Ziehen in der Auseinandersetzung um Kostenübernahme an einem Strang: Die Cuxhavener Rechtsanwältin Charleen Schirmer, der Internist Dr. Jürgen Lemmerhirt (M.) und Schirmers Mandant Uwe thom Suden, der inständig hofft, sich auf seine Gesundheitskasse in Zukunft verlassen zu können. Foto: Koppe
Ziehen in der Auseinandersetzung um Kostenübernahme an einem Strang: Die Cuxhavener Rechtsanwältin Charleen Schirmer, der Internist Dr. Jürgen Lemmerhirt (M.) und Schirmers Mandant Uwe thom Suden, der inständig hofft, sich auf seine Gesundheitskasse in Zukunft verlassen zu können. Foto: Koppe
Frage der Kostenübernahme

Cannabis auf Rezept: Cuxhavener Patient ringt mit Krankenkasse

von Kai Koppe | 24.01.2020

CUXHAVEN. Zur Schmerzlinderung bekommt ein Patient aus Cuxhaven Cannabis verschrieben. In der Frage um die Kostenübernahme ringt er mit seiner Krankenkasse.

Von der seit drei Jahren bestehenden Option, Hanf per Rezept zu verordnen, macht der behandelnde Arzt sehr zurückhaltend und ausschließlich nach sorgfältiger Prüfung Gebrauch. Trotzdem macht die Krankenkasse im nachfolgend beschriebenen Fall Probleme. Seither sieht sich Uwe thom Suden gezwungen, auf dem Rechtsweg um ein Arzneimittel zu kämpfen, das gesellschaftlich umstritten bleibt, ihm allerdings einen Rest an Lebensqualität garantiert.

Es hätte nicht viel gefehlt und Uwe thom Suden wäre hinter Gittern gelandet. In seiner Not hatte der Cuxhavener damit begonnen, das Kraut, das ihm half, selbst hochzupäppeln. Die grünen Stauden trieben üppige Blüten, durch einen Zufall flog der Eigenanbau auf. Unter dem schwerwiegenden Vorwurf, Betäubungsmittel unerlaubt "in nicht geringer Menge" zu horten, musste sich Uwe thom Suden im März 2017 vor dem örtlichen Amtsgericht verantworten - und befand sich zunächst in einer für ihn ganz und gar aussichtslose. Situation. "Aber wir hatten Glück", fasst seine Rechtsanwältin Charleen Schirmer aus der Kanzleigemeinschaft Cuxhaven zusammen: Glück, dass just am Tag der Verhandlung das Gesetz "zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" (besser bekannt unter dem Titel: "Cannabis als Medizin") in Kraft trat. Vor Gericht kam Schirmers Mandant deswegen mit einem blauen Auge davon. Was das Grundproblem anbelangt, war Uwe thom Suden aber noch lange nicht aus dem Schneider.

Dabei birgt der Fall des 64-Jährigen aus Sicht seiner Anwältin keinen Spielraum für Interpretationen: Der Cuxhavener raucht nicht, um sich zu berauschen, sondern weil sich das Hanf als einzig wirkungsvolles Mittel entpuppt hat, mit dem er im Alltag einigermaßen schmerzfrei über die Runden kommt. "Ich war eine Zangengeburt", berichtet der Mann mit dem weißgrauen Bürstenhaarschnitt; von Kindesbeinen an habe er Probleme mit seiner Schulter gehabt und in seinem späteren Leben aus diesem Grund mehrere Berufe aufgeben müssen. Thom Sudens Arzt Dr. Jürgen Lemmerhirt spricht von einer Plexusschädigung und von daraus resultierenden, für Betroffene nur schwer auszuhaltenden Muskelkontraktionen. Die Situation seines Patienten verkörpert auch für Lemmerhirt ein Beispiel für "die am wenigsten umstrittene Indikation für Cannabis".

Man sollte meinen, dass das Wort eines behandelnden Arztes bei den Kassen Gewicht hat. In thom Sudens Fall könnte man den Eindruck gewinnen, dass Krankenversicherer wenig auf fachliche Expertisen geben, ja sich sogar regelrecht querstellen - obwohl es um legal erworbene Cannabis-Präpararate geht, die wie jedes andere, auf Rezept bezogene Medikament aus der Apotheke stammen. Was dem Cuxhavener bislang im Streit mit der AOK Niedersachsen widerfuhr, wirft nicht nur genug Material ab für eine zweite, eigenständige Leidensgeschichte. Sondern nährt auch Zweifel an der Umsetzungspraxis des vom Bundestag verabschiedeten Cannabis-Gesetzes.

Obwohl Uwe thom Suden nachweisen kann, dass eine Schmerzbehandlung mit dem in Cannabis-Pflanzen enthaltenen Wirkstoffen THC und CBD in seinem Fall angezeigt ist, soll seine Kasse immer wieder versucht haben, sich durch Winkelzüge aus der Affäre zu ziehen: Das jedenfalls berichtet thom Sudens Anwältin - nicht ohne dabei auf die fatalen Folgen für ihren Mandanten hinzuweisen: Der nämlich stand im November 2019 vor einer Art von kaltem Entzug. "Man hat versucht, einem unter Schmerzen leidenden Menschen das einzige Medikament vorzuenthalten, was in seinem Fall wirkt", bilanziert Charleen Schirmer. Die auf Medizin- und Sozialrecht spezialisierte Juristin berichtet von einem ominösen digitalen Schriftsatz, den die Kasse plötzlich aus dem "Off" gezaubert habe - kein Einzelfall, nach ihren Worten: "Das habe ich bisher in fünf Verfahren erlebt!"

In der für thom Suden reichlich prekären Situation im vergangenen Herbst schloss Schirmer mit der AOK einen Vergleich: Für die Dauer der nächsten eineinhalb Jahre zahlt die Kasse nun thom Sudens Cannabis-Rezepte. Über die Frage, wie es anschließend weitergeht, wird man sich nach Einschätzung der Rechtsanwältin vor dem Stader Sozialgericht auseinandersetzen müssen.

Auf Rückfrage unserer Zeitung bestätigte die AOK, dass sie sich vorbehalte, bei Cannabis-Zubereitungen eine Kostenübernahme zu befristen - etwa dann, wenn aus medizinischen Gründen ein Therapieversuch angezeigt sei. "Die AOK Niedersachsen entscheidet nach Einzelfallprüfung", erklärte Pressesprecher Johannes-Daniel Engelmann und erwähnte im selben Atemzug, dass sein Haus neben dem behandelnden Arzt den medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) in die Begutachtung einbinde.

Über das Versuchsstadium, so nimmt Charleen Schirmer den Faden auf, sei man im Falle ihres Mandanten lange hinaus: Alternative Medikationen wurden hinlänglich getestet, so dass es laut Schirmer keinen Anlass für eine derartige zeitliche Begrenzung gibt. Ohne eine verlässliche Unterstützung durch seine Kasse hänge der Schmerzpatient thom Suden nicht nur in therapeutischer Hinsicht in der Luft. Schirmer macht auch ein erhöhten Rückfallrisiko in strafrechtlicher Hinsicht geltend: Nach ihren Angaben ist die Verzweiflung unter manchen Erkrankten groß genug, um zu versuchen, sich auf der Straße, also illegal mit Cannabis zu versorgen - sobald der rechtmäßige Weg in die Apotheke verstellt ist. "Ich habe tatsächlich Verfahren erlebt, in denen es um genau dieses Problem ging."

Auf Kosten der AOK Niedersachsen haben im ersten 2019er-Halbjahr 467 Versicherte medizinisches Cannabis bezogen. Über die Frage, in wie vielen Fällen sich der Weg zu einer Kostenübernahme ähnlich steinig gestaltete wie bei Uwe thom Suden, lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren. Nur mutmaßen kann der Betroffenen zudem, woran es in seinem Fall hakt: Gibt es ein Kommunikationsdefizit, liegt es an Unkenntnis oder überwiegt bei der AOK doch die Angst, missbräuchliche Drogennutzung zu unterstützen?

Aus Sicht von Jürgen Lemmerhirt ist die Motivlage auf Seiten der Krankenversicherer sehr viel profaner: Die schwerpunktmäßig aus Kanada (aber auch aus den USA und den Niederlanden) importierten Cannabisprodukte haben auf dem legalen Markt durchaus ihren Preis. Ein Gramm Blüten schlage, so Lemmerhirt, mit circa 15 Euro zu Buche. "Für die Kassen ist das natürlich teuer", räumt der in Cuxhaven niedergelassene Arzt ein. Man dürfe andererseits aber nicht außer Acht lassen, dass der im Cannabis enthaltene Wirkstoff "oft das einzige Medikament" sei, das ein darauf abonnierter Patient benötigt. Über viele Jahre hnweg.

Zur Rechtslage:

Eine vom Deutschen Bundestag verabschiedete Gesetzesänderung gestattet Ärzten, Cannabis als verschreibungspflichtiges Medikament zu verordnen.

Der Gesetzentwurf "zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" wurde Anfang 2017 in zweiter Beratung einstimmig angenommen.

Unter § 31 des Fünften Sozialgesetzbuches wurde seinerzeit unter anderem folgender Absatz eingefügt: "Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben Anspruch auf Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität (...), wenn (...) eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbar positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht."

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

(1 Stern: Nicht gut | 5 Sterne: Sehr gut)

Feedback senden

CNV-Newsletter

Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.


Top Nachrichten



Bild von Kai Koppe
Kai Koppe

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

koppe@no-spamcnv-medien.de

Lesen Sie auch...
Gesundheit

Neue Gruppe in Otterndorf: Selbsthilfe für Krebspatienten im Kreis Cuxhaven

von Wiebke Kramp

KREIS CUXHAVEN. Christiane Steffens (65) aus Otterndorf möchte Krebspatienten Mut machen. Ihnen soll der Rücken gestärkt werden, sich gegenseitig zu stützen und Austausch zu pflegen.

Am 12. November ist es soweit

Musicalsongs im Programm der Cuxhavener Sportgala

von Herwig V. Witthohn

CUXHAVEN. Sport und Kultur vereint - dass dies passt haben die Besucherinnen und Besucher der Cuxhavener Sportgala schön öfter erkennen können. Und auch bei der Gala am 12. November, 19 Uhr wird es wunderbare Songs zu hören geben.

Erstaufnahme-Einrichtungen

Wird die Kaserne in Cuxhaven eine Sammelunterkunft für Geflüchtete?

CUXHAVEN. Angesichts der steigenden Zahl an Schutzsuchenden in Niedersachsen will das Land weitere Sammelunterkünfte schaffen.

Mittelfinger gezeigt?

Nach umstrittener Geste: Verfahren gegen Cuxhavener Politiker Wegener eingestellt

von Kai Koppe

CUXHAVEN. Ein mutmaßlicher "Stinkefinger" gegen einen Querdenker-Aufzug hat für den Cuxhavener SPD-Politiker Gunnar Wegener kein gerichtliches Nachspiel.