"Müllmaus" sagt keiner mehr
KREIS CUXHAVEN. Der süßlich-herbe Geruch von Unrat liegt in der Luft. Essensreste, Babywindeln und ramponierte Möbel türmen sich zu meterhohen Haufen. Hier, am Rande des "Monte Scherbelino", dem legendären Münsteraner Müllberg, ist Petra Vooth aufgewachsen. Das war in den 60-er Jahren. Abfall und Müll - diese Themen hat sie auch heute noch fest im Blick. Als Abfallberaterin des Landkreises Cuxhaven bekommt sie seit vielen Jahren beste Einblicke in das Wegwerfverhalten der Bürger.
Die klassische Abfallberatung sei tot, so tönt es immer wieder in den Medien. Nicht für Petra Vooth. Sie sieht ihre Beratungstätigkeit als einen "faszinierenden Teil der Umweltbildung" und sie füllt diese Überzeugung mit so viel Leben, dass man stets gespannt sein kann, welche Idee sie als nächstes ausbrütet.
Das Interesse an lernpsychologischen Fragen stand bereits am Anfang ihrer Laufbahn: Nach dem Studium der Pädagogik und Chemie unterrichtete Petra Vooth zunächst stundenweise an der Bundeswehrfachschule Münster. Sie findet noch heute: "Das war eine schöne Zeit." Die Suche nach einem Beruf, der "die Frau ernährt", ging nun in kleinen Schritten weiter. Petra Vooths erster "richtiger" Arbeitgeber wurde 1987 der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) - eine befristete, aber dennoch zukunftsweisende Stelle, die erstmals die Auseinandersetzung mit dem Thema Abfall bot. Die Voraussetzungen waren nicht ungünstig: "Das Thema war einfach Zeitgeist", so Petra Vooth, "und man konnte Pionierarbeit leisten." Abfalltrennung in der Verwaltung war zu dieser Zeit ein Novum, und Petra Vooth und ihre Kollegin wurden zunächst als "Müllmäuschen" belächelt.
Doch das Engagement und die intensive Pressearbeit zeigten bald Wirkung. Mit ihrer Publikation "Büromüll ist kein Eintopf" schrieben die beiden Frauen ein Standardwerk der ersten Stunde, das bereits alle Strategien zur Abfallvermeidung und -entsorgung enthielt. Der Band wurde vom damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer mit dem Bundespreis im Müllsparen ausgezeichnet.
Ein weiteres Thema, mit dem sich Petra Vooth in dieser Zeit beschäftigte war die "umweltfreundliche Beschaffung" von Arbeitsmitteln und Büromaterial, ein Thema, das erstmals in der Praxis als Großprojekt erprobt wurde.
Schon damals knüpfte Petra Vooth feste Bande zu einer wichtigen Zielgruppe ihrer Arbeit, dem Deutschen Hausfrauenbund. "Den Hausfrauenbund und die Landfrauen finde ich klasse", sagt die Westfälin, die mit den Vereinen schon so manche Aktion durchgeführt hat.
An die Nordseeküste kam Petra Vooth Anfang der 90-er Jahre. Der Liebe wegen. Ihren zukünftigen Mann Ulrich hatte sie auf einer Verbrauchermesse in Dortmund kennen gelernt: "Und dort hat es gleich Zoom gemacht", erzählt die Kreis-Abfallberaterin. Mit ihrer 15-jährigen Tochter Julia leben die Vooths heute im Cuxhavener Stadtteil Sahlenburg.
Seit 1992 ist Petra Vooth Abfallberaterin des Landkreises Cuxhaven, besucht Schulen und Seniorenheime, hält Vorträge und organisiert Messestände, veröffentlicht Umwelttipps und Pressemitteilungen. 1994, als der Landkreis Cuxhaven Modellregion der landesweiten Kampagne "Mehr Müll weg" wurde, entwickelte sie in rastloser Netzarbeit zahlreiche Ideen und Perspektiven.
Die Betreuung von Umweltprojekten in Schulen ist derzeit ein Schwerpunkt ihrer Arbeit, etwa der Verkauf von Recycling-Paperheften in der Wingster Grundschule oder das "abfallpädagogische Klassenzimmer" in Stotel.
Ein Thema, mit dem sich Petra Vooth schon seit Jahren beschäftigt, ist die Recyclingkunst. Aus einer E-Mail des Kurators Samuel J. Fleiner, die Petra Vooth "aufschnappte", entwickelte sich 2004 die Umweltkunstausstellung "Re-Art-One" in Ihlienworth. Eine Schau, die inzwischen weltweite Berühmtheit erlangt hat und von San Francisco bis Nairobi präsentiert wurde. Weitere Folgeprojekte folgten; in Kürze startet die neue Schau "Art and Vielfalt".
Bleibt bei dieser Vielzahl an Aktivitäten überhaupt noch Zeit, das große Ganze im Auge zu behalten? "Ja, natürlich", sagt Petra Vooth, "ich habe die weltweiten Umwelttrends immer im Blick." Die Abfallberaterin liest unzählige Zeitungen und Fachmagazine, um sich auf dem neuesten Stand zu halten. Ein spannendes Thema, das derzeit international die Runde macht ist das "Urban Mining", die Rohstoffrückgewinnung aus jahrzehntelang angehäuften Haushalts- und Industrieabfällen. Aber auch den Klimawandel verliert Petra Vooth nicht aus den Augen. Sie tüftelt bereits an neuen Projekten...
Von Jens-Christian Mangels