein paar Korrekturen am Balkenkreuz stehen noch aus, dann ist Köhlers Arbeit am Flugzeugrumpf getan. Für ihn sei es ein spannendes Projekt gewesen, eines das seinen Erfahrungshorizont erweitert habe. "Wer kann heutzutage schon von sich behaupten, eine Arado bespannt zu haben?"
Stolz auf das Ergebnis
Uwe Giesecke und seine Mitstreiter vom Arado-Förderverein sind stolz auf das Ergebnis. Gleichzeitig sorgen sie sich um den Fortgang des Projektes. Die beiden ehemaligen Handwerker Walter Vooth und Peter Tischer haben in mühsamer Tüftelei von einer fehlenden Landeklappe nach alten Fotos ein perfekt passendes Holzmodell rekonstruiert. "200 Stunden", schätzt Tischer, "hat allein das gedauert." Doch das bringt die Truppe nur weiter, wenn sie auch die Tragflächen und die beiden Schwimmer sanieren kann. Dafür brauchen sie Experten aus dem metallverarbeitenden Bereich. "Wenn wir da jemanden hätten, der auch Zeit mitbringt, könnten wir die Sanierung innerhalb eines halben Jahres abschließen", schätzt Jaeger. Die Hobbyrestauratoren hoffen sehr, dass sich jemand bei ihnen mel-det (E-Mail: info@arado196.de, Telefon: 04721/6669399).
In einem halben Jahr könnte auch der Anbau am Museum fertig sein, in dem die sanierte Arado einmal ausgestellt werden soll. Die erläuternde Begleitausstellung informiert über den Bau und den Einsatz der Militärmaschine sowie über die Produktion, bei der einst unter anderem 1,9 Millionen Kriegsgefangene und rund 400.000 KZ-Häftlinge eingesetzt wurden.
Geschichte der "Arado 196"
Die "Arado Ar 196" war im Zweiten Weltkrieg das Standard-Katapult-Bordflugzeug der Großkampfschiffe. Der einmotorige Tiefdecker diente als Aufklärer und U-Boot-Jäger. Er wurde von 1938 bis 1945 als Nachfolger der "Heinkel He 60" gebaut. Während des Zweiten Weltkrieges kam die Arado Ar 196 als Standard-Bordflugzeug der deutschen Marine auf dem Kreuzer "Prinz Eugen" zum Einsatz.
Von 1946 an beherbergten die USA das militärische Fluggerät. Pünktlich zum 100-jährigen Bestehen der Marineflieger ist es nach jahrelangen Bemühungen als Leihgabe mit Restaurierungsverpflichtung an den letzten verbliebenen deutschen Marinefliegerstandort zurückgekehrt.
Am 6. Dezember 2012 kam der Flieger, verpackt in zwei Überseecontainern, als langfristige Leihgabe in Nordholz an. 2016 wurde der Förderverein Arado 196 gegründet. Aufgabe des Vereins ist es, das Fluggerät in enger Abstimmung mit der Marine und dem Aeronauticum zu restaurieren und im Museum auszustellen.
Neben der Nordholzer Arado ist auf der Welt nur noch die Existenz von zwei weiteren Militärmaschinen des Typs bekannt - eine steht in Bulgarien, die zweite in den USA.
Von Heike Leuschner