Cuxhavener Paar will mit innovativer Idee das Baugewerbe revolutionieren
CUXHAVEN. Heiko Sowade und seine Frau Diana haben sich viel vorgenommen. 15 Millionen Euro investieren sie in eine Fertigungshalle in Cuxhaven-Groden. Dahinter steht nicht weniger als eine Revolution im Baugewerbe.
Der Hausbau steht vor einem grundlegenden Wandel. Aktuell ist die Baubranche für 40 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich, was vor allem an der Zementherstellung liegt. Nachwachsendes Holz bietet sich stattdessen als nachhaltiger Baustoff der Zukunft an. Und das nicht nur im Einfamilienhausbau.
Außerdem sollte das Haus der Zukunft bestens gedämmt und mit minimalem Energieaufwand zu heizen sein. Künftig werden dafür in der Regel Solaranlagen eingesetzt , die so viel Energie erzeugen, wie die Häuser verbrauchen, am besten sogar noch mehr, um das E-Auto zuhause auftanken zu können.
Siemens-Chef Joe Kaeser hatte die Revolution bei der Einweihung des Cuxhavener Turbinenwerks 2017 bereits angekündigt, als er sein Publikum mit dem Satz überraschte, "wir werden unsere Häuser in Zukunft mit Strom heizen".
Firmenzusammenführung in Groden
Der Cuxhavener Unternehmer Heiko Sowade beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Zukunft des Bauens. Er schickt sich nun an, derartige Zukunftshäuser in Cuxhaven vorzufertigen und im norddeutschen Raum aufzubauen, Ein- und Mehrfamilienhäuser. 15 Millionen Euro investiert er in eine neue Betriebsstätte am Grodener Mühlenweg, in der die bestehende Dachdeckerfirma Sowade und die vor zwei Jahren gegründete Timbr.werk GmbH zusammengeführt werden.
Dafür lässt der Dachdeckermeister in Groden hinter dem Penny-Markt eine Halle errichten, wie sie für einen Handwerksbetrieb außergewöhnlich groß ist: 120 Meter lang, 30 Meter breit und im Hauptteil 10 Meter hoch. Daneben noch ein zweistöckiges Bürogebäude. Damit betritt der innovative Unternehmer im Norden der Republik Neuland.
Für ganz Norddeutschland
Die Holzhäuser will er nicht nur in der Region, sondern im gesamten norddeutschen Raum bis Hannover, Kiel und Wilhelmshaven verkaufen. Eine kurze Montagezeit von nur vier Tagen soll durch eine weitgehende Vorfertigung der Wände, Decken und Dächer in Cuxhaven ermöglicht werden. "Wir verlegen einen großen Teil der Arbeiten von der Baustelle in unser Planungsbüro", erklärt Sowade das Konzept.
Dadurch wird es möglich, die Wandelemente von etwa drei Meter Höhe und bis zu zwölf Meter Länge in einer Serienfertigung in der künftig beheizten Halle herzustellen. Fenster, Türen, Elektroleitungen bis hin zur Steckdose - alles wird dank einer hochmodernen, computergestützten Anlagentechnik vorgefertigt, dann wasserdicht verpackt und per Lkw zum Bestimmungsort gebracht.
Zehn bis zwanzig Arbeitsplätze dürften im Timbr.werk im ersten Schritt entstehen, schätzt Sowade, zusätzlich zu den 55, die sein Dachdeckerunternehmen schon heute bietet. Falls die Nachfrage entsprechend groß ist, gäbe es auf dem Grundstück sogar noch Platz für einen Hallenanbau.
Detaillierte Planung
Voraussetzung für die passgenaue Vorfertigung ist eine detaillierte Planung, die anschließend auf die computergestützten Fertigungsmaschinen übertragen wird. Die Kunden können sich ihr "Traumhaus" aus einer Reihe von acht Typenhäusern aussuchen und variieren sowie mit einem komplett vorgefertigten Badezimmer-Element ergänzen, das von einer auswärtigen Firma komplett ausgestattet geliefert wird. Natürlich gelte auch hier: Je weniger die eigenen vier Wände vom Standard abweichen, umso günstiger werden sie.
