Polizeihauptkommissar Karsten Frischknecht: Kennenlernen schafft Vertrauen. Foto: red
Polizeihauptkommissar Karsten Frischknecht: Kennenlernen schafft Vertrauen. Foto: red
Notunterkunft

Ich bin als Mensch und nicht als Polizist aufgetreten

von Maren Reese-Winne | 11.12.2018

ALTENWALDE/CUXHAVEN. Polizeihauptkommissar Karsten Frischknecht war als Polizeibeamter in der Notunterkunft eingesetzt. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach, wie er im Interview mit unserer Zeitung verrät.

Was ist für Sie die einprägsamste Erinnerung an die Zeit der Nuk?

Es gab unzählige Momentaufnahmen, die ich als außergewöhnlich bezeichnen würde. Eine ist auf einem Foto festgehalten worden und erinnert mich täglich an die Zeit, da dieses Bild in meiner Wohnung steht. Es ist Heiligabend 2015 entstanden. Drei Jungs hatten mich gefragt, ob ich mich mit ihnen fotografieren lassen würde. Natürlich willigte ich ein und als das Foto gemacht werden sollte, wollten fünf junge Frauen mit darauf. Wenn Menschen aus ihrer Heimat fliehen, da sie dort unter anderem Opfer staatlicher Gewalt geworden sind, und genau diese Menschen sich nach sehr kurzer Zeit mit einem Polizeibeamten ablichten lassen wollen, dann ist das ein tolles Gefühl und zeigt auch, dass die Polizeiinspektion Cuxhaven einen guten Weg gegangen ist.

Ein weiteres Beispiel für diesen guten Weg habe ich in der Silvesternacht erlebt. Im Vorfeld waren viele Spekulationen bezüglich der Wirkung der Knallkörper auf die Bewohner angestellt worden. Es wurde befürchtet, dass Raketen und Knaller Ängste oder Erinnerungen an Kriegsereignisse hochkommen lassen könnten. Durch Vorgespräche und eine dann laufende Informationskette konnten die Befürchtungen ausgeräumt werden. Meine Frau und ich haben die Bewohner in der Silvesternacht besucht und zum Jahreswechsel eine entspannte Atmosphäre vorgefunden.

Wie haben Sie es damals geschafft, das Vertrauen der Bewohnerinnen und Bewohner zu gewinnen?

Die Polizei war vom ersten Tag an präsent. Durch den ständigen Kontakt war eine Vertrauensbildung möglich. Aus der Distanz mit wechselnden Ansprechpartnern wäre dies vermutlich nicht gelungen. Ich bin den Menschen in erster Linie als Mensch und nicht dem Flüchtling als Polizeibeamter begegnet. Hierdurch sind eine gegenseitige Akzeptanz, Verständnis und Vertrauen aufgebaut worden. Als diese für beide Seiten angenehme Situation geschaffen war, war automatisch auch meine Position gefestigt. Dieser Umstand spiegelt sich auch heute noch wider, wenn ich ehemalige Bewohner der Nuk in Cuxhaven treffe.

Wie klappte die Verständigung?

Gut, dank der heutigen Technik. Das Internet bietet viele Möglichkeiten. Außerdem konnten genügend Bewohner sich international verständigen. In einer reizfreien Umgebung klappt Kommunikation gut, notfalls auch mit "Händen und Füßen". Und wenn nicht hat, dann waren die Dolmetscher da.

Haben Sie noch Kontakt zu einzelnen Personen oder wissen von deren Werdegang?

Ja, es gibt mehrere Personen, deren Schicksale ich von der Anlandung im Schlauchboot in Südeuropa über die Ankunft in Altenwalde bis heute verfolgen kann. Zu einigen besteht noch ein lockerer persönlicher Kontakt. Auch hier spielen die neuen Medien eine Rolle. Andere Personen treffe ich gelegentlich in der Stadt. Die Begegnungen sind wie in der Nuk freundlich. Vor etwa drei Monaten bin ich in der Bremer Innenstadt höflich angesprochen worden. Auf den zweiten Blick erkannte ich einen ehemaligen Bewohner der Nuk.

Was ist von der Nuk geblieben? Auf welche Erfahrungen können Sie heute zurückgreifen?

Mehrere Gedanken kommen: Eine Kaserne, die wieder verfällt. - Durch meinen Dienst dort habe ich das Glück gehabt, über einen Rand meines Tellers zu schauen, den ich zuvor noch nicht kannte. - In der Nuk sind Menschen aufeinandergetroffen, die Menschlichkeit verbunden hat. Und wenn es mal keine sofortige Verbindung gab, dann lag es meist an den unterschiedlichen Sozialisationen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand, in Thailand verbeugt man sich und die Inuit-Völker beriechen sich. Alles eine Frage der Sozialisation. Wenn man selbst bereit ist, anfänglich fremde Bräuche, Rituale oder Vorgehensweisen zu betrachten, sie sich dann erklären lassen, besteht die Möglichkeit, eine gereifte Entscheidung zu treffen. Vorurteile können beseitigt und ein freundlicher Umgang hergestellt werden. Das habe ich mitgenommen.

Die Polizeiinspektion Cuxhaven hat sich bereits vor dem Eintreffen der ersten Bewohner aufgestellt und ist nicht unvorbereitet in die Situation getreten. Dieses Engagement ist sicherlich nicht messbar, hat aber den Umstand mitgebracht, dass es weder in der Nuk noch später gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und Polizei gegeben hat. Leider ist das nicht überall in Deutschland so gewesen.

Und auch, wenn die Frage nicht gestellt worden ist: JA, ich würde wieder in die Nuk gehen.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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