So drohen auch im Cuxland regionale Hersteller nach und nach kaputt zu gehen
OTTERNDORF. Wegen stark gestiegener Energiekosten: Der Otterndorfer Sauerkonserven-Produzent Alfred Paulsen warnt davor, dass viele regionale Hersteller von Lebensmitteln auf der Strecke bleiben könnten, weil der Handel an seiner Niedrigpreisstrategie festhält.
Bevor der Grünkohl zum Superfood-Produkt in Form von Smoothies aus Pulver oder in Kapselform als Nahrungsergänzungsmittel wegen seiner Vielzahl an Vitaminen, Mineral- und Nährstoffen in Mode kam, war er einfach mal ein leckeres und herzhaftes Gericht, das in vielen Haushalten ab November auf den Tisch kam - mit Kohlwurst oder Pinkel, Kasseler, geräuchertem Speck und Kartoffeln. Die "Friesenpalme" ist seit jeher ein Klassiker der Hausmannskost, bis heute.
Die meisten Menschen verarbeiten nicht mehr die Gemüserohware, sondern bevorzugen Grünkohl aus der Dose oder dem Glas. Europas größter Hersteller von Grünkohlprodukten ist die Lipperland Konserven GmbH aus dem westfälischen Lage. Sie vertreibt drei Marken: Lipperland, Ebbrecht und Heinrich Lüders als handgepflückte Premium-Qualität. Unter dem Namen Lubella ist das Unternehmen 1948 gegründet worden. Heute setzt es ungefähr 50 Millionen Euro jährlich um und beschäftigt etwa 50 Mitarbeiter. Eigentümer der Lipperland Konserven ist seit mehreren Jahren der Otterndorfer Alfred Paulsen, der das 1909 gegründete Familienunternehmen Paulsen Sauerkonserven mit verschiedenen Produkten wie Gurken, Sauerkraut und Rotkohl unter verschiedenen Markennamen führt.
Paulsen ist sehr zufrieden mit der diesjährigen Grünkohlernte, obwohl sie erst Anfang August - drei Wochen später als üblich - beginnen konnte. Trotzdem gibt es Probleme, die dem Unternehmer Sorgenfalten auf die Stirn treiben. So werde es immer schwieriger, Mitarbeiter für das handgepflückte Topprodukt von Heinrich Lüders Grünkohl zu finden. "Der Lohnanteil bei dieser Ware beträgt 70 Prozent der gesamten Erntekosten inklusive der Rohware", erläutert der Unternehmer.
Die derzeit größte Herausforderung für alle Hersteller von haltbar gemachten Lebensmitteln - nicht nur der Grünkohlproduzenten - ist derzeit der enorm gestiegene Energiepreis. Besonders Produzenten von Konserven verbrauchen für die Pasteurisierung sehr viel Energie aus Gas und Strom für die Dampfkessel. Die Energiekosten sind beim Gas um 60 Prozent und beim Strom um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Paulsen: "Unser Kohl wird durch Kochen haltbar gemacht und muss später in der Küche nur erwärmt werden. Wenn der Verbraucher selbst frischen Kohl oder Tiefkühlware einsetzt, kommen diese Kostensteigerungen auch auf ihn zu."
Verpackung wird teurer
Alfred Paulsen rechnet außerdem damit, dass die Preise für die Dosen, in denen das Gemüse aufbewahrt wird, im nächsten Jahr um 60 Prozent steigen werden. Die Verpackungskosten machten bereits mehr als 50 Prozent des Verkaufspreises aus. "Deshalb erwarten wir mehr Glasverpackungen, weil Glas nur um zehn Prozent teurer wird. Dabei ist die Dose die qualitativ bessere Verpackung. Energetisch schneidet der Tiefkühlgrünkohl in der Weichverpackung, dem Kunststoffbeutel, am schlechtesten ab."
Doch auch frischer Grünkohl sei für den Verbraucher keine echte Alternative, weil die Rohware deutlich teurer geworden ist und sehr viel Energie zum Kochen aufgewendet werden muss. Alles in allem erwartet Paulsen im kommenden Jahr eine Preissteigerung um etwa 15 Prozent für den Endverbraucher.
Doch schon jetzt sei es fast unmöglich, die gestiegenen Herstellungspreise an die Verbraucher weiterzugeben, denn der Handel akzeptiere die Erhöhungen in der Regel nicht und drohe bereits mit Kaufverweigerung beziehungsweise Auslistung von Produkten aus seinen Regalen. Die großen Lebensmittelketten wollen weiter mit Niedrigpreisen beim Verbraucher punkten, da passen höhere Preise nicht ins Bild. "Die Folge wird sein, dass immer mehr Mittelständler ihren Betrieb einstellen müssen, was wiederum zu weniger Vielfalt auf dem Teller führen wird", glaubt der Otterndorfer. Zwar profitiere der Verbraucher kurzfristig von den niedrigen Preisen, doch längerfristig bedeuteten sie Uniformität, wenn sich immer mehr Anbieter aus dem Markt zurückziehen würden. Paulsen: "Alle wollen regionale Produkte, aber auf diese Weise gehen die regionalen Hersteller nach und nach kaputt."
Preisanhebung wird verzögert
Die deutlich gelichteten Regale in etlichen Märkten spiegelten daher keine Versorgungsengpässe wider, sondern seien vielmehr Ausdruck der schwierigen Verhandlungen mit den Produzenten, sagt Alfred Paulsen. "Das Ziel des Handels ist es, die Preisanhebung so weit wie möglich hinauszuschieben." Doch dieses Vorgehen könne schnell existenzgefährdend für die kleinen und mittleren Unternehmen der Lebensmittelindustrie werden.