Spannende Schlussetappe: Herrmann überrascht Seglerwelt bei "Vendée Globe"
CUXHAVEN. Die Schlussetappe wird nochmal richtig spannend. Boris Herrmann ist als erster Deutscher dabei - mit der Chance auf einen Podiumsplatz.
Dem Segelprofi Boris Herrmann aus Hamburg stehen die spannendsten Stunden seines Lebens bevor. Als erster Deutscher hat er das Abenteuer des "Vendee Globe" auf sich genommen, ist jetzt seit 75 Tagen auf See und versetzt die Seglerwelt in Staunen: Mit seiner ultraschnellen Jacht "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco" (ex "Malizia") segelt er seit Tagen im Spitzen-Trio und hat gute Chancen auf einen Platz auf dem Podium.
Zielhafen Frankreich: Les Sables d'Olonne
Wenn es so gut weiterläuft wie in den vergangenen Tagen, könnte Herrmann, als Dritter oder Zweiter im französichen Zielhafen Les Sables d'Olonne ankommen. Dazu kommt noch eine Zeitvergütung von sechs Stunden, die ihm gutgeschrieben wird, weil er einem anderen Regattateilnehmer zu Hilfe gekommen war.
Ein Rieseerfolg für den Segelsport ist das "Vendee Globe" schon jetzt. Die Zahl der Segelfans in Deutschland, die das Non-Stop-Rennen um die Welt in den Medien und im Internet verfolgen, hat sich im Verlauf der letzten zwei Wochen deutlich zugenommen. Der Grund: Seit die Segler das Kap Horn umrundet haben und Richtung Europa unterwegs sind, ist das Feld mehr und mehr zusammengerückt. Und gerade jetzt in der Schlussetappe wird es noch einmal richtig spannend. Selbst nach 75 Tagen auf See und fast 20 000 Seemeilen im Kielwasser ist noch ungewiss, wie das Rennen ausgehen wird.
Seit Freitag auf Platz 3
Die Flotte segelt aktuell in mäßigen nordöstlichen bis östlichen Passatwinden und nähert sich dem Hochdruckgebiet bei den Azoren. Am Donnerstag sah die Lage so aus: Der Erstplatzierte Charlie Dalin (Apivia) hat sich für eine etwas kürzere Route, hoch am Wind, entschieden und ist trotz des Schadens am Backbord-Foil (seitliche Tragflächen) weiterhin schnell unterwegs. Louis Burton (Bureau Vallée 2) hat sich gut 270 Seemeilen weiter westlich positioniert und versucht auf dieser längeren Route mit höherer Geschwindigkeit zu segeln. Boris Herrmann belegte zwischenzeitlich den Zweiten und seit Freitagmorgen den dritten Platz im Rennen. Seine "Seaexplorer-Yacht Club de Monaco" legte in 24 Stunden knapp 400 Seemeilen zurück und war mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 16,7 Knoten das schnellste Boot der gesamten Flotte. Zum Positionsupdate von Donnerstag 12 Uhr lag Boris nur 77 Seemeilen hinter dem Führenden Charlie Dalin. Thomas Ruyant (LinkedOut) folgt dem deutschen Skipper mit einem Abstand von circa 90 Seemeilen.
"Ich fühle mich gut", sagte Boris Herrmann im Interview heute Morgen. "Es ist gut für die Moral, Zweiter zu sein, auch wenn es im Moment nicht viel bedeutet. Die vor uns liegende Woche wird die unglaublichste Woche dieser "Vendée Globe" und überhaupt der Geschichte der Regatta sein.
Sechs Boote im Spitzenfeld
Die sechs oder sieben Boote an der Spitze liegen aktuell alle sehr dicht beieinander, ebenso Jean Le Cam. Die Zeitboni werden sicherlich ins Spiel kommen. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein. Einen garantierten Platz auf dem Podium habe ich noch nicht, das ist natürlich mein Traum und mein Ziel, aber es wird sehr eng werden. Es wird eine harte Woche, aber ich freue mich sehr darauf."
