Vor 50 Jahren: Als etliche Hadelner über Nacht zu Cuxhavenern wurden
CUXHAVEN. Genau 50 Jahre ist es her, dass etliche Bürger aus den Hadelner Gemeinden über Nacht zu Cuxhavener wurden. Eine Erinnerung an das Historische.
Eine Liebesheirat war es mitnichten, die da vor einem halben Jahrhundert geschlossen wurde: Die meisten betroffenen Gemeinden (heute: Stadtteile) hatten mehr oder weniger große Bauchschmerzen angesichts einer Fusion, die sie nicht nur die Eigenständigkeit, sondern womöglich auch einen Teil ihrer Pfründe kosten sollte. Inzwischen gelingt es, sich mit einem Schmunzeln der 1972 vollzogenen Eingemeindungen zu entsinnen. Das jedenfalls tat die Mehrzahl der Gäste aus Altenwalde, Altenbruch oder Lüdingworth, die sich zum Jubiläumsempfang im Cuxhavener Schloss einfanden.
Ein Stück Souveränität
Mit einer "goldenen Hochzeit" verglich Oberbürgermeister Uwe Santjer den Empfang, zu welchem die Verwaltung nicht zuletzt die Orträte eingeladen hatte. Die Lokal-Gremien, die in Altenbruch, Altenwalde, Lüdingworth und Sahlenburg tagen, sind ein Stück Souveränität, das anno 1972 in die "neue Zeit" hinübergerettet wurde. Über Zugeständnisse, die der Stadt Cuxhaven damals in monetärer Hinsicht entlockt wurden, sprach Santjer in seinem Grußwort. Er erwähnte Gelder für Straßenunterhalt und für neue Turnhallen und (im Sahlenburger Fall) auch den mit einer Million Mark zu Buche schlagenden Bau des Waldfreibades. "Hochzeitsgeschenke" erwartete selbst die der Stadt zugeneigte Gemeinde Berensch-Arensch. Das Bild der Ehe bemühend sprach der spätere Ortsvorsteher Siegfried Osterndorff damals von kleinen Zuwendungen, die in den Flitterwochen doch ganz normal seien.
Angst vor dem "Einheitsbrei"
Anderswo hielt man überhaupt nichts davon, die Eigenständigkeit an die Nachbarstadt zu verscherbeln. "Cuxhaven bedeute für uns Stand, Hafen und Schiffe", fasste Lüdingworths Oberbürgermeister Thomas Brunken die dominierende Stimmungslage im Altkreis Land Hadeln zusammen. Der Kreisstadt Otterndorf stieß der Gedanke an einen sich durch die Gebietsreform ergebenden Exodus bitter auf. Unter den Beitrittskandidaten, überwiegend gut situierte Marschengemeinden, grassierte laut Brunken die Angst davor, von der in den Sechzigerjahren wirtschaftlich ins Trudeln geratenen Stadt Cuxhaven zur Ader gelassen zu werden.
Dass die eigene Identität in einem "Einheitsbrei" untergehen werde, warnten die Eingemeindungsgegner. Sie verglichen das sich im Zuge der Eingliederung flächenmäßig verdreifachende Stadtgebiet mit den Dinosauriern: Letztere seien aufgrund ihrer Größe ausgestorben - weil es ihnen nicht gelungen sei, vom Herzen entfernt liegende Gliedmaßen ausreichend mit Blut zu versorgen. Man maß die Distanz zwischen dem Cuxhavener Rathaus und Süderende (Oxstedt) und rief letztendlich sogar den Staatsgerichtshof an. Noch heute, so Thomas Brunken, komme es vor, dass im Tresen-Gespräch die Rechtmäßigkeit der Eingemeindung angezweifelt werde.
Blick zurück ohne Groll
Ausnahmen sind solche Stimmen - davon darf man im Jahr 2022 ausgehen. Bei der Feierstunde, die knapp drei Wochen nach dem eigentlichen Eingemeindungsjubiläum stattfand, war von Groll nichts zu spüren. Ortsbürgermeister scherzten mit den Dezernentinnen. Viele "Ehemalige", die als Abgesandte aus dem Rathaus die Ortsratssitzungen begleitet hatten, freuten sich über ein Wiedersehen im Schloss. Mochten Udo Brozio und seine "Fishermen" auch vom "rauen Wind" singen, der "bei uns im Norden" weht - im Gotischen Saal blieb der Ton herzlich. "Wir sind alle Cuxhavener", fasste der Oberbürgermeister schließlich zusammen. Und meinte damit mehr als die formale Zugehörigkeit der einstigen Gemeinden zum Stadtgebiet.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.