Aus für Aldi-Lager in Beverstedt: Ein Lastwagenfahrer erzählt
BEVERSTEDT. Das Aldi-Zentrallager in Beverstedt schließt zum Jahresende. Mitarbeiter Mathias Theloy war von Anfang an dabei.
Mathias Theloy ist in der Früh immer der Erste. Um 3.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn, schließt er auf. 27 Schlösser sichern das Zentrallager, jedes einzelne öffnet er. Damit die Lkw sofort gefüllt werden können, wenn die Schicht beginnt. Theloy war schon 1993 dabei, als das Lager eröffnet wurde. Ein herrlicher Sommertag, erinnert er sich. Ganz anders als am Donnerstag vor zwei Wochen.
Als der Geschäftsführer aus heiterem Himmel das Aus für das Aldi-Lager verkündete. "Das war wie ein Schlag ins Gesicht", sagt der stellvertretende Chef des Beverstedter Fuhrparks. Er sitzt am Küchentisch in seinem Einfamilienhaus in Mittelstenahe und blickt auf seine sorgsam gefalteten Hände. Thijs - wie ihn alle nennen - Theloy ist keiner, aus dem die Emotionen herausbrechen. Er ist bemüht, die Sache nüchtern zu betrachten ("Aldi muss was tun. Lidl hat uns überholt"), versucht, sie sich mit dem ein oder anderen Scherz auf Distanz zu halten.
Und trotzdem spürt man: Mit dem Lager verliert er seine Heimat. Theloy ist in Holland groß geworden, in der Nähe von Venlo, schon sein Vater war Lkw-Fahrer. Mit 12 fing er an, sich im Gewächshaus nebenan etwas dazuzuverdienen, mit 14 saß er schon auf dem "Bock", im Lkw eines Freundes seines Vaters ("nachts durfte ich das Steuer übernehmen"). Später machte er eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer, ging dann zur Armee und landete so in Deutschland, in Seedorf bei Zeven. Dort lernte er seine erste Frau kennen und heuerte nach der Armee bei einer Spedition an. "Langstrecke, Holland-Skandinavien. Das war eine tolle Zeit", erzählt er. Aber er war sechs Tage in der Woche unterwegs, seiner Frau gefiel das nicht.
So kam Thijs Theloy 1991 zu Aldi. "Anfangs hab ich gedacht, dass ich nicht lange bleibe", gesteht er. Zu schön war die Erinnerung an die Ferntouren. Und seine Ehe, der Grund für den Jobwechsel, zerbrach bald. Aber Aldi erwies sich als guter Arbeitgeber. "Aldi verlangt viel. Doch sie sagen es von vornherein, und sie bezahlen gut." Zudem entwickelte sich das Lager in Beverstedt, zu dem Theloy 1993 von Weyhe aus wechselte, zu einem Standort mit guter Arbeitsatmosphäre. "Das war hier immer eine kleine Insel", schwärmt der Lkw-Fahrer, "der Zusammenhalt ist groß - wie in einer Familie." Seit 2013 ist Theloy auch mit einer Aldi-Mitarbeiterin liiert. Seine Frau Susanne, Filialleiterin in Ihlienworth, hat er beim Ausliefern der Ware kennengelernt. Es zaubert beiden ein Lächeln ins Gesicht, als sie sich ans Kennenlernen erinnern. "Es war frühmorgens, noch im Dunkeln, und er hat mir einen Schreck eingejagt, als ich hinten am Lager die Tür aufgeschlossen hab und er da plötzlich stand", erzählt die 45-Jährige.
Ein Vorzeigelager
Dann wird sie wieder ernst. Auf Aldi lassen beide nichts kommen. Die Identifikation mit dem Arbeitgeber groß - trotz der Schließung. "Aldi musste was machen, es gab zu viele Zentrallager", sagen sie. Aber dass es Beverstedt so schnell trifft, damit haben sie nicht gerechnet. "Wir waren so etwas wie ein Vorzeigelager, hatten ein Plus, als andere schon kein Plus mehr hatten, Neuerungen wurden oft bei uns getestet", erzählt Theloy. Genützt hat es nichts. Theloy zuckt mit den Achseln. Er wartet jetzt darauf, was Aldi seinen Mitarbeitern anbietet. Wie viele im Beverstedter Lager. Das sagt jedenfalls Stephan Marquardt vom Betriebsrat. Der Konzern hatte angekündigt, dass er allen 139 Mitarbeitern einen neuen Job anbieten wird. In den Zentrallagern Seevetal (Landkreis Harburg), Hesel (Landkreis Leer) und Weyhe (Landkreis Diepholz). Aber noch lägen keine Job-Angebote vor, so Marquardt. "Der Geschäftsführer hat gesagt, dass er eventuell noch in dieser Woche mit einer Liste möglicher Jobs auf uns zukommt." Thijs Theloy wird wohl nicht wechseln. "Ich hab mir das angeguckt. Nach Weyhe und nach Hesel brauche ich zwei Stunden, nach Seevetal eineinhalb. Das ist zu weit", sagt der Mann aus Mittelstenahe.
Wegziehen aus dem Dorf wollen die beiden nicht. Finanziell kommen sie klar, das Haus werde er vermutlich mit der Abfindung abbezahlen können. Und einen Job, da ist sich der 53-Jährige sicher, wird er auch wieder finden. "Nur vermutlich nicht so gut bezahlt." So wird Mathias Theloy wohl am 31. Dezember zum letzten Mal seine Schlüssel hervorholen. Und wie immer alle 27 Schlösser sorgsam schließen. Ob er an diesem Tag vielleicht doch ein bisschen was von seiner Coolness verlieren wird, wird man sehen. Traurig, sagt er, sei das alles schon. "Man hat ja mit vielen Kollegen ein halbes Leben verbracht."
Von Inga Hansen