Gorch-Fock-Schule als Pilgerstätte für Gäste aus China?
CUXHAVEN. "Was passiert eigentlich mit der früheren Gorch-Fock-Schule?" Über Jahre hinweg sah es für viele Cuxhavener so aus, als sei das aus der Kaiserzeit stammende Gebäude dem Verfall anheim gegeben worden. Endlich scheint Bewegung in die Nachnutzungsfrage zu kommen: Eine Idee, die bereits 2017 kolportiert wurde, nimmt offenbar Gestalt an. Unter historischen Vorzeichen schließt sich dabei sogar ein Kreis.
Eigentümer der im Jahr 1908 als Kiautschou-Kaserne errichteten Gorch-Fock-Schule ist ein Investor aus China. Nach Angaben der SPD-Ratsfraktionsspitze handelt es sich dabei um einen einflussreichen Unternehmer, der das Gebäude vor zwei Jahren erworben hat und die Historie des Gebäudes in den Mittelpunkt seiner Sanierungspläne stellen möchte: In Form eines kleinen Museums, so heißt es, wolle der aus Quingdao ("Tsingtau") stammende Chinese den eigenen Landsleuten den Militäralltag in der wilhelminischen Ära näherbringen. Nachvollziehbar ist dieses Ansinnen, wenn man um die deutsche Kolonialgeschichte im ostasiatischen Raum weiß: Vor dem Ersten Weltkrieg hielten deutsche Truppen in der heutigen Provinz Shandong ein sogenanntes "Schutzgebiet Kiautschou" besetzt. Dahinter steckten handelsstrategische Erwägungen und das Versprechen, neuen Siedlungsraum in Übersee zu schaffen. Vor allem dürfte es um Großmannssucht und das Bestreben Wilhelms II. gegangen sein, sich gegenüber den Erzrivalen England und Frankreich ebenfalls als Kolonialherr zu profilieren. Damit kaiserliche Träume Gestalt annehmen konnten, wurden ab 1897 deutsche Bauingenieure und die Kriegsmarine gen China entsandt. In der Bucht von Kiautschou sollte eine Art Musterkolonie entstehen, deren Militärarchitektur dem Cuxhavener Vorbild entsprach.
Gäste aus China im Blick
Das Gebäude in der Gorch-FockStraße diente also als Blaupause und bildet damit ein Element der deutschen Besatzungsgeschichte, die der als pressescheu geltende Investor auf Europareise befindlichen Besuchern aus Fernost zugänglich machen möchte. Dabei soll die ehemalige Kaserne nicht bloß als Erinnerungsort, sondern offenbar als touristisches Gesamtangebot vermarktet werden - Übernachtung in geschichtsträchtigem Ambiente inklusive. Nach Angaben des SPD-Ratsherren Oliver Ebken versuchte der Käufer nämlich eine namhafte Hotelkette für sein Projekt zu gewinnen: "Hilton hat anscheinend kein Interesse gezeigt, jetzt sucht man einen hiesigen Hotelbetreiber", berichtete Ebken, der sich immer wieder mit der Zukunft des den heutigen Cuxhavenern vor allem als Schulstandort präsenten Gebäudes befasst hat. Die Verlagerung der dort untergebrachten Gorch-Fock- in die Bleickenschule habe "keine Begeisterungsstürme" hervorgerufen", rief der Ratsherr in Erinnerung. Erst recht nicht, nachdem vor der Frontseite das Unkraut zu sprießen begann und Anrainer von über die leeren Schulflure schleichenden, ungebetenen Besuchern erzählten. "Will man das Gebäude verwahrlosen lassen?" Mit dieser Frage wandte sich die SPD-Ratsfraktion an den als Mittelsmann zwischen dem Chinesen und dem örtlichen Rathaus tätigen Verkäufer. Bekanntermaßen handelt es sich dabei um die Firma GS-Projekt Bau, die im Jahr 2015 das Gesamtareal an der Gorch-Fock-Straße (8200 Quadratmeter) von der Stadt Cuxhaven erworben, sich aber von dem sanierungsträchtigen Schul-/Kasernenbaus getrennt hatte. Im rückwärtigen Grundstücksbereich will die Immobilienfirma drei Mehrfamilienhäuser errichten, parallel dazu fungiert sie als Objektverwalter für den chinesischen Investor.
Museum nur ein Teilaspekt
Über besagte Verbindung wurden nun Details über die angedachte Gebäudenachnutzung bekannt: Der geplante "Wallfahrtsort" für Gäste aus dem Reich der Mitte wird nur einen Teil der früheren Kiautschou-Kaserne einnehmen, unter dem selben Dach soll offenbar auch eine kleinere Anzahl von Wohnungen entstehen. Das eingangs erwähnte Hotel schließlich bewegt sich nach Auskunft des SPD-Ratsfraktionsvorsitzenden Gunnar Wegener in einer Größenordnung von 50 bis 60 Betten.
"Ich sehe diese Sache betreffend keine baurechtlichen Probleme", betonte Wegener, der froh ist, dass der militärisch interessierte Investor auf Druck der Sozialdemokraten "aus der Deckung" gekommen ist.
Chronik
Die Cuxhavener Kiautschou-Kaserne, Baujahr 1908, wird am 20. April 1909 ihrer Bestimmung (Stammsitz der Matrosen-Artillerie-Abteilung Kiautschou) übergeben.
Nach dem 2. Weltkrieg dient das Gebäude britischen Besatzungskräften. 1949 nimmt dort die Gorch-Fock-Schule den Betrieb auf.
Nach Auflösung des Schulstandortes verkauft die Stadt im Jahr 2015 das gesamte Gelände in einem Bieterverfahren. Erlös: 430 000 Euro.
Der Bieter veräußerte das Gebäude an einen Investor aus China.