Spur des Nazi-Mords führt nach Wehdel
KREIS CUXHAVEN. Die Geschichte des Spiegelreporters Cordt Schnibben über seinen Vater wirft auch ein Licht auf Dörfer im Zweiten Weltkrieg
74 Jahre ist es her. Am 12. Juli 1945 wird in Wehdel ein Mann namens Georg Schnibben verhaftet. Acht Jahre später wird er verurteilt wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung eines Landwirts in Dötlingen. Es ist der Vater des bekannten Spiegelreporters Cordt Schnibben. Die Verhaftung und die örtliche Schulchronik werfen ein Licht auf ein Dorf während der Nazi-Zeit.
Schnibben entdeckt die mörderische Geschichte nach dem Tod des Vaters in den Gerichtsakten, die er im Nachlass findet. Im Spiegel beschreibt er sein ungläubiges Erstaunen über die Tat des Vaters und die Wahrscheinlichkeit, dass auch seine früh verstorbene Mutter eingeweiht war.
Das Opfer war ein Landwirt aus dem "Gaumusterdorf" Dötlingen nahe Wildeshausen. Einer, den die Nazis als Querulanten, Demokraten und Quertreiber auf der Rechnung hatten. Vor 1933 war er im Gemeinderat gewesen. Zwei Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet er ins Visier der Kampfgruppe Wichmann, in der Georg Schnibben als Adjutant des Anführers Heinz Wichmann fungierte. Die Männer und Frauen dieser Gruppe nannten sich Werwölfe. Sie sollten den alliierten Siegern in den Rücken fallen und "Volksverräter ausmerzen", wie es in der Nazi-Sprache hieß.
Der Bauer Willi Rogge wurde von Mitgliedern dieser Gruppe am 14. April 1945 regelrecht hingerichtet. Schnibben war bei dieser Hinrichtung wohl nicht dabei, hatte den Mörder und seine Begleiter aber in ihrem Tun bestärkt. Den Toten fand man im Straßengraben und bei ihm ein Schild mit der Aufschrift "Wer sein Volk verrät, stirbt." Ein schwarzer Handabdruck daneben wirkt wie eine Signatur. Der Werwolf Schnibben wurde in Wehdel verhaftet. Dort lebte auch eine Familie Schnibben. Ob der Gesuchte sich dort versteckt hatte, kann man heute nicht mehr sagen.
Neben möglichen Familienbanden konnte Georg Schnibben sicher sein, in Wehdel auf Gleichgesinnte zu treffen. Wie der Ort in der heutigen Gemeinde Schiffdorf im Laufe der Nazi-Herrschaft auf Linie gebracht wurde, kann man der Schulchronik von 1893 bis 1941 entnehmen, deren Abschrift unserer Zeitung vorliegt. Das Original liegt im Otterndorfer Kreisarchiv. Dessen Leiter Axel Behne berichtet, dass dort viele Schulchroniken archiviert sind. "Bei manchen merkt man, wie tiefbraun der Dorfschullehrer in der Nazi-Zeit war, bei anderen spürt man die Distanz, einige sind offenbar nachträglich frisiert worden", so Behne. Autor sei immer der Lehrer gewesen, zu dessen beruflichen Verpflichtungen es gehörte, die Chronik zu schreiben.
In der Wehdeler Chronik wird geschildert, wie die Parteigenossen ihre nationalsozialistische Ideologie verankern, nachdem der SA-Sturmbannführer Dietrich Kück im Dezember 1933 seinen Wohnsitz in Wehdel erhielt, wie es heißt. Wie sie die Bewohner bearbeiten, zeigt sich bei verschiedenen Anlässen. Neben Kück tun sich der Parteigenosse Becker, der auch Lehrer im Ort ist, und der NSDAP-Ortsgruppenleiter Karsten Glandorf da hervor. Auch wenn er nicht als solcher genannt wird, könnte Becker auch Autor der Schulchronik in der NS-Zeit sein.
Der Platz, auf dem heute die Gedenksteine für die Gefallenen beider Weltkriege stehen, hieß damals Horst-Wessel-Platz. Wessel war ein SA-Mann, der nach seinem gewaltsamen Tod von den Nazis zum Märtyrer hochstilisiert wurde. Am 1. September 1935 wird der Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Wehdel eingeweiht. Dem geht ein Umzug voraus, der vor dem Eichholzschen Saal Aufstellung nimmt. Allerdings müssen die Teilnehmer nur wenige Hundert Meter durch die Altluneberger Hauptstraße marschieren. Danach findet eine Feier bei Eichholz statt. Schließlich merkt der Chronist an: "Leider war Ende Juni die am 1. Mai 1933 auf dem Horst-Wessel-Platz gepflanzte Hitlereiche von roher Hand abgesägt worden." Also war Wehdel zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz gleichgeschaltet.
Aber die Nazis blieben dran und beeinflussten die jungen Köpfe. 1936 vermeldet der Chronist, alle Schülerinnen und Schüler der oberen vier Jahrgänge seien den nach Geschlechtern getrennten Nazi-Jugendorganisationen beigetreten. "Daher wird der Schule die Genehmigung zur Hissung der H.-J.-Flagge erteilt." H.-J. steht für Hitlerjugend.
Herr Wrochem, Sie befassen sich mit den persönlichen Geschichten von Nachkommen der Opfer und Täter der NS-Zeit. Welche allgemeinen Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen? Die NS-Vergangenheit wirkt in Deutschland, aber auch in den ehemals besetzten Ländern und auch auf außereuropäischen Kontinenten stark nach. In vielen Ländern leben Menschen, die Nachkommen von Tätern, aber vor allem auch von Verfolgten, sind. Gerade im familiären Kontext reichen die Folgen der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein. Das ist insbesondere an historischen Orten von Verbrechen wie der KZ-Gedenkstätte Neuengamme spürbar, wo jeden Tag Menschen hinkommen, die biografische Verbindungen zu Opfern und Tätern des Nationalsozialismus haben.
