Rainer Könemann steht vor dem Senvion-Werk. Foto: Scheer
Rainer Könemann steht vor dem Senvion-Werk. Foto: Scheer
Windradhersteller

"Hätte keiner gedacht": Das sagen Mitarbeiter über das Senvion-Aus in Bremerhaven

28.11.2019

BREMERHAVEN. Nach mehr als zehn Jahren schließt das Bremerhavener Senvion-Werk im Fischereihafen seine Tore. Der Elektroinstallateur Rainer Könemann war von Anfang an dabei.

Rainer Könemann atmet tief durch. "Man versucht ja, das realistisch zu sehen", sagt er. "Aber wenn dann die letzte Anlage, die man hier gebaut hat, aus der Halle gerollt wird, dann geht da schon Wehmut durch einen durch." Zwölf Jahre lang hat der Elektroinstallateur beim Anlagenhersteller Senvion Windräder gebaut. Am Jahresende ist Schluss - das Senvion-Werk am Labradorhafen schließt seine Tore.

In der Halle steht noch eine Turbine für ein Windpark-Projekt in Österreich. "Die wollte der Kunde nicht mehr haben", sagt Könemann. Daneben stapeln sich Büromöbel, Leitern und Treppen, Werkzeugkisten, Körbe voller Haken, Schäkel und Stroppen. "Das wird jetzt alles aufgeräumt und sortiert", erklärt Könemann. "Können andere bestimmt noch was von gebrauchen." Im Turbinenwerk hat der Ausverkauf begonnen.

Dass es einmal so weit kommen würde, hatte Könemann sich nicht vorstellen können, als er 2007 bei dem Windradhersteller anfing. Damals hieß das Unternehmen noch Repower und baute im Fischereihafen gerade ein neues Werk für seine neuen, riesengroßen Offshore-Windturbinen. "Da war viel Euphorie, Windkraft war in aller Munde", erinnert sich Könemann. Die neuen Windparks auf See sollten mit ihrem sauberen Strom nach und nach Atom- und Kohlekraftwerke ersetzen. Ein ganzes Land setzte zur Energiewende an. "Man wurde gebraucht", sagt Könemann noch immer ein bisschen stolz.

Klar, es gab die kleinen Dellen und Tiefs - Monate, in denen im Werk wenig zu tun war, in denen sie Überstunden abbummelten oder auf ihren Arbeitszeitkonten Minusstunden ansammelten. Als Betriebsrat verhandelten sie das dann mit der Werksleitung und fanden eine Lösung. "Es ging ja immer irgendwie weiter, die Perspektive war da", sagt Könemann.

In der Nordsee bestückte das Werk die Windparks "Alpha Ventus", "Nordsee Ost", "Nordsee 1", "Nordergründe" und "Trianel Borkum II" mit seinen Anlagen; vor der belgischen Küste entstand "Thornton Bank", in der Irischen See der Windpark "Ormonde". Mehr als 240 leistungsstarke 5- und 6-Megawatt-Turbinen - jede so groß wie ein Doppelhaus und 350 Tonnen schwer - verließen seit 2008 die Halle, dazu Hunderte Anlagen für Windparks an Land, die bis nach Chile, Kanada und Australien exportiert wurden. "Ich hätte nie gedacht, dass es mit dem Werk mal zu Ende gehen würde", sagt Könemann.

Auch nicht, als 2015 nebenan der Fundamenthersteller Weserwind Pleite ging. Oder als der Konkurrent Adwen 2017 seine Halle dichtmachte. Nicht einmal, als das Schwesterunternehmen Powerblades auf der anderen Straßenseite 2018 die Produktion von Rotorblättern einstellte. "Vielleicht hätte man drauf kommen können", sinniert Könemann rückblickend. Die Bundesregierung hatte die Ausbauziele für Offshore-Windparks gekappt, die subventionierten Festpreise für Windstrom gestrichen und so die Konkurrenz unter den Herstellern verschärft. Weil Auftragslöcher drohten, suchten die Unternehmen im Ausland nach neuen Absatzmärkten. Das Geschäft wurde immer schwieriger. "Aber es hat keiner darüber nachgedacht, dass es uns auch treffen könnte", sagt Könemann. "Alle glaubten: Wird schon irgendwie weiterlaufen."

Dann kam im April der Insolvenzantrag. Ein Schock. Als im Juli immer noch kein Investor gefunden war, fragten sie sich: Wie lange geht das noch gut? Im August verkündete die Unternehmensführung auf einer Betriebsversammlung das Aus: Kein Investor für das Turbinenwerk.

"Es gibt Kollegen, die glauben es immer noch nicht", sagt Könemann. "Die glauben, es geht nächstes Jahr weiter." In der vergangenen Woche wurde die letzte Turbine an das Windparkprojekt "Trianel Borkum II" ausgeliefert. Seitdem wird ausgeräumt. Nur die Kräne sollen in der Halle bleiben, die mehr als ein Jahrzehnt lang der Arbeitsplatz von Rainer Könemann und seinen Kollegen war. "Viele waren die ganze Zeit dabei", sagt er. Als ehemaliger Betriebsratsvorsitzender kennt er sie alle; jetzt sieht er sie mit traurigen Gesichtern durch die Halle laufen. Dass die Krankmeldungen und Fehlzeiten nach der Verkündung der Werksschließung nach oben gingen, lässt Könemann nicht gelten. "Alle haben bis zum Schluss mitgezogen", versichert er. Sogar der Auftraggeber bedankte sich nach der Auslieferung der letzten Turbine bei den Senvion-Werkern für das "große Engagement bis zuletzt".

Die November- und Dezember-Gehälter werden die 200 Beschäftigten noch bekommen; dann wechseln sie allerdings in eine Transfergesellschaft, die ihnen den Übergang in neue Jobs erleichtern soll - mit Beratung, Praktika, Weiterbildung. Könemann sieht die ganze Sache realistisch: "Ich bin jetzt 58. Das ist nicht gerade das Alter, in dem alle Chefs einen unbedingt noch einstellen wollen." Andererseits: Auch in Bremerhaven werden gut ausgebildete Fachkräfte gesucht. Rund ein Zehntel der Kollegen, schätzt er, hat schon einen neuen Job gefunden. Auch Rainer Könemann streckt seine Fühler jetzt aus, zu den Werften, vielleicht einem Handwerksbetrieb. "Nur mit der Windenergie", sagt er, "habe ich abgeschlossen."

Von Christoph Barth

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