"Ernas Welt": Generalsekretärin besucht Ausstellung im Cuxhavener Schloss Ritzebüttel
CUXHAVEN. Sylvia Löhmann, Generalsekretärin von "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland", wies während ihres Cuxhaven-Besuchs darauf hin, es werde noch immer von Juden und Deutschen geredet, dabei sei es längst an der Zeit, von der "jüdischen Community" zu sprechen.
"Mit dieser Ausstellung sind Sie Teil einer großen Familie!" Gemeint ist die derzeit im Schloss Ritzebüttel zu sehende Ausstellung "Ernas Welt", die die Generalsekretärin des bundesweiten Festjahres "321: 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland", Sylvia Löhrmann, am Sonntagvormittag besuchte. Zuvor hatte sie sich im kleinen Kreis im Barocksaal auf Einladung des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie" mit an der Thematik Interessierten ausgetauscht, über das Festjahr und die Fülle der damit verbundenen, ganz unterschiedlichen Aktivitäten berichtet.
Erika Fischer, Sprecherin der Cuxhavener Regionalgruppe des Vereins, konnte in ihrer Begrüßung auf den guten Besuch der Ausstellung "Ernas Welt" verweisen. Kuratiert wurde die, wie berichtet, von Dr. Frauke Dettmer, deren von Bürgermeister Bernd Jothe in seiner Begrüßung noch einmal gewürdigte langjährige Forschungsarbeit über die Juden in Cuxhaven und ihre Schicksalswege nach der Machtergreifung der Nazis Grundlage der mit zahlreichen noch unveröffentlichten Dokumenten bestückte Ausstellung ist. Es war die Arbeit der gebürtigen Cuxhavenerin und ehemaligen Leiterin des Jüdischen Museums Rendsburg, die dem Verein dann auch die eigentliche Initialzündung bot, sich für ein Projekt im Rahmen des bundesweiten Festjahres zu bewerben.
"Ernas Welt. Die Cuxhavenerin Erna Asch-Rosenthal und ihre Familie. Integration, Verfolgung, Versöhnung" - so der komplette Titel der Ausstellung - ist Teil von insgesamt 1800 Veranstaltungen zum Thema "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschand". Immer noch, so Generalsekretärin Löhrmann, werde von Juden und Deutschen geredet, dabei sei es längst an der Zeit, von der "jüdischen Community" zu sprechen. Und beide, die jüdische und die deutsche Community, hätten nun zum ersten Mal nach der Shoah gemeinsam und "auf Augenhöhe" ein solches Festjahr gestaltet. Ein Verein habe sich eigens dafür gebildet und es gäbe ein ganzes Netzwerk von Beauftragten und geförderten Projekte in allen Bundesländern. Und ihnen allen geht es darum, den Blick auf jüdisches Leben in den jeweiligen Regionen zu richten.
"Antisemitismus ist überall"
Drei Kernziele, so die ehemalige Bildungsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, bestimmen das Festjahr: zu zeigen, wie konstitutiv jüdisches Leben in Deutschland ist, wie sehr es zu ihm gehört und die Community nicht zuallererst als "Überlebende des Holocaust" wahrgenommen werden wollen. Und dass der Antisemitismus heute "eine stärkere Sagbarkeit" bekommen habe. "Antisemitismus ist überall", ihn und jedwede Ausgrenzung gelte es vehement zu bekämpfen. Der Satz von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Festrede: "Die Bundesrepublik Deutschland ist nur vollkommen bei sich, wenn Juden sich hier vollkommen zu Hause fühlen" sei absolut richtig. Von Normalität jedoch könne angesichts der Tatsache, dass Kinder jüdischer Schulen immer noch durch eine Sicherheitsschleuse gehen müssten, noch nicht gesprochen werden.
Dr. Franz Rainer Enste, seit Oktober 2019 Niedersächsischer Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens, hob an dem bundesweiten Festjahr vor allem eins hervor: Es befasse sich bei aller nie endenden Notwendigkeit der Erinnerungskultur "einmal nicht mit der Shoah", sondern mit jüdischem Leben in Deutschland jetzt. Und das Schöne daran sei, dass davon "im Kleinen unwahrscheinlich viel stattfindet". Was den Antisemitismus heute angehe, warnte er vor dem, was sich im Netz abspielt. Das müsse "mit größter Sorgfalt" beobachtet werden.
Familienschicksale
Am Beispiel von Erna Asch-Rosenthal deutlich zu machen, "dass es normale Menschen waren, denen unnormale Taten angetan wurden", nannte Dr. Frauke Dettmer den Hauptaspekt der Ausstellung "Ernas Welt" und die Erna Asch-Rosenthal eigene Kraft der Versöhnung. Als einzige Überlebende ihrer Familie hat zeitlebens den Kontakt zu einer befreundeten Cuxhavener Familie gehalten. Geschichte anhand von Personen- und Familienschicksalen zu erzählen, bringt uns Geschichte näher, macht sie begreifbarer - vor allem für die junge Generation.
Zwei von ihr, Franziska Mueller und Christoph Geest, beide Schüler des Amandus-Abendroth-Gymnasiums, machten genau in der Runde am Sonntagvormittag deutlich. Bei Franziska Mueller war "Das Tagebuch der Anne Frank" der Anstoß gewesen, in der Schule tiefer in die Thematik einzusteigen. Bei Christoph Geest war es neben vielen anderen genutzten Informationsmöglichkeiten auch das Gespräch mit den aus ihrer Lebenswelt berichtenden Großeltern, wo Geschichte dann ganz nahe kam.
Von Ilse Cordes