Bestand der Schweinswale in der Nordsee sinkt
KREIS CUXHAVEN / WILHELMSHAVEN. Sie sind die einzigen heimischen Wale im Wattenmeer und gehören zu den Kleinsten ihrer Art: die Schweinswale. Doch der Bestand sinkt.
Die Tiere, die auch im Mündungsbereich der Elbe zu Hause sind und mitunter sogar den Fluss herauf bis Hamburg schwimmen, müssen besser geschützt werden. Diese Forderung erhoben jetzt Experten auf einem internationalen Symposium in Wilhelmshaven.
Dabei stand die besondere Rolle der Wale im Ökosystem des Gezeitengebiets im Fokus. 40 Vertreter aus Forschung, Nichtregierungsorganisationen und Politik aus den Wattenmeer-Anrainern Dänemark, Deutschland und den Niederlanden diskutierten darüber. Veranstalter waren das Gemeinsame Wattenmeersekretariat (Common Wadden Sea Secretariat, CWSS) und das Unesco-Weltnaturerbe-Wattenmeer-Besucherzentrum Wilhelmshaven.
Der Mini-Flipper ist in Gefahr. Zwar gelten in der Nordsee die Bestände momentan als relativ stabil. 2016 schätzten Experten die Zahl der Wale in der Nordsee auf etwa 200 000 Exemplare. Zehn Jahre zuvor lebten dort allerdings noch mehr als 300 000 Schweinswale. In der zentralen Ostsee ist die Art inzwischen sogar vom Aussterben bedroht.
Die Hauptgründe für das langsame Verschwinden von Flippers kleinem Verwandten sind die Fischerei, die Schadstoffbelastungen der Meere und Unterwasserlärm, der etwa durch den Bau von Offshore-Windanlagen entsteht. Zwischen 2004 und 2018 sind Angaben der Bundesregierung zufolge mehr als 3000 tote Schweinswale allein an den deutschen Küsten von Nord- und Ostsee angeschwemmt worden. Schätzungsweise 60 Prozent der Meeressäuger, das ließen pathologische Untersuchungen vermuten, sind als Beifang in den Stellnetzen der Fischerei erstickt oder ertrunken, räumte die Bundesregierung 2016 auf eine Anfrage der Grünen ein.
Management-Plan gefordert
Meike Scheidat, Wageningen Marine Research, appellierte auf dem Symposium in Wilhelmshaven an die zuständigen Staaten, ihren auf dem Welterbestatus beruhenden Schutzverpflichtungen für die Schweinswale nachzukommen. Sie rief die Staaten auf, einen gemeinsamen Managementplan in Angriff zu nehmen.
Die Meeressäuger spielten bislang bei den länderübergreifenden Schutz- und Managementbemühen im Wattenmeer so gut wie keine Rolle, erklärte Sascha Klöpper, Stellvertretender CWSS-Exekutivsekretär. Während beispielsweise Seehunde und Kegelrobben jährlich grenzübergreifend gezählt werden und von einem gemeinsamen Schutzabkommen profitieren, sei vieles über die Situation des Schweinswals im Lebensraum Wattenmeer noch unbekannt. "Schweinswale im Wattenmeer machen uns die Forschung wirklich nicht leicht", erklärte Ursula Siebert, Professorin an dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung sowie Mitglied der Seehund-Expertengruppe der Trilateralen Wattenmeerzusammenarbeit (Trilateral Wadden Sea Cooperation, TWSC). "Das trübe Wasser des Wattenmeers und die Tiden machen die Beobachtung der Meeressäuger schwierig. Das Treffen dient uns dazu, den Wissensstand und die Techniken in den verschiedenen Regionen abzugleichen."
Im Mai 2018 hatte die Wattenmeer-Kooperation der drei Anrainerstaaten in ihrer Leeuwarden-Erklärung die Bedeutung des Schweinswals als Räuber und Schlüsselart für den Lebensraum erkannt, dessen komplizierte Interaktionen weiterer Forschung bedürfen.
Das Symposium soll nun Empfehlungen vorbereiten für länderübergreifende Schritte zum Schutz des Schweinswals im Wattenmeer. Unterstützt wurde das Symposium vom Bundesumweltministerium, dem dänischen Ministerium für Umwelt und Lebensmittel sowie dem niederländischen Ministerium für Landwirtschaft, Natur und Lebensmittelqualität.
Schweinswale:
Der Schweinswal (Phocoena phocoena), auch Kleiner Tümmler genannt, gehört zu den kleinsten Walarten der Welt. Die bis zu 1,80 Meter langen und 80 Kilo schweren Säuger gehören zu den Zahnwalen und sind die nächsten Verwandten der Delphine.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tummelten sich die auch "Kleiner Tümmler" genannten Schweinswale noch in großer Zahl in Küstennähe und bis weit in die Unterläufe von Ems, Weser und Elbe.
Die kleinen Meeressäuger sind perfekt an ihr Leben im Meer angepasst, ihre Speckschicht schützt sie vor Auskühlung. Sie können bis zu etwa 220 Meter tief tauchen und über sechs Minuten die Luft anhalten. Sie sind schnelle Schwimmer, die bei größerer Geschwindigkeit kurz mit dem ganzen Körper über der Oberfläche sind. Dabei können sie bis zu 20 Kilometer pro Stunde erreichen. Auch beim Atmen kommen sie nur kurz an die Wasseroberfläche, sodass man meist nur einen kurzen Blick auf die kleine dreieckige Rückenfinne erhaschen kann, bevor sie wieder abtauchen. Mit ihrem Echo-Ortungssystem finden sie ihre Beute auch im trüben Wasser und können sich gut orientieren.
Nach etwa zehn Monaten Tragzeit gebären die Schweinswale (meist im Mai und Juni) ein Junges. In dieser Zeit und der darauf folgenden Zeit des Säugens halten sich die Schweinswalmütter mit ihren Kälbern in bestimmten, oft flachen oder ruhigen, Seegebieten auf.
Deutschland ist zwar in Europa bei der Fläche der Meeresschutzgebiete (Natura 2000) führend, doch gibt es bisher keine Schutzmaßnahmen oder Managementpläne für Schweinswale.
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