Bei der im Wattenmeer vorkommenden Pfuhlschnepfe sind Veränderungen bereits signifikant. Foto: Tom Dove
Bei der im Wattenmeer vorkommenden Pfuhlschnepfe sind Veränderungen bereits signifikant. Foto: Tom Dove
Natur

Klimawandel beeinflusst Zugvögel

von Wiebke Kramp | 11.05.2019

CUXHAVEN/HELGOLAND. Sonnabend, 11. Mai, ist internationaler Tag der Zugvögel. Der Klimawandel beeinflusst den Zug im Wattenmeer oder auf Helgoland merklich.

Mit dem Weltnaturerbe Wattenmeer sowie bedeutenden und geschützten Brut- und Zuggebieten an der Elbe sind durchziehende Vogelarten in dieser Region das ganze Jahr über ein bedeutsames Naturphänomen. "Hot Spot" der Vogelforschung ist die Insel Helgoland. Bereits 1910 wurde dort die Vogelwarte Helgoland gegründet.

Das Institut für Vogelforschung ist seit 1953 in Wilhelmshaven ansässig und gehört zum Land Niedersachsen.In der Station auf der Hochseeinsel werden heute noch im Fangarten systematisch Zugvögel gefangen, vermessen und beringt wieder freigelassen. Durch Wiederfunde verfügt man über einen Datenschatz, der Veränderungen aufzeigt. Darüber hinaus ist Helgoland in Deutschland einzigartig wegen seiner Klippenkolonie mit Trottellummen, Basstölpeln oder Tordalken. Der  Ornithologe und technischen Insel-Stationsleiter Dr. Jochen Dierschke beantwortet aus Anlass des Welttages  Fragen.

Können Sie Aussagen treffen, ob Vögel ein verändertes Zugverhalten zeigen - und für welche Arten dies besonders zutrifft?

Fast alle Arten, die wir regelmäßig auf Helgoland fangen, haben ihre Zugzeiten verändert. Manche Arten, die früher hier häufig waren, ziehen hier nicht mehr durch. Sie überwintern weiter nördlich oder sind Standvögel geworden. Ein Beispiel ist die Nebelkrähe, die im 19. Jahrhundert in riesigen Mengen durchzog. Heute haben wir nur noch sehr selten überhaupt einmal einen Durchzügler

Sind dies möglicherweise Auswirkungen des Klimawandels? 

Im Falle der Nebelkrähe ist es sicherlich auch das verbesserte Nahrungsangebot an Müllkippen sowie im städtischen Bereich. Die von uns festgestellte Zugzeitenverlagerung ist aber definitiv ein Effekt des Klimawandels. Zum Beispiel Mönchsgrasmücken und Zilpzalpe ziehen im Frühjahr inzwischen etwa drei Wochen früher als noch vor 50 Jahren.

Wie sieht es denn mit dem Nahrungsangebot aus, wenn Zugvögel zum Beispiel früher zurückkehren oder später oder gar nicht ziehen?

Das Vögel gar nicht mehr ziehen, ist oft eine Folge der milderen Wintertemperaturen, aber auch eines verbesserten Nahrungsangebotes. Bei Zugvögeln ist es so, dass die Brut in den Jahreszyklus der Hauptnahrung passen muss. Beim Trauerschnäpper hat man festgestellt, dass es hier einen so genannten "Mismatch" gibt, weil das Brutgeschäft nicht mehr mit dem Hauptvorkommen der Spannerraupen zusammenpasst, wodurch es zu einem geringeren Bruterfolg kommt. Bei Watvögeln - insbesondere bei der Pfuhlschnepfe - hat man jüngst festgestellt, dass es auch hier schwierig mit der Koordination von Zug und Brut ist. Aufgrund des Klimawandels setzt in den Brutgebieten in der Arktis die Schneeschmelze immer früher ein. Pfuhlschnepfen müssen daher immer früher in der Arktis ankommen, - damit ihre Jungvögel zur Zeit des höchsten Insektenvorkommens schlüpfen. Dies können sie aber nur schaffen, indem sie im Wattenmeer schneller Fett ansetzen. Durch den Klimawandel bekommt der Schutz des Wattenmeeres, wo die meisten Pfuhlschnepfen auftanken, also eine noch höhere Bedeutung.

Sind auch bei den Seevögeln Auffälligkeiten zu bemerken - und welche Auswirkungen haben sie? 

Die Auswirkungen gibt es auch auf Seevögel. Die Zusammensetzung der Fischfauna hat sich verändert und vermutlich auch die Tiefen, in denen sich die Fische aufhalten. Derzeit fällt auf Helgoland, dass Arten, die tief tauchen können - das sind Basstölpel, Trottellumme und Tordalk - eher zunehmen. Arten, die an der Oberfläche Nahrung suchen wie Eissturmvogel, Dreizehenmöwe nehmen hingegen ab. Gleichzeitig zeigte der Hitzesommer 2018 einen sehr niedrigen Bruterfolg. Der Klimawandel hat sicherlich weltweit eine große Auswirkung auf die Seevögel, aber auch auf Helgoland ist das feststellbar.

Seit den 1960-er Jahren haben Forscher die Erwärmung der Nordsee um 1,7 Grad bemerkt, gleichwohl sind invasive Arten aufgetaucht -hat dies auch Einfluss auf die Seevögel gehabt?

Eine veränderte Fischfauna durch die Überfischung der Sandaale durch die so gerannte Gammelfischerei und die Einwanderung von Seenadeln als Ersatznahrung hat zu einem Zusammenbruch der schottischen Dreizehenmöwenbestände geführt. Seenadeln haben wenig Energie und die Jungvögel ersticken teilweise an ihnen, da sie diese nicht so gut schlucken können. Auf Helgoland gibt es keine Gammelfischerei, sodass man davon vermutlich verschont geblieben ist. Einflüsse von invasiven Arten kommen aber sicherlich auch in der Nordsee vor. Dazu haben wir aber keine aktuellen Forschungsergebnisse.

Welche schädlichen Beeinflussung wirken sich noch auf die natürlichen Lebensräume aus?

Der Klimawandel stellt eine globale Bedrohung für die Artenvielfalt dar. Trotzdem darf neben der Reduzierung von Treibhausgasen nicht der "klassische" Naturschutz vernachlässigt werden. Im jetzt veröffentlichten Artenschutzbericht ist der Klimawandel zwar ein sehr wichtiger Punkt, aber gleichzeitig werden weiter Feuchtgebiete entwässert, Wälder gerodet und insgesamt immer mehr Flächen verbaut. Auch auf Helgoland werden übrigens immer mehr Flächen zugebaut, was schon zu einem deutlichen Verlust von Rastflächen für Zugvögel und Lebensräumen von Insekten geführt hat. Wir sollten also bei Naturzerstörung nicht immer nur an den Regenwald und an Korallenriffe in fernen Ländern denken, sondern auch vor der eigenen Haustür schauen.

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

kramp@no-spamcnv-medien.de

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