Im Kreis Cuxhaven fehlen Hebammen: Neue Hilfe für werdende Mütter
KREIS CUXHAVEN. Immer mehr Frauen im Landkreis Cuxhaven finden keine Hebamme. Jetzt soll es Hilfe geben: Es wurde eine neue Gruppe gegründet.
Von Martina Albert
Wenn das Baby viel schreit oder nachts nicht zur Ruhe kommt, wenn der erste Brei ansteht oder die Brust entzündet ist - immer dann steht eine Hebamme frischgebackenen Müttern mit Rat und Tat zur Seite. Im Kreis Cuxhaven finden jedoch immer mehr Frauen keine Hebamme, die sie betreuen kann. Sie bleiben auf sich gestellt. "Ein unhaltbarer Zustand", findet die Cuxhavener Hebamme Maritta Schoepe. Die Diakonie Cuxland hat jetzt, um den Frauen zu helfen, eine offene, kostenfreie Gruppe für Schwangere gegründet.
Manchmal mag Maritta Schoepe ihren Anrufbeantworter gar nicht abhören, wenn sie in ihre Hebammenpraxis kommt. Denn sie weiß: Wenn jetzt Anfragen von Frauen drauf sind, wird sie allen absagen müssen.
Nicht zu schaffen
Das Problem kennt auch Monika Ahlf, Hebamme aus Otterndorf. "Ich nehme für das Jahr 2022 keine Frauen mehr an, die ihren Geburtstermin vor Mai haben." Das heißt im Klartext: Frauen, die jenseits der zwölften Schwangerschaftswoche sind, kann sie derzeit nicht mehr annehmen. Und so hat Monika Ahlf dann auch gleich ihren Anrufbeantworter besprochen, dass sie keine neuen Frauen betreuen kann. "Es tut einem im Herzen weh, aber es ist sonst nicht zu schaffen", sagt die 44-Jährige. "Wir Hebammen müssen uns auch selbst schützen", betont sie.
Teilweise arbeite sie sechs Wochen durch, ohne einen freien Tag gehabt zu haben. Zwar seien es dann nicht jeden Tag acht Stunden, aber die dauernde Einsatzbereitschaft schaffe einen. Bei Maritta Schoepe führt der Hebammenmangel zu der paradoxen Situation, dass Frauen Fotos vom positiven Schwangerschaftstest schicken und anfragen, ob sie sie betreuen kann.
Nur in Teilzeit
Knapp 30 freiberufliche Hebammen gibt es derzeit im Landkreis, viele arbeiten nur in Teilzeit, sind noch zu einem bestimmten Stundenanteil in einer Klinik mit Geburtenstation angestellt oder haben selbst Kinder, um die sie sich kümmern müssen. Schlicht zu wenig, um alle schwangeren Frauen im Kreis, die das wünschen, zu betreuen.
Maritta Schoepe arbeitet Vollzeit als freiberufliche Hebamme, dennoch stößt sie schon länger deutlich an ihre Grenzen. Sie fahre aus Zeitgründen nicht mehr länger als 20 Minuten zu den Frauen. Ihre Diagnose fällt hart aus: "Schwangere Frauen im ländlichen Raum haben verloren. Sie kriegen sehr wahrscheinlich keine Hebamme, die sie vor und nach der Geburt betreut", sagt sie.
Intensive Betreuung
Dabei ist eine intensive Betreuung im Wochenbett, wenn also das Baby gerade geboren ist, besonders wichtig. Sie nennt ein Beispiel: "Hat eine Frau keine Hebamme, bedeutet das mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht stillt." Denn bei kaum einer frischgebackenen Mutter funktioniert das Stillen gleich reibungslos, oft wird Unterstützung benötigt.
