Dr. Jürgen Lemmerhirt so, wie ihn die Patienten kannten: wach, aufgeschlossen, lösungsorientiert. Foto: Koppe
Dr. Jürgen Lemmerhirt so, wie ihn die Patienten kannten: wach, aufgeschlossen, lösungsorientiert. Foto: Koppe
Streiter für menschliche Medizin

Nachruf für Arzt aus Cuxhaven: Besondere Zuwendung galt den Schwächsten

von Maren Reese-Winne | 12.08.2020

CUXHAVEN. Erschütterung und Trauer hat sich in Cuxhaven über den Tod des Fach- und Hausarztes Dr. Jürgen Lemmerhirt breit gemacht. Ein Nachruf.

Diese Nachricht hat viele Cuxhavenerinnen und Cuxhavener, ob Patientinnen oder Patienten, berufliche Wegbegleiter oder Freunde, wie ein Schlag getroffen: Dr. Jürgen Lemmerhirt tot? Der Mann, der immer das Wohl anderer in den Vordergrund gestellt hat, durch eine schwere Krankheit gefällt: Das scheint unwirklich und schwer zu fassen.

Man habe nicht vor, so bald in Rente zu gehen und werde die Patienten nicht im Stich lassen, so war es vor einiger Zeit auf Handzetteln in der Praxis zu lesen. Noch jenseits der 60 hatten der Internist und Ehefrau Dr. Gerda Lemmerhirt ihre Gemeinschaftspraxis vom Westerwischweg in das neue Ärztehaus im Heinrich-Grube-Weg verlegt; dass er selbst schon 67 Jahre zählte, war dem dynamischen, großgewachsenen Mann mit den wachen Augen nicht anzusehen.

Dinge angeprangert

Auch unsere Redaktion hatte viele Berührungspunkte mit dem Internisten, der nie davor zurückscheute, den Mund aufzumachen und Schwachpunkte im Gesundheitssystem zu benennen.

Er warnte früh vor einem drohenden Hausarztmangel, Bürokratisierung und den Folgen einer Medizin, die nicht in Händen der Ärztinnen und Ärzte, sondern derer der Politik und Ökonomie liege, er pfiff bisweilen auf Budgets und Regressforderungen, wenn Patientinnen und Patienten mit chronischen und/oder seltenen Krankheiten eine intensive Begleitung und Behandlung erforderten.

Für die Alten und Schwächsten setzte er sich besonders ein. Einige dieser Geschichten wurden später in der Zeitung erzählt.

Im Einsatz für Drogenabhängige

Die intensive Begleitung war insbesondere durch die Ausrichtung als diabetologische Schwerpunktpraxis regelhaft der Fall, Dr. Jürgen Lemmerhirt stellte sich aber auch der komplizierten Aufgabe, Drogenabhängige, die den Teufelskreis durchbrechen wollten, zu behandeln und in sogenannten Substitutionsprogrammen zu begleiten. Methadon ist dabei die bekannteste Substanz. 1997, kurz nach der Niederlassung, nahm Dr. Jürgen Lemmerhirt, der aus seiner stationären Tätigkeit die entsprechende Erfahrung mitbrachte, den ersten Patienten in das ambulante Methadonprogramm auf.

Immer wieder war Dr. Jürgen Lemmerhirt auch Initiator und Unterstützer von Ärzte-Protestaktionen und Veranstaltungen; er ging 2006 mit Kolleginnen und Kollegen auf die Straße, um mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen, er engagierte sich in der Ärztekammer Niedersachsen, Bezirksstelle Stade, war über 20 Jahre Vorsitzender des Ärztevereins Cuxhaven.

Mann der klaren Worte

Zu unzähligen Diskussionsabenden und Austauschrunden riefen ihn Parteien jeder Couleur und andere Institutionen als Experten und Redner hinzu; dabei nahm er kein Blatt vor den Mund.

"Wenn diverse Kollegen in den nächsten zwei, drei Jahren in Rente gehen, werden die Patienten feststellen, dass sie keinen Hausarzt mehr haben und die anderen nichts von ihnen wissen wollen", konstatierte er 2018 und sagte auch folgenden Satz: "Von uns wird erwartet, dass wir tunlichst weitermachen. Wenn nicht, ist in den nächsten fünf Jahren die Hälfte der Hausärzte weg. Aber ein Großteil von uns ist wirklich am Ende der Fahnenstange angekommen."

Gleichzeitig appellierte er noch bei einer Podiumsdiskussion im Februar 2020, jungen Ärztinnen und Ärzten die Ängste vor einer Niederlassung zu nehmen und sie mit den Chancen des Berufs und der Selbstständigkeit vertraut zu machen.

Denn das ist das Attribut, an das sich die meisten erinnern, wenn sie sich an den Verstorbenen erinnern: Geradlinig, aber immer positiv, aufgeschlossen und konstruktiv. Dafür ist ihm zu danken. Seiner Ehefrau Gerda, seiner Familie und seinem Praxisteam gilt das große Mitgefühl.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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