An Bord seiner "Seaexplorer-Yacht Club de Monaco" scheint die Technik mitzuspielen. Der Deutsche hat den großen Vorteil, das Potenzial des Bootes weiterhin voll ausfahren zu können. In der letzten Phase der Regatta werden taktische Entscheidungen hinsichtlich Wetterberatung, Kurs und Segelkonfiguration immer wichtiger. Als Sponsor hinter dem Projekt steht Fürst Albert II von Monaco und Pierre Casiraghi. Sie haben sich am Dienstag in einer Live-Schaltung mit Boris unterhalten: "Es ist einfach fantastisch. Wir sind so stolz auf Sie hier im Yacht Club de Monaco. Ich zähle die Tage, bis Sie ankommen. Ich kann an dieser Stelle gar nicht sagen, wie glücklich ich bin. Wir stehen 150 prozentig hinter Ihnen und hoffen, dass die Bedingungen bis nach Les Sables d'Olonne günstig bleiben." Pierre Casiraghi fügte hinzu: "Boris macht ein hervorragendes Rennen. Die Bedingungen waren hart. Ich bin manchmal nachts wach, um das Rennen zu verfolgen. Ich bin so oft wie möglich mit ihm in Kontakt".
Anerkennung vom Sieger 2016
Armel Le Cléac'h, Sieger der letzten Ausgabe der Vendée Globe, kommentierte die gute Platzierung von Boris ebenfalls: "Er segelte auf der ersten Hälfte der Strecke eher konservativ. Er hat die weise Entscheidung getroffen, das Boot, welches unheimlich schnell segeln kann, nicht zu hart zu belasten. Das hat er gut gemacht, hat sich eher diskret verhalten und hat sich gut positioniert. Jetzt wissen wir, dass er das volle Potenzial des Bootes nutzen kann und sich auch bei viel Wind wohlfühlt. Wir könnten diesmal einen Nicht-Franzosen auf dem Podium haben, warum also nicht vom Sieg träumen."
Trans Ocean unterstützt
In der Cuxhavener Zentrale vom Verein Trans Ocean verfolgt man das Rennen ebenfalls mit großem Interesse. Schließlich ist Boris Herrmann seit über 20 Jahren Mitglied und wurde vom Verein im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten gerade zu den Zeiten seines Karrierestarts als Profisegler immer wieder unterstützt. Der Erfolg Herrmanns passt auch deshalb so gut ins Bild, weil sich Trans Ocean zum 50-jährigen bestehen vor zwei Jahren an seine Wurzeln erinnert hat und dezidiert junge Nachwuchssegler fördert, die sich im Hochseesegelsport engagieren.
Für Lennart Burke ein Idol
Einer von ihnen ist Lennart Burke, der in der Klasse der Minis für Aufsehen sorgt und in einer Umfrage aktuell zum "Segler des Jahres" gewählt worden ist. In der jüngsten Ausgabe der Vereinszeitschrift ist ein Interview abgedruckt, dass Burke vor dem Start zum "Vendee Globe" mit Boris Herrmann geführt hat. Sehr interessant. Und hier nachzulesen.
Start und Ziel des Rennens liegen vor Les Sables-d'Olonne in Frankreich. Die Regatta findet alle vier Jahre statt und beginnt im November, immer an einem Sonntag. Die insgesamt über 30 Teilnehmer segeln fast baugleiche Jachten (Imoca, 60 Fuß) müssen über 24 000 Seemeilen ( 44 448 Kilometer) um die Welt segeln, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Land zu betreten. Dabei sind das Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn jeweils an Backbord sowie die Antarktis an Steuerbord zu lassen. Bei der neunten Auflage (2020/21) ist mit Boris Herrmann erstmals ein deutscher Segler dabei.