Schwere Vorwürfe gegen Waldorfschule Cuxhaven: Seit Januar 31 Abmeldungen
CUXHAVEN. Seit Januar gibt es in der Waldorfschule Cuxhaven schon 31 Abmeldungen. Aber auch 19 Neuzugänge, betont die Schule. Eltern erheben schwere Vorwürfe.
Sie suchen eine andere Schule für ihr Kind, eine, wo sie sich Ruhe und Zeit zum Lernen, individuelle Stärkung und Freiheit erhoffen, und das ohne Notendruck. "Und dann ist das, was innen passiert, ganz anders", stellt eine Mutter fest, die die Konsequenzen gezogen und ihr Kind von der Freien Waldorfschule Cuxhaven abgemeldet hat.
Erniedrigung, "Klima der Angst", mangelnde Kommunikation, Übergriffe in die Persönlichkeitssphäre - die Vorwürfe von Eltern, mit denen unsere Zeitung gesprochen hat, wiegen schwer. Allein seit Januar dieses Jahres haben 31 Kinder die Schule verlassen; sehr viel auch für die Waldorfschule, die eine hohe Fluktuation gewöhnt ist. Das wurde auch bei aufnehmenden Schulen registriert.
"Die Wechsel erfolgten aus ganz unterschiedlichen Gründen", betonen Schulleiter Uwe Schneider und Geschäftsführerin Jutta Haupt. Vielfach lägen schlichtweg Umzüge oder der Wunsch nach kürzeren Schulwegen zugrunde - die Kinder kämen schließlich aus dem ganzen Landkreis. Den Abgängen stünden zudem 19 Neuzugänge durch Quereinsteiger entgegen. In zwei Fällen seit Januar sei die Kündigung von der Schule ausgegangen, die die Probezeit nicht verlängert habe.
Martina und Ralf H. (Namen geändert) haben im Mai so einen Brief bekommen: Ihr Sohn müsse nach den Ferien eine andere Schule besuchen, "an der seine Probleme besser begleitet werden können". Auf Antworten auf ihre Fragen nach Stellungnahme und Erklärung warteten sie bis heute, versichern sie.
Dabei habe sich alles gut recht gut eingespielt, nachdem ihr Sohn als Quereinsteiger in die 3. Klasse gekommen war. Das obligatorische Flötenspiel habe er prima erlernt; im ersten Zeugnis bescheinigt die Klassenlehrerin, es sei, "als ob er schon immer dabei gewesen sei".
"Völlig unerwartet"
In ihren Augen völlig unerwartet kam daher im Januar 2019 die schriftliche Mitteilung, dass die Probezeit für ihren Sohn bis zum Schuljahresende verlängert werde. "Zwischen Briefdatum - 14. Januar - und Poststempel - 21. Januar - lag eine Woche", berichten die Eltern, "das hat uns schon stutzig gemacht." Zumal die Probezeit am 15. Januar ausgelaufen wäre. Beschlossen worden sein soll die Probezeitverlängerung bei einer Konferenz am 10. Januar. "Warum hat uns das dann niemand gesagt, nicht mal beim Elternabend am 15. Januar?"
Dem Vorwurf der Eltern über mangelnde Kommunikation widerspricht die Schulleitung: Gespräche und E-Mail-Kontakte habe es sehr wohl gegeben. Möglicherweise könne es als fehlende Kommunikation aufgefasst werden, wenn die Schulleitung sich Vorwürfe nur anhöre, aber nicht im selben Gespräch Antworten gebe, räumt die Geschäftsführerin ein. "Wir hören uns zunächst immer alle Seiten an."
Die Probezeit betrage stets ein Jahr mit der Option auf Verlängerung. "In seltenen Fällen kann nach eingehender Prüfung das Ergebnis sein, dass das Kind und die Schule nicht zusammenpassen und dass daher der Schulvertrag nicht verlängert oder sogar vorzeitig gekündigt wird", heißt es in einem Elternbrief, der in der Klasse verteilt worden ist. Generell werde der Kontakt zu allen Eltern, die ihr Kind abmeldeten, mit der Bitte um eine offene und ehrliche Stellungnahme gesucht, versichert Jutta Haupt. "Nicht alle kommen." Auch jetzt biete sie allen, die sich unzufrieden geäußert hätten, den Austausch an.
Ob "unbequeme" Kinder, zum Beispiel mit ADHS, an der Waldorfschule abgelehnt würden? Uwe Schneider und Jutta Haupt weisen das zurück: "Unsere Schule ist für jeden offen." Allerdings: "Das Kind muss in die Klasse passen, von der Altersstruktur und dem Entwicklungsstand - nicht Leistungsstand." Auch das soziale Zusammenleben müsse klappen oder das Kind zumindest "integrierbar" sein. Um das herauszufinden, gebe es Hospitationen. Kinder mit Förderbedarf dürften laut Schulgenehmigung nicht unterrichtet werden.
"Vertrauensbruch"
Ehemalige Eltern der Schule sprechen uns gegenüber von einem "schematischen Denken": "Entweder es passt oder nicht. Bei sich selbst wird nichts hinterfragt, auch nicht, wenn Eltern reihenweise kündigen." - "Ganz schlecht ist, wenn man seinen Unmut bekundet und darüber auch noch mit anderen spricht", sagt Sabine W. (Name geändert). Nachfragen beim Elternabend seien als "Vertrauensbruch" deklariert worden.