Der Preis soll am Ende zwischen 2700 und 3000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche liegen, verrät Sowade. Die kompakten Häuser mit knapp 120 Quadratmeter Wohnfläche sollen nicht teurer sein, als ein vergleichbares herkömmliches Steinhaus in Massivbauweise, dafür aber bei den Energiekosten langfristig Geld sparen helfen.
Auch mehrgeschossig
Entscheidender Faktor sowohl aus ökologischer, als auch aus ökonomischer Sicht sind die aus mehreren Holzschichten aufgebauten Wandelemente, die aus einem Tragwerk-Rahmen aus Massivholz und einer holzummantelten Dämmebene bestehen. Mit dem Konstruktionsverfahren können nach Aussage Sowades Häuser von sechs und mehr Geschossen gebaut werden, wie es in einigen deutschen Großstädten bereits an der Tageordnung sei. Für die Außenwand als Wetterschutz wird ebenfalls Holz verwendet, in der Regel unbehandeltes Lärchenholz oder Douglasie.
Gas- oder Ölheizungen werden aus kosten-und Umweltschutzgründen ersetzt durch elektrische Heizkonzepte. Einen Schornstein sucht man daher auf dem Haus aus dem Timbr.werk vergebens. Geheizt wird das Obergeschoss mit Infrarot-Flächenstrahlern und das Untergeschoss mit einer Fußbodenheizung. Strahler und Wärmepumpe werden mit Strom aus der hauseigenen Photovoltaik-Anlage betrieben. Ganz energieautark ist das moderne Haus dennoch nicht. Gerade m Winter, wenn der Energiebedarf am höchsten ist, liefert das Solardach nicht ausreichend Energie. Die Speicherbatterie muss aus dem Netz geladen werden. Die Jahresbilanz fällt dennoch positiv aus.
Noch ein Vorteil: Die Photovoltaik-Module bedecken das gesamte Dach, ohne Zwischenräume. Das erspart die herkömmliche Dachabdeckung mit Pfannen.
Familienbetrieb auf Expansionskurs
Auch wenn der Betrieb mit drei Gewerken und 55 Mitarbeitenden schon eine beachtliche Größe angenommen hat, ist Sowade immer noch ein Familienbetrieb - und soll es auch bleiben. Denn, auch wenn die Söhne Timo (22) und Fabian (24) noch in der Ausbildung, beziehungsweise im Studium sind, werden sie aller Voraussicht nach schon bald in den Betrieb mit einsteigen. Timo hat gerade seine Dachdeckerausbildung als Geselle beendet und Fabian studiert Wirtschaftswissenschaften, bereitet sich also auf eine kaufmännische Laufbahn vor. Mutter Diana arbeitet auch schon von Anfang an in der Firma.
Die hat Heiko Sowade (52) in Cuxhaven schon bald gegründet, nachdem er und seine Frau sich 1990 in Cuxhaven niedergelassen hatten. Beide kommen aus der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen Anhalt. Bald nach der Wende haben sie die Möglichkeit wahrgenommen, in den Westen zu gehen und sich hier namentlich in Cuxhaven eine Zukunft aufzubauen.
Seine Lehre als Dachdecker hatte Sowade noch in seiner Heimatstadt Wittenberg abgeschlossen. Heute ist er Dachdeckermeister, Gebäudeenergieberater und öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Sowade gründete die Firma im April 1990 im Gewerbepark Europakai.
Der heutige Firmensitz seit 2006 in der Meyerstraße. Sobald der Hallenneubau mit dem angeschlossenen Bürogebäude fertig ist, soll im Sommer dieses Jahres der Umzug an den Grodener Mühlenweg 26 erfolgen.