Und auch sonst gibt es so viele Dinge, die frischgebackene Eltern umtreiben: Warum schreit das Kind so viel? Woher soll ich wissen, was es braucht? Wann soll ich zufüttern? "Wenn da keiner ist, der einem zur Seite steht, kann das schnell zu einer Frustration zwischen Eltern und Kind führen", sagt auch Steffi Kunz. Die Hebamme ist zwar erst vor sechs Wochen nach Cuxhaven gezogen, kennt aber die Problematik des Hebammenmangels auch aus der Zeit, in der sie noch im Frankfurter Raum praktiziert hat. "Da wurde einem von verzweifelten Eltern schon mal Geld angeboten", sagt die 46-Jährige.
Nicht unvorbereitet sein
Doch nicht nur nach, sondern auch vor der Geburt sei eine gute Betreuung durch eine erfahrene Hebamme wichtig, betont Monika Ahlf. Denn wer keinen Geburtsvorbereitungskurs besuchen kann, gehe unvorbereitet in die Geburt, das bedeute wiederum häufig verstärkten Einsatz von Schmerzmitteln, da die Frauen Angst hätten und nicht wüssten, was auf sie zukommt und wie sie in den Wehen mit den Schmerzen umgehen können.
Diese Lücke will die Diakonie Cuxland nun mit der neu gegründeten Gruppe für Schwangere schließen. Maritta Schoepe, die die Gruppe mit leitet, will den Frauen dort zusammen mit ihren Mitstreiterinnen neben Wissen rund um Geburt, Säuglingspflege und Wochenbett vor allem auch eines mitgeben: Selbstbewusstsein. "Wichtig ist es, den Frauen zu vermitteln: Du bist eine Frau, dein Körper ist dazu gemacht, ein Kind zu kriegen und zu stillen." Denn nur so könnten Frauen lernen, sich auf ihre natürlichen Fähigkeiten und auch ihren Instinkt zu verlassen.
Vielfältige Ursache
Dabei komme es in den letzten Jahren verstärkt vor, dass sich Mütter und auch die Väter schwertun mit ihrer neuen Rolle. "Jede Familie lebt für sich, es leben kaum noch mehrere Generationen unter einem Dach. Wissen, das früher innerhalb der Familien weitergegeben wurde, fehlt." Um so wichtiger ist die Begleitung durch Hebammen. Das neue Angebot in Cuxhaven richtet sich deshalb genau an die Frauen, die keine Hebamme gefunden haben.
Die Ursache für den Hebammenmangel sei vielfältig, so die drei Hebammen: Neben den stetig steigenden Versicherungsbeiträgen, die dazu führen, dass mittlerweile kaum eine freiberufliche Hebamme eine Begleitung während einer Geburt außerhalb einer Klinik anbietet, seien die Hebammen auch schlicht zu schlecht bezahlt.
Zeitlicher Einsatz am Wochenende
Hinzu komme der hohe zeitliche Einsatz und die Flexibilität, mit der sie auch an Wochenenden und deutlich nach Feierabend für die Frauen im Einsatz sind. "Wenn eine Frau am Wochenende eine entzündete Brust hat, kann ich sie nicht auf Montag vertrösten", nennt Steffi Kunz ein Beispiel.
Dennoch: Alle drei Hebammen lieben ihren Beruf. Trotzdem hoffen sie, dass einiges anders wird. Monika Ahlf bringt es auf den Punkt: "Ich wünsche mir, dass politisch endlich verstanden wird, wie wichtig der Beginn des Lebens ist und wie viel Folgekosten es spart, wenn für eine gute Geburt, eine gute Bindung und eine gute Stillsituation gesorgt ist."
Kontakt
Die neue Gruppe für Schwangere trifft sich mittwochs von 10 bis 11.30 Uhr in der Diakonie Cuxland in der Marienstraße 50 in Cuxhaven. Sie wird geleitet von Carmen Ewen, die bei der Diakonie für die Schwangerenberatung zuständig ist, Hebamme Maritta Schoepe und Kinderkrankenschwester Martina von Glahn. Kontakt unter Telefon (0 47 21) 56 04 13 oder per E-Mail an carmen.ewen@evlka.de