Lange Wartezeiten für Produkte: Kunden im Kreis Cuxhaven gucken in die Röhre
KREIS CUXHAVEN. Egal ob neues Auto, neuer Geschirrspüler oder neuer Laptop. Verbraucher müssen manchmal viel Geduld aufbringen. Lieferengpässe sind auch im Kreis Cuxhaven zur Realität geworden.
Lieferengpässe machen hiesigen Händler und Kunden das Leben schwer. Was auf dem Baumaterial-Sektor längst Gegenwart ist, hat weitere Wirtschaftszweige erreicht. Mittlerweile müssen Verbraucher bei der Neuanschaffung von Autos, Elektro- und Elektronik-Artikeln manchmal monatelange Wartezeiten in Kauf nehmen. Das nervt.
Cuxhavener wartet auf Auto
So wie diesen Cuxhavener. Er wartet und hat gar keine andere Wahl. Sein neues Familienauto französischer Fabrikation hat er Anfang März dieses Jahres bestellt. Damit sollte es eigentlich in den Sommerurlaub nach Süddeutschland gehen. Aber nichts da. Die vom Verkäufer avisierte Lieferzeit betrug eigentlich drei bis vier Monate. Wann es ausgeliefert wird? Er zuckt mit den Schultern - und scheint in guter Gesellschaft.
Opel schließt Werk vorübergehend
Problem: Der Chipmangel verschärft sich weiter: Die Preise für den Rohstoff Silizium sind in den vergangenen zwei Monaten explodiert. Die Autobauer sind teilweise lahmgelegt. Opel schließt sein Werk in Eisenach vorerst bis Jahresende, auf bestimmte Mercedes-Modelle wartet man mehr als ein Jahr und VW hat wegen fehlender Elektronik-Teile die Kurzarbeit ausgeweitet.
Krise dauert noch an
"Kurzarbeit, lange Lieferzeiten, nicht mehr bestellbare Modelle, halb fertige Autos auf Halde: Die Halbleiter-Krise hat aktuell massive Auswirkungen auf die Autoindustrie und den Automarkt. Vermutlich 2023 oder erst 2024 ist eine Entspannung in Sicht", textet aktuell der Branchendienst "Auto Motor Sport".
"Katastrophale Zustände"
Gemeinsam mit seinem Sohn leitet der Ihlienworther Reinhard Köster zwei Volvo-/Ford-Autohäuser in Cuxhaven und Ihlienworth. Und auch ihr Unternehmen spürt seit Monaten die Engpässe bei der Versorgung mit notwendigen Teilen, ohne die Autos und Nutzfahrzeuge nicht ausgeliefert werden könnten: "Das habe ich noch nie in dieser Form erlebt. Das sind zum Teil katastrophale Zustände für unsere Kunden und uns Händler", sagt Köster.
Werben um Verständnis
Man werbe natürlich um Verständnis, wenn monatelange Verzögerungen bei der Fahrzeugübergabe entstünden. Die meisten Kunden könnten das auch nachvollziehen; andere hätten dafür aber trotz der Gesamtlage wenig Verständnis. "Ich habe schon viel in den rund 50 Jahren meiner Tätigkeit mitgemacht - ob Ölkrise oder Sonntagsfahrverbote. Aber das, was wir heute als Unternehmer erleben und dem Kunden vermitteln müssen, ist schon mehr als grenzwertig." Letzten Endes setze die Situation mangelnder Bauteile auch jedes betroffene Unternehmen finanziell unter Druck. "Das muss man gesamtwirtschaftlich sehen. Schließlich ist man gezwungen, Liquidität vorzuschießen", sagt der erfahrene Unternehmer.
Kompromisse eingehen
Inzwischen sei es so weit, dass man zum Beispiel dem Kunden vorschlagen müsse, auf bestimmte und gewünschte Ausstattungsdetails zu verzichten, damit er möglichst kurzfristig sein Auto erhalte. Zugleich beobachtet Köster, dass allgemein der Preis für gebrauchte Fahrzeuge in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen sei, da eben keine Neuwagen zur Verfügung stehen würden.
Auch Elektronikartikel betroffen
Die Autobranche ist die eine Seite, nicht viel anders sieht es bei Elektro- und Elektronikhändlern aus. Folgende Gesprächssituationen sind in Fachmärkten Realität: "Wäschetrockner sind buchstäblich zur heißen Ware geworden."
Und der Verkäufer eines weiteren Marktes meint: "Seien Sie froh, dass sie keine Geschirrspülmaschine brauchen, die können wir nämlich frühestens nächstes Jahr im April liefern."
Mehrere Gründe ausschlaggebend
Chipmangel, erhöhter Bedarf nach Haushaltsgeräten in der Coronazeit, Ausbruchsgeschehen in Herstellerbetrieben oder Logistikprobleme aus Fernost seien Hintergrund des Mangels, beschreibt Malte Reitzig, einer der beiden Geschäftsführer von Expert-Bening die Lage.
Aber er relativiert auch: "Klar gibt es bei einzelnen Herstellern Engpässe und Lieferschwierigkeiten, aber in den meisten Fällen sind wir doch in der Lage, unseren Kunden Alternativen aufzuzeigen." Zum Großteil reagierte die Kundschaft mit Verständnis, sagt Reitzig.
Ware früh gesichert
Expert-Bening unterhält 25 Fachmärkte in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen; die Zentrale ist in Cuxhaven beheimatet. Man habe sich angesichts der sich abzeichnenden Lage frühzeitig Ware gesichert und an Bord genommen - nicht zuletzt im Blick auf das Weihnachtsgeschäft, beschreibt der Bening-Geschäftsführer die eigene Strategie, Engpässen aktiv im Vorwege zu begegnen. Aber auch Hersteller wie Miele hätten schon reagiert und beispielsweise Alternativgeräte gebaut, die weniger Chips benötigten, ohne dass es zu nennenswerten Einbußen käme.
Malte Reitzig kündigt vorsorglich launig an: "Man sollte sich aber darauf einstellen, dass man am 24. Dezember bei uns sicherlich keine Playstation mehr kaufen kann, das war aber auch in den Vorjahren schon so ..."
Chips sind Mangelware
Der lokale Einzelhändler Matthias Holl handelt in Cadenberge mit Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräten, Multimedia und Telekommunikation.
In fast allen Bereichen macht er Engpässe aus: "Viele Hersteller können nicht zu Ende bauen, weil die kleinen Chips fehlen", spürt der Fachhändler und muss seine Kundschaft vertrösten. Meist klappe das aber ganz gut: "Wenn man den Leuten erzählt, dass davon nicht nur Autohersteller betroffen sind, zeigen sie Verständnis. Der Mangel zieht sich durch sein ganzes Sortiment. Vor allem Waschmaschinen und Geschirrspüler seien betroffen. "Darauf muss man teilweise monatelang warten. Aber auch Fernseher asiatischer Herkunft sind manchmal erst ab nächstes Jahr wieder lieferbar. Anders sieht es bei unserem deutschen Hersteller aus, der scheint vorgesorgt zu haben", beschreibt Einzelhändler Holl. Egal ob Laptops, Handys oder Bluetooth-Boxen - überall die gleiche Lage.
Ende der Probleme nicht absehbar
Kerstin Klettke vom Haushaltsgeräte-Lagerverkauf "Halle 1" in Cuxhaven-Altenwalde weiß, dass der Markt insgesamt knapper werde und Lieferzeiten sich verlängerten. Aber da sie gezielt auf dem Markt befindliche Geräteposten aufkauften, sei der Druck bei ihnen noch nicht so deutlich spürbar, so die Händlerin.
Der eingangs beschriebene Autokäufer hat übrigens auch beim Nachhaken bei seinem Händler noch nichts Näheres in Erfahrung bringen können, wann die Familienkutsche in Cuxhaven endlich eintrifft. "Der Verkäufer fragte mich, ob ich eine Sitzheizung mitbestellt habe. Das habe ich bejaht. Daraufhin erklärte er mir, dann sieht es eher schlecht aus, weil die entsprechenden Bauteile zurzeit nicht lieferbar sind ..."
Von Wiebke Kramp und Egbert Schröder