Oberbürgermeister Ulrich Getsch. Fotos: Reese-Winne, Koppe, Sassen
Oberbürgermeister Ulrich Getsch. Fotos: Reese-Winne, Koppe, Sassen
Ulrich Getsch

Oberbürgermeister: Eine Rathaus-Ära geht in Cuxhaven zu Ende

von Kai Koppe | 22.10.2019

CUXHAVEN. Wenn Dr. Ulrich Getsch in der kommenden Woche seinen Schreibtisch im obersten Stockwerk des Verwaltungsgebäudes räumt, wird er das Rathaus nicht nur mit seinen persönlichen Habseligkeiten verlassen, sondern vermutlich auch mit jeder Menge Bilder im Kopf.

Erinnerungen an eine achtjährige Amtszeit, in der sich vor Ort so viel getan hat, dass ihn mancher Weggefährte schon heute als "einen der erfolgreichsten Oberbürgermeister der Stadt Cuxhaven" charakterisiert. Und selbst wenn nicht alles geklappt haben mag, was sich der damals 62-Jährige bei seinem Amtsantritt auf die Fahnen geschrieben hatte - in den wichtigen Fragen hat Getsch seine Agenda umzusetzen vermocht. Von Kai Koppe

Fast schon vergessen ist mittlerweile, dass der Wahlabend für Ulrich Getsch zur Zitterpartie wurde: Gerade mal 84 Stimmen betrug sein Vorsprung gegenüber der SPD-Mitbewerberin um das Amt an der Rathausspitze. Dass die Sozialdemokraten aus den ebenfalls am 11. September 2011 abgehaltenen Kommunalwahlen als stärkste (Rats)-Fraktion hervorgingen, dürfte das Leben des von CDU/FDP-Gruppe und den Grünen ins Rennen geschickten OB-Wahl-Siegers per se nicht unbedingt leichter gemacht haben. Über die Grenzen der Wahlkampflager hinausgehendes Vertrauen - das war zuletzt bei Getschs förmlicher Verabschiedung innerhalb der jüngsten Ratssitzung zu erfahren - wuchs jedoch, nachdem der Parteilose im Ringen um eine Lösung für die angeschlagene städtische Wohnungsbaugesellschaft "Siedlung" klare Kante bewies.

Dass er es mit noch weitaus größeren Baustellen zu tun bekommen würde, war dem über einen breiten wirtschaftlichen Background und einen Doktortitel der Georg-August-Universität Göttingen verfügenden Pädagogen bereits vor seinem Einzug ins Cuxhavener Rathaus klar: Die Haushaltskonsolidierung (fett gedruckt im eigenen Wahlprogramm) erhob Getsch, der mit seinem Markenzeichen - dem geöffneten Hemdkragen und der stets eine Spur aus dem Lot geratenen Krawatte, gegen stromlinienförmiges Verwaltungsdenken opponierte, zum Gradmesser seines Erfolges.

Den Lohn für nervenzehrende Haushaltsdebatten, zähe Verhandlungen mit Hannover, ja auch für Zwist mit den von Sparplänen betroffenen Bürgern fuhren der OB (und die anderen Architekten des Entschuldungspaktes) erst im zweiten Drittel von Getsch Amtszeit ein: Eine Finanzspitze in bislang ungekannter Größenordnung (187,5 Millionen Euro) erreichte Cuxhaven im Spätsommer 2016, als einige bereits davon zu reden begannen, dass Cuxhaven ja wohl "einen Lauf" haben müsse: Im Jahr zuvor war es dank eines Kraftaktes der örtlichen Wirtschaftsförderung gelungen, die Siemens-Ansiedlung bei der Baumrönne in trockene Tücher zu bringen und damit einem Thema zum Durchbruch zu verhelfen, das der sich auf dem großen politischen Parkett souverän bewegende "Neue" unter dem Stichwort Offshore-Entwicklung von Anfang an zur Chefsache erklärt hatte. "Aber was ist mit den mittelständischen Betrieben, mit dem lokalen Einzelhandel, mit der Elbfähre?!": Kritiker kreideten Getsch wiederholt an, er fokussiere sich zu stark auf die "Big Points", ja warfen ihm - Stichwort Stadtarchiv oder Gorch-Fock-Schul-Auszug sogar vor, er mache als Verwaltungschef Politik im Sinne der eigenen Spar-Doktrin.

Andererseits hatten die Feuerwehren, sobald es um Fragen der Ausstattung ging, in der Person Getschs einen Fürsprecher gefunden; das Fahrzeugentwicklungskonzept, das der OB mit Blick auf die Nachwuchswerbung ("Mit einem Oldtimer lockt man niemanden mehr hinter dem Ofen hervor") zu verteidigen pflegte, zählt zu den öffentlich eher wenig beachteten Leistungen seiner Amtszeit.

Von seinem guten Draht nach Hamburg profitierte Cuxhaven in puncto Wattrettung und in Hinblick auf seinen Nimbus als Segelstandort (Olympia-Bewerbung 2015), auf die Qualität der Schienenverbindung in die Metropole wirkten sich diese Kontakte (anders als von Getsch angestrebt) allerdings nicht positiv aus. Dafür gelang ein anderes Ziel, nämlich das, "die Tourismuswirtschaft weiter auszubauen": Für den Gäste-Anstieg auf knapp unter vier Millionen hat der Oberbürgermeister nicht höchstpersönlich gesorgt; gleichwohl ist der von Infrastrukturmaßnahmen flankierte Boom der Urlaubsmarke Cuxhaven ein Erfolg seiner Ära.

Zur Person

Ulrich Getsch (Jg. 1949) ist promovierter Staatswissenschaftler, Diplom-Kaufmann und Diplom-Handelslehrer.

Getsch arbeite als Lehrer und schließlich als Schulleiter im Bereich der Berufsbildenden Schulen und war zwischendurch an der Universität und in der freien Wirtschaft tätig.

Im OB-Wahlkampf 2011 setzte sich der von CDU, FDP und Grünen nominierte Parteilose gegen seine Mitbewerberin Susanne Puvogel (SPD) durch.

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Kai Koppe

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