Wie fühlt sich eine Depression an? In Cuxhaven kann man dies erleben
CUXHAVEN. Schwer, hoffnungslos, in der Abwärtsspirale: Wie schrecklich sich eine Depression anfühlt, wissen nur Betroffene - bisher. In Cuxhaven hat sich das jetzt geändert.
Depressionen nannte Christine Wagner am Donnerstag in der Kugelbake-Halle "eine der am meisten unterschätzten Krankheiten in Deutschland": Obwohl Millionen Menschen - Erkrankte und Angehörige - betroffen sind, der volkswirtschaftliche Schaden durch Arbeitsausfälle enorm ist und die Krankheit sogar tödlich enden kann. Viele der rund 10.000 Suizide in Deutschland resultieren aus einer Depression - auch der des Nationaltorwarts Robert Enke im Jahr 2009.
Endlich offen sprechen
Ein großes Unterstützungsnetzwerk könnte wesentlich leichter eingeschaltet werden, wenn nur endlich offen über das Thema Depressionen gesprochen würde. Das war die Motivation für den Beirat für Menschen mit Behinderungen der Stadt Cuxhaven und seine Vorsitzende Christine Wagner sowie die Lebenshilfe Cuxhaven mit ihren Gesellschaften, den 30. Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigungen unter das Motto "Depressionen" zu stellen.
Gefühlswelt erleben
Und dieses Thema sollte unbedingt unter Beteiligung der 2010 gegründeten Robert-Enke-Stiftung behandelt werden, fand Christine Wagner. Mit dem Projekt "Impression Depression" ermöglicht die Stiftung eine einzigartige Erfahrung: Auf dem Wege der Virtual Reality (VR = virtuelle Realität) die Gefühlswelt Betroffener nachzuerleben. Körperliche Schwere verleiht eine zehn Kilo schwere Bleiweste, den gefühlten Abwärtsstrudel macht eine VR-Brille sichtbar. Projektleiter Gianluca Maione und ein Team aus Psychologiestudenten sind mit der "Impression" deutschlandweit unterwegs.
"Aus der Gesellschaft heraus könnten wir vieles bewegen", erklärt Gianluca Maione. Früherkennung und Prävention hälfen nicht nur, persönliches Leid zu verhindern, sondern letztlich auch, Kliniken zu entlasten. Die virtuelle Erfahrung, die stets mit einer Reflexionsrunde endet, schaffe Verständnis und ermutige zu Offenheit, so Maione.
Barrieren einreißen
Bürgermeisterin Christine Babacé forderte bei der Eröffnung der von der Aktion Mensch großzügig geförderten Veranstaltung dazu auf, Barrieren zu beseitigen - "auch die im Kopf." Behinderung werde zu häufig mit dem Gedanken an Defizite verbunden, dabei sei es längst gesetzlich verankert, dass niemand aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden dürfe. Auswege aus oftmals verzweifelten Situationen zeigten die Aktiven an den Info-Ständen auf. Zum Beispiel Dörte Dalkner von der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB), wo auch Depressionen, teils in Verbindung mit Krankheiten oder schweren Schicksalsschlägen, immer wieder ein Thema sind: "Wenn plötzlich die Welt Kopf steht, ist es gut, Leute von draußen als Ansprechpartner zu haben."
Selbsthilfe ist ein Schlüssel
Schon Minuten nach der Eröffnung hatte Sabine Tscharntke von der Selbsthilfekontaktstelle Kibis im Paritätischen bereits die ersten Interessierten in eine der zahlreichen Depressions-Selbsthilfegruppen vermittelt. Ganz neu ist eine Gruppe für Betroffene einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Erste Anlaufstelle kann auch der offene Treff für Junge und Junggebliebene mit Lust auf neue Leute und Kreativität sein - immer donnerstags im Café Vielfalt des Paritätischen.
Betroffene werden Begleiter
Virginia Reyelt und Ulrich Rennemeier aus dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) für Sozialpsychiatrie und Nervenheilkunde am Ostebogen in Hemmoor informierten unter anderem über die ambulante psychiatrische Pflege und das ambulant betreute Wohnen. In der Begegnungsstätte des MVZ finden Betroffene Anschluss in einer Kreativ- und einer Spaziergruppe, außerdem unterstützt der Verein "Die Brücke Hemmoor e.V." psychisch Kranke im Land Hadeln. Ansprechpartnerin Mayen Filges ist darüber hinaus als "Ex-In"-Genesungsbegleiterin für fünf Stunden pro Woche im MVZ anzutreffen.
Bei dieser Fortbildung werden Betroffene in die Lage versetzt, andere in ähnlichen Lagen zu begleiten. Als Riesenchance bezeichnet Mayen Filges diese Fortbildung: "Man kann dort eine Menge über sich selbst lernen."
Die Angehörigen stehen in der Selbsthilfegruppe Vision in Cuxhaven im Vordergrund.
Pandemie fördert Probleme
Was Sport und Entspannung in einer Depression und präventiv bewirken können, erklärten Physiotherapeutin Tanja Sturm und ihr Team. "Viele Krankheitsbilder sind in der Pandemie durch Isolation oder andere Arbeitsabläufe verstärkt worden", hat Tanja Sturm beobachtet.
Auf allgemeine Fragen rund um das Thema Behinderung und Begleitung ging die Lebenshilfe Cuxhaven ein, während Sänger und Songwriter Daniel Denecke ("Lucky Heart") das Thema Hören in den Mittelpunkt stellte. Selbst hörbehindert, unterstützt er als Audiotherapeut mit dem "Café Ohrakel" auf digitalem Wege andere Betroffene. Hörbehinderte Kinder fördert er beispielsweise durch Gitarrenunterricht. Eine Lerneinheit sendete er am Donnerstag direkt mal live vom Cuxhavener Strand und versetzte auch die Gäste in der Kugelbake-Halle in gute Laune.
Den Schlusspunkt setzte Autor Tobi Katze ("Von meiner Depression hatte ich mir mehr erwartet") mit einer Live-Lesung.
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