Sammler aus Leidenschaft: Postkarte lebt weiter - besonders in Cuxhaven
CUXHAVEN. Die Postkarte lebt weiter - vor allem in Cuxhaven. Denn hier sammelt sie Bernhard Jaeger mit Leidenschaft. Aber noch heute nutzt die Mehrheit der Deutschen dieses Mittel.
Mit leuchtenden Augen durchforstet Bernhard Jaeger den Karton mit alten Postkarten. Immer wieder hält er inne, um die Bilder darauf zu betrachten, einige Zeilen in altdeutscher Schrift zu entziffern. "Jede von ihnen erzählt eine Geschichte", sagt der 68-Jährige. Der Cuxhavener ist fasziniert von den kleinen Karten, die bereits seit über 150 Jahren verschickt werden.
Die erste geschriebene Postkarte der Welt wurde am 1. Oktober 1869 vom damals österreichisch-ungarischen Perg bei Linz nach Kirchdorf versandt und diente der Abstimmung eines Besuchs im Bekanntenkreis. Das Original ist heute in der Schatzkammer des Museums für Kommunikation Berlin zu sehen. Ganz so alt sind die meisten Postkarten in der Sammlung von Bernhard Jaeger zwar noch nicht, aber der Cuxhavener hütet jede von ihnen wie einen Schatz.
Wunderschöne Schätze
Vor allem die älteren Pappkarten aus den ersten Jahrzehnten der Postkartengeschichte haben es dem früheren Bankkaufmann und heutigen Sammler und Galeristen angetan. "Ich habe früher Haushaltsauflösungen gemacht und konnte schon damals Postkarten nie wegwerfen. Da gibt es wunderschöne alte Sachen", erzählt der gebürtige Bremer, der aber auch einige Jahre in Australien gelebt hat. Von der Hochseeinsel Helgoland besitze er unzählige Karten. "Da war wohl jeder schon einmal", mutmaßt Jaeger. Karten aus kleineren Orten wie Büsum oder Sankt Peter-Ording seien da schon seltener. Auch Karten aus dem fernen Kanada, die aus Zedernholz gefertigt wurden, finden sich in Jaegers Sammlung. Als "Correpondenz-Karte" wurde die Postkarte in ihren Anfangsjahren entwickelt, diente auch als Kurzinformationsmittel für wirtschaftliche Transaktionen. Lange bevor es E-Mail, SMS oder andere Nachrichtendienste gab.
Schon wenige Jahre nach der Einführung entdeckten kreative Köpfe die Karten für sich und begannen sie mit Zeichnungen und gedruckten Bildern zu versehen. "Stadtansichten, Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele werden bis heute darauf zum Beispiel gezeigt. Auch berühmte Schauspieler wie Hans Albers oder Marlene Dietrich gibt es auf Postkarten", erzählt Jaeger. Besonderheit der historischen Postkarten ist die Art, in der sie beschrieben wurden. "Hinten waren die Zeilen für die Adresse, die Grüße wurden auf die Vorderseite geschrieben. Meistens wurde dafür extra ein Feld freigelassen", weiß der Cuxhavener, der auch Kaffeefilter und Blechdosen sammelt.
Geteiltes Adressfeld
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich das geteilte Adressfeld durch, auf dem rechts Platz für die Anschrift links für die Mitteilung war. Somit hatte das Bildmotiv die komplette Vorderseite für sich.
Während des Ersten Weltkriegs wurden schätzungsweise 10 Milliarden Karten als kostenfreie Feldpostkarten versandt. Diese enthielten nicht nur Nachrichten von der Front, sondern zeigten auch die Soldaten selbst und ihre Umgebung. Als politische Propaganda missbraucht, waren die Bildmotive während der NS-Zeit streng vorgegeben. Auch Bernhard Jaeger findet in den Sammlungen immer wieder Karten aus dieser Zeit. Die er in einer gesonderten "Giftkiste" verwahrt.
Karten mit schönen Ansichten
Nach den Weltkriegen kehrten die unpolitischen Motive auf die Postkarten zurück, Ansichtskarten entwickelten sich in der Bundesrepublik, aber auch der DDR zum beliebten Urlaubsgruß. Neben dem günstigeren Porto als beim Brief trug auch das floskelhafte Schreiben zum Erfolg der Karten bei. "Wetter schön, Hotel gut, Essen prima, sonnige Grüße", ist wohl auf mehr als einer Karte zu lesen. Vorne drauf ist oft ein schönes Foto vom Urlaubsort. Oder ein witziges Bild.
Jaeger hat nur wenige dieser modernen Ansichtskarten, viel mehr sind es die "Correpondenz-Karten", die ihn faszinieren. Die Reisen in ferne Länder vor mehr als 100 Jahren dokumentieren oder auch etwas über die Geschichte der Schifffahrt erzählen können.
Wie viele Karten er genau besitzt, das weiß Jaeger nicht. "Etwa 100 Schuhkartons voll", schätzt er. Beinahe täglich werden es mehr, immer wieder kommen auch private Schenkungen dazu. Wenn er einmal viel Zeit hat, will Jaeger alle Karten sortieren. "Vielleicht im Winter", sagt er und lacht. Seit 1998 hat sich die Zahl der verschickten Ansichtskarten in Deutschland von damals knapp 400 Millionen Karten fast halbiert. Dennoch gaben bei einer Studie 2019 noch 55 Prozent der Deutschen an, Urlaubsgrüße per Postkarten an die Daheimgebliebenen zu schicken. Der Trend lebt weiter.
Von Kristin Seelbach
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