"Wir brauchen das Vertrauen der Eltern, aber dass kritische Fragen nicht zulässig sind, stimmt nicht", sagt Uwe Schneider dazu. Es gebe reichlich Möglichkeiten, Kritik und Zweifel anzusprechen, vorzugsweise aber direkt mit der Schulleitung, den Klassenlehrkräften oder Elternvertretern und nicht im schulöffentlichen E-Mail-Verkehr und Klassengruppen.
Das achtjährige KlassenlehrerModell, das die Chance einer verlässlichen Beziehung bietet, kann Fluch und Segen sein; den Lehrkräften wird große pädagogische Autonomie eingeräumt. Das bedeute aber auch Einflussnahme bis ins Privatleben hinein, so Sabine W., die es mit ihrem Sohn erlebt hat: Die Haare zu lang, die Kleidung zu leicht, die Comiczeichnungen zu frech: "Da wird auf die Kinder eingewirkt, das sind massive Eingriffe in die Privatsphäre."
So haben Martina und Ralf H. auch den Ratschlag erlebt, ihren Sohn vom Eishockeytraining abzumelden: Das drohe die Aggressivität zu fördern ... Was sie bewogen hat, ihn tatsächlich für vier Wochen herauszunehmen, kann Martina H. heute auch nur mit dem Versuch erklären, ihrem Sohn eine Zukunft an der Schule ohne "Sonderstatus" zu ermöglichen. "Mein Mann hat das gleich abgelehnt." Der Sohn trainiere längst wieder, liebe und brauche den Sport.
Dass ihr Sohn Fußball spiele, sei ihr in jedem Zeugnis aufs Brot geschmiert worden, berichtet eine weitere Mutter.
Natürlich gehöre Fußball zum Alltag, heißt es dazu aus der Schule. Nur auf dem Schulhof sei das Spiel wegen der Verletzungsgefahr verboten, ergänzt Uwe Schneider.
Dass auch mal von bestimmten Sportarten abgeraten oder zu anderen Verhaltensweisen geraten werde, entspreche dem pädagogischen Konzept und orientiere sich am Entwicklungsstand des Kindes, so Geschäftsführerin Jutta Haupt: "Unsere Lehrkräfte haben den Mut, Probleme an- und Empfehlungen auszusprechen." Das stoße nicht immer auf Gegenliebe und könne auch zu Abmeldungen führen. "Es gibt aber auch viele Eltern, die dieses Vorgehen sehr begrüßen."
Sie habe hingegen registriert, dass viele Eltern nach und nach einen "defizitären" Blick auf ihr Kind entwickelt hätten, so eine ehemalige Mutter. "Permanent wird ihnen vorgespiegelt, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt."
Mit der Gemeinschaft habe es nur geklappt, wenn man ins Raster gepasst habe, so hat es Sabine W. empfunden. Ihr Sohn sei angeeckt, weil er viele Fragen gestellt und morgens nicht mitgebetet habe - eine "Störung der Klassengemeinschaft". In der Auseinandersetzung um seine selbst gezeichneten Comics sei die ganze Klasse befragt worden, wie sie diese denn finde - "da hat sich natürlich kein Kind etwas zu sagen getraut."
Das zu tiefe Singen ihres Sohnes sei Anlass gewesen, ihm das Mitsingen zu verbieten, so Sabine und Ralf H. Den Satz, sie hätten ein "normales und ein nicht normales Kind", hätten sie nicht gerade als einen Beweis für liebevolle und individuelle Förderung empfunden.
Eine Lehrkraft, die vor einem Kind als "absolute Katastrophe" warnt, der Ratschlag, sich die Linkshändigkeit abzugewöhnen, ein Kind, das ausgelacht worden sei, weil es aufs Gymnasium wechseln wolle - auch von solchen Begebenheiten ist uns berichtet worden. Für die Schulleitung schon nicht kommentierbar, weil sie nicht dabeigewesen sei und niemand wisse, was sich wirklich zugetragen habe.
Von Angst distanziert
Von der von Eltern beschriebenen Angst distanzieren sie sich entschieden: "Angst ist nicht unsere Pädagogik", so Uwe Schneider. "Da ist in der Kommunikation etwas schiefgelaufen." Gerade die gemeinschaftlichen Strukturen dienten ja als Schutz, sagt Jutta Haupt.
"Im Nachhinein frage ich mich, warum ich nicht schon früher gekündigt habe", bekennt eine Mutter. Ein Grund seien auch sehr gute Lehrkräfte gewesen. "Aber die sind ja nicht geblieben." Fünf Lehrkräfte in fünf Jahren - "da haben auch wir innerlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen", versichert Jutta Haupt. Diesem dramatischen Verlauf lägen zwei schwere Erkrankungen und mehrere zeitlich beschränkte Vertretungen zugrunde.
Während Eltern - auch gegenüber unserer Zeitung - vom Lernen mit "Kopf, Herz und Hand" schwärmen und sich nichts Besseres für ihr Kind vorstellen können, geht es anderen ganz anders: Sie hätten trotz fehlender Noten sehr wohl Druck verspürt, so Martina und Ralf H. Der habe sie sogar veranlasst, ihr Kind in einer Nachhilfeschule anzumelden. "Noch schlimmer aber finde ich, dass nicht nur die Leistung, sondern der ganze Mensch bewertet wurde", sagt Ralf H.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.