Lesung in Cuxhaven: Wie wird man vom Mittäter zum Mitläufer?
CUXHAVEN. Die Autorin Charlotte Krüger stellte ihr Buch "Mein Großvater, der Fälscher" in Cuxhaven vor. Es handelt von Bernhard Krüger, der in der NS-Zeit für die SS die größte Geldfälschungs-Operation der Geschichte organisiert hatte.
Warmherzig und humorvoll sei er gewesen, aber auch ziemlich konservativ, vermutlich so wie Abertausende Großväter im Nachkriegsdeutschland. Doch Bernhard Krüger, Großvater der Berliner Autorin Charlotte Krüger, war nicht irgendwer. Es war in der Familie kein Geheimnis, dass er während der NS-Zeit die größte Geldfälscher-Operation der Geschichte geleitet hatte. Er war der Herr über 140 jüdische Häftlinge, die im KZ Sachsenhausen im Auftrag der Nazis Pfundnoten und später auch Dollar fälschten, die in Umlauf gebracht werden sollten, um die Wirtschaft der Kriegsgegner zu schwächen.
Eine Frage für Charlotte Krüger, der sie in ihrem Buch "Mein Großvater, der Fälscher" nachging, das sie am Sonnabend in der Cuxhavener Oliva-Buchhandlung vorstellte, war, ob Bernhard Krüger, als SS-Sturmbannführer ein Rad im NS-Getriebe, die Möglichkeit gehabt hätte, Nein zu sagen. Er selbst hatte es so gesehen, dass durch sein Wirken diese 140 Männer das KZ überlebt hatten, was tatsächlich der Fall war. Allerdings rührte er keinen Finger, als sechs Häftlinge wegen ansteckender Erkrankungen aus der Fälscherwerkstatt entfernt wurden, ihr Todesurteil.
Das Urteil der jüdischen Zwangsarbeiter fiel nach dem Krieg gemischt aus. Die einen schilderten ihn als jovialen Mann, der unter extremen Umständen einen Rest Menschlichkeit walten ließ. Die anderen sahen ihn als gerissenen Karrieristen und Opportunisten, dessen Freundlichkeit nur dazu diente, die Bereitschaft der Häftlinge zur Kooperation zu erhöhen. Kurz vor Kriegsende habe er von sich das Bild eines humanen Bediensteten des Regimes gezeichnet, der Juden vor dem Tod bewahrt hatte. Das wurde seine Legende. Nach dem Krieg wurde er als Mitläufer eingestuft.
Charlotte Krüger konnte ihren Großvater nicht mehr selbst befragen. Er starb, als sie zehn Jahre alt war. Befriedigende Antworten auf ihre Fragen fand sie auch in der eigenen Familie kaum. Aber sie fand etliche Dokumente und letztlich Zeitzeugen, Überlebende des Holocaust, die mit ihr sprachen. Doch eine abschließende Antwort auf die Frage, wer ihr Großvater wirklich war, hat sie bis heute nicht.
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