"Herr der Äpfel": Apfelpapst aus Zeven bringt neues Buch heraus
WOHNSTE. Apfelpapst Eckart Brandt hat sein neues Buch "Die erste Hälfte meines Lebens" herausgebracht und darin seine Erinnerungen festgehalten.
"Mein Gott, was für ein hässliches Kind." Mit diesem Satz empfängt eine Hebamme Eckart Brandt, als er am 17. Januar 1950, zwei Monate zu früh, in Zeven das Licht der Welt erblickt. Die gute Frau stört sich an der länglichen Schädelform des Knaben. Noch markanter ist die ihm wachsende goldblonde, rötlich schimmernde Lockenpracht, die den Jungen schon bald unverwechselbar macht. Wer kennt ihn nicht, den Bücher schreibenden "Apfelpapst", den über Deutschland hinaus bekannten Bio-Obstbauern, der sich um Zucht und Erhaltung alter Apfelsorten verdient gemacht hat. Jetzt, 70-jährig und immer noch wild gelockt, blickt er zurück in die Vergangenheit, lässt Kindheit, Jugend und Studienzeit wieder aufleben. In dem Buch "Die erste Hälfte meines Lebens" hat er seine Erinnerungen festgehalten.
Der Autor stellt seinen Schilderungen ein Zitat des Staudenzüchters Karl Foerster vorweg: "Wer Träume verwirklichen will, muss wacher sein und tiefer träumen als andere." Eckart Brandt ist ein wacher Mensch, will stets so viel Wissen in sich aufsaugen, wie irgend möglich. Er träumt, träumt lange, greift aber immer beherzt zu, wenn sich die Gelegenheit bietet und kämpft dann hartnäckig für sein Ziel.
Frieden mit der Mutter
Nach dem Grund für seine Biografie gefragt, verweist der "Herr der Äpfel" auf Theodor Fontane, der mit seinen Erinnerungen die Wunden seiner Kindheit zu heilen versuchte. Bei Eckart Brandt ist es die Mutter, die ihren Sohn mit ihren christlichen Wertvorstellungen jahrzehntelang quält. Doch der Autor rechnet nicht ab, versucht zu ergründen, warum sie so gehandelt hat, und schließt schließlich Frieden mit ihr.
Der kleine Eckart wächst mit seiner jüngeren Schwester in Wohnste bei Sittensen in einem streng religiösen Elternhaus auf. Der Vater, ein Kriegsversehrter, der bei Kämpfen in Russland einen Arm verlor und daraufhin seinen Traum, einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen, begraben musste, muss sich, so gut es geht, irgendwie durchschlagen und entdeckt schließlich sein Herz für die Imkerei.
Hang zu Albernheiten
Fotos zeigen den kleinen Eckart als glückliches pausbäckiges Kind, der Junge wird aber auch als schüchtern und ängstlich mit einem Hang zu Albernheiten beschrieben. In der Schule hat er keine Probleme, begeistert sich schnell für Sprachen. Die Religion durchdringt alle Winkel des kindlichen Lebens. Für die "gesamte umfangreiche Brandt'sche Sippschaft", wie der Autor schreibt, ist die Heilige Schrift die Richtschnur des persönlichen Lebens. Es gilt, die böse, sündige Welt mit ihren Vergnügungen zu meiden.
Im Alter von acht Jahren bekehrt sich Eckart Brandt auf einer Großevangelisation Billy Grahams "zum Herrn Jesus". Von seiner abgrundtiefen Sündigkeit und Verderbtheit überzeugt, fällt er auf der Bühne vor Gott auf die Knie und bekennt sein sündiges Leben. Nur noch ein Werkzeug Gottes sein: Damit hat er später als pubertierender Jüngling so seine Probleme, vor allem, wenn sich nachts unter der Bettdecke etwas regt und er sich lustvoll berührt.
Unglücklich in Buxtehude
Den Eltern ist der Wissensdurst ihres Sohnes bewusst, und so schicken sie ihn auf das Gymnasium in Buxtehude. Für die damalige Zeit eher ungewöhnlich. Doch unter dem Schlagwort "Chancengleichheit" streben auch Kinder von Bauern und Handwerkern nach Bildung.
Als Junge vom Dorf bleibt Eckart Brandt relativ isoliert. Er ist unsportlich, zu dick und hat viele Sommersprossen, dafür kaum Freunde. Das Alleinsein kompensiert er durch fleißiges Lernen. Als "nicht besonders glücklichen Lebensabschnitt" bezeichnet Brandt die Schulzeit in Buxtehude. Gleichzeitig bekommt die Mutter Wind von dem frevelhaften Tun unter der Bettdecke und versucht, mit "allen Möglichkeiten seelischen Drucks" ihren Sohn auf den ihrer Meinung nach rechten Weg zu führen.
Im Frühsommer 1968 macht Eckart Brandt sein Abitur. Mit einem Notendurchschnitt von 2,0 gehört er zu den Besten seines Jahrgangs. In Hamburg studieren will er. Doch was? Er entscheidet sich für Geschichte, Anglistik und Germanistik, aber auch Psychologie, Soziologie und Sozialpädagogik faszinieren ihn. Er studiert alles, was ihn interessiert, doch nur solange, bis sein Wissensdurst gestillt ist.
Das Stadtleben macht ihn frei. Er entdeckt neue Perspektiven, neue Wege. Mit einem Stipendium für die ersten zwölf Semester in der Hand ist er seinen Eltern gegenüber unabhängig, nur ihm fehlt das Ziel. Er beginnt drei Doktorarbeiten, von denen er keine zu Ende bringt. Nach Ablauf des Stipendiums muss er sich dann selbst finanzieren, fängt an zu jobben, fährt Schnaps aus, arbeitet als Redaktionsassistent für die ARD-Tagesschau und als Model. Für ein Heimwerkermagazin stellt Brandt die neue Herbst-Tapetenkollektion vor, preist Gemüse an und tritt in Schulungsfilmchen auf.
Liaison mit Elke Loewe
Irgendwann dämmert ihm, dass ein Bürojob nicht das Richtige ist. Ihn zieht es wieder raus in die Natur. Auf einem Moorbauernhof in Friedrichsdorf bei Gnarrenburg lernt er die Autorin Elke Loewe kennen, verliebt sich in sie und bezieht mit ihr einen stattlichen Marschenhof am Hüller Rönndeich. Zum Anwesen gehört auch ein halber Hektar Obsthof, auf dem alte Apfelsorten wie Finkenwerder Herbstprinz und Gravensteiner wachsen.
Eckart Brandt kommt auf den Geschmack und beschließt, sich als Bio-Obstbauer selbstständig zu machen - ohne Grundausbildung, ohne Eigenkapital. Ein neues Kapitel seines Lebens beginnt.
Der Rest ist bekannt: Eckart Brandt begeisterte sich für alte Apfelsorten, sammelt und vermehrt sie. Im Frühling 1988 pflanzt er seine ersten 250 Halbstämme mit alten Sorten auf einem gepachteten Obsthof in Osten-Altendorf. Der Handel mit Jungbäumen alter Sorten, die wenig anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind, beginnt.
Auf dem richtigen Weg
Auch wenn Kollegen mit dem Kopf schütteln, ist sich Brandt sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Er schreibt Bücher, die mehrfach aufgelegt werden. Als "Ideenbotschafter für Artenvielfalt" wird ihm 2015 in Mailand der "Oberdieck-Preis" verliehen. Das Fernsehen schaut regelmäßig bei ihm in Großenwörden vorbei, "Spiegel" und "Stern" klopfen ebenfalls an seine Tür. Als Retter alter Apfelsorten, als Bewahrer ihrer Vielfalt, wird Eckart Brandt weit über Norddeutschland hinaus bekannt.
Den Kontakt zu seinem Heimatdorf hat er in all den Jahren nie verloren. Auch heute noch schaut er regelmäßig vorbei, genießt die Aufenthalte in seinem kleinen Refugium. Hier kann er in Erinnerungen schwelgen und mit seinem verstorbenen Vater sprechen - und auch mal einen Gast empfangen. Eckart Brandt ist sofort bei seinem Lieblingsthema: alte Apfelsorten. "Ich musste damals als unkundiger Obstbauer eine Nische besetzten", erzählt er. "Vielen war der Schatz, der dort auf alten Obsthöfen wuchs, gar nicht bekannt."
Kein zielstrebiger Mensch
Brandt versucht, mit seinem neuen Buch auch ein zeitgeschichtliches Dokument abzuliefern. Zu Beginn seiner Autobiografie schildert er, wie das Leben auf dem Dorf in den 1950er- und 60er-Jahren aussah und stellt dem Leser auch Eltern, Großeltern und Urgroßeltern vor. Die großen Veränderungen in seinem Heimatdorf lässt er ebenfalls nicht unerwähnt. "Den enormen Strukturwandel in der Landwirtschaft, der sich innerhalb eine Generation vollzog, fand ich festhaltenswert", so der Autor.
Brandt scheint mit sich im Reinen, wenn er von seinem Leben erzählt. Ein zielstrebiger Mensch sei er nie gewesen, sagt der 70-Jährige. "Wenn es eng wurde, ist mir immer was Neues eingefallen." Als Steinbock habe er sich dann nicht so leicht von seinem Weg abbringen lassen.
Sicherheitsbedürfnis
Mit geringen materiellen Bedürfnissen und einem wenig ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis ausgestattet, ist Eckart Brandt seinen ganz eigenen Weg gegangen. Doch woher die Kraft? "Eine gute Übung war sicherlich die christliche Erziehung", sagt Brandt schmunzelnd. "Ich konnte nur dran wachsen oder dran kaputt gehen." Als Ideenbotschafter für Artenvielfalt auf der Weltausstellung in Mailand ausgezeichnet worden zu sein, ehre ihn. "Es bestätigt mich darin, nicht alles verkehrt gemacht zu haben."
Im Buchhandel
Das Buch "Die erste Hälfte meines Lebens: Vom Land in die Stadt - und wieder zurück" von Eckart Brandt ist im KJM-Verlag erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
Von Jakob Brandt
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