Helgi Helgason gibt Royal Greenland in Cuxhaven Halt. Der 59-Jährige hat das Werk mit aufgebaut. Foto: Kuczorra
Helgi Helgason gibt Royal Greenland in Cuxhaven Halt. Der 59-Jährige hat das Werk mit aufgebaut. Foto: Kuczorra
Gesellschaft

Das Leben des Cuxhavener Isländers Helgi Helgason

von Joscha Kuczorra | 16.03.2019

CUXHAVEN. Noch in diesem Jahr verlagert Royal Greenland die Produktion seiner Eismeer-Garnelen nach Cuxhaven (wir berichteten). Damit wächst das Werk an der Elbmündung weiter.

Helgi Helgason ist dafür mitverantwortlich. Der Isländer hat den Cuxhavener Betrieb des grönländischen Staatsunternehmens mit aufgebaut. Und er ist Mitbegründer eines Vereins für in Cuxhaven und Otterndorf lebende Isländer.

Vor knapp sechs Jahrzehnten erblickte Helgi Helgason das Licht der Welt - in Húsavík, einem kleinen Ort im Norden Islands mit etwas mehr als 2000 Einwohnern. Als Jugendlicher träumte Helgason davon, Profi-Fußballer zu werden. Von der U-15- bis zur U-21-Auswahl durchlief Helgason alle isländischen Junioren-Nationalmannschaften. Als 16-Jähriger wurde er für zwei Monate zu einem Probe-Training bei New York Cosmos eingeladen. Einer seiner Teamkameraden: der brasilianische Weltfußballer Pelé. Der Verein bot Helgason im Anschluss einen langfristigen Vertrag an. Er lehnte ab. "Es war vielleicht ein bisschen viel für einen 16-Jährigen: von der isländischen Kleinstadt in die Weltmetropole New York", meint er heute.

So zog es Helgason zurück in die Heimat. Mit 17 Jahren wechselte er nach Reykjavik, um Fußball zu spielen, begann zudem eine Ausbildung zum Metzger. Er wollte einen Plan B haben, falls es mit Plan A - Berufsfußballer - nichts werden würde.

Seinen Traum verfolgte er weiter. Helgason wurde als junger Mann zwei Mal isländischer Meister, arbeitete im Alter von 21 Jahren als Spielertrainer. Dann bekam er ein Angebot aus Dänemark. Helgason wollte es annehmen. Kurz vor seinem Wechsel riss er sich das Kreuzband. "Mein Knie war kaputt", erinnert sich Helgason. Sein Traum zerplatzte.

Lange niedergeschlagen war der Werder-Bremen-Fan nicht. Er suchte sich Arbeit, wollte einen Job auf dem Meer. Denn als Schüler arbeitete er drei Jahre lang in den Sommerferien als Fischer. Mit seinem Vater fuhr er jeden Morgen raus auf See, um Kabeljau zu fangen.

"Als Metzger-Meister hat man alle Chancen in der Fisch-Industrie", versichert Helgason. So arbeitete er vom 25. bis 40. Lebensjahr für mehrere Firmen auf Island. Bei Samherji, seinem letzten Arbeitgeber in der Heimat, leitete er die Seehasen-Produktion. Samherji verlagerte die Fertigung dann aus steuerlichen Gründen nach Deutschland.

Das Unternehmen bot Helgason 2001 an, die Produktion in Cuxhaven weiterzuführen. Nach seinem Arbeitstag kam er nach Hause, erzählte seiner Frau Anna von dem Angebot. "Wir haben fünf Minuten lang nicht geredet. Dann hat Anna gesagt: Warum nicht? Lass es uns probieren. Wir sind beide so neugierig", sagt der vierfache Vater mit einem verschmitzten Lächeln. "Wir haben gesagt: Wenn nicht jetzt, dann niemals. Wenn es nicht geht, kommen wir zurück. Wenn alles gut geht, bleiben wir für immer."

Der Anfang sei nicht leicht gewesen. Helgason habe kein Wort Deutsch gesprochen, als er auswanderte. Aber die Familie blieb - zumindest vorerst. 2008 ging Helgason für Samherji acht Monate lang in die West-Sahara. An der marokkanischen Atlantik-Küste fischte das Unternehmen Sardinen mit Einheimischen.

Anschließend wechselte er für drei Monate zur Deutschen Salzfisch-Union. Dann meldete sich Royal Greenland. Das Unternehmen wollte das Kaviar-Werk in Cuxhaven kaufen. Helgason wurde 2010 Werksleiter.

Mittlerweile hat sich im Cuxland eine kleine Isländer-Gemeinde gebildet. Viele der Nordmänner arbeiten in der Fischindustrie. "Wir fühlen uns wohl in Cuxhaven", betont Helgason. "Vieles ist besser hier." Dazu zähle nicht nur das Wetter. "Island ist sehr teuer."

Auch einen Unterschied in der Mentalität der Menschen habe er im Vergleich zur Heimat feststellen können: "Ordnung muss sein in Deutschland. Isländer sind nicht so", erzählt Helgason schmunzelnd. "Für einen Isländer ist es sehr gut, mit Deutschen zu arbeiten. Die passen immer auf."

Mit einer Sache hat er aber so seine Probleme: das Siezen. Das falle ihm schwer, wenn er hochrangige Personen treffe: "Das kennt man nicht auf Island. Wenn es sein muss, versuche ich es. Sonst duze ich." Das habe er auch bei Royal Greenland eingeführt. Er hebt die gute Stimmung im Werk hervor. "Wir haben super Mitarbeiter", sagt Helgason über den "Multi-Kulti-Betrieb", in dem vor allem Deutsche, Isländer, Portugiesen und Spanier arbeiten.

Seit 18 Jahren lebt Helgason in Deutschland. Immer an seiner Seite ist Ehefrau Anna, in die er sich als 16-Jähriger verliebte. Zwei seiner Töchter leben in Húsavík und Den Haag. Die dritte Tochter wohnt in Cuxhaven - ebenso wie sein Sohn, der mittlerweile auch bei Royal Greenland arbeitet.

"Es war eine gute Entscheidung, nach Deutschland zu kommen", resümiert Helgason. Nur eine Sache fehlt ihm: das Angeln. Deshalb fliegt er jeden Sommer in seine Heimat. Drei Wochen lang Forelle fischen, "das ist Pflicht."

Royal Greenland:

Royal Greenland ist ein Fischerei- und Fischverarbeitungs-Unternehmen. Es ist zu 100 Prozent in staatlichem Besitz Grönlands.

Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Nordatlantik-Fisch.

Royal Greenland verfügt über insgesamt 48 Fischfabriken und Verarbeitungsanlagen in Grönland, Kanada und Europa.

Das Unternehmen hat weltweit etwa 2500 Mitarbeiter.

Der einzige Produktionsstandort Royal Greenlands in Deutschland ist Cuxhaven. An der Elbmündung ist das Unternehmen seit 2010 aktiv.

In Cuxhaven wird an zwei Standorten produziert: zum einen Kaviar vom Seehasen, zum anderen werden Naturfilets vom Kabeljau und anderen Arten in wieder verschließbare Beutel verpackt.

In Cuxhaven sind derzeit über 60 Mitarbeiter beschäftigt. Der Umsatz liegt momentan bei 40 Millionen Euro.

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Joscha Kuczorra

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

jkuczorra@no-spamcuxonline.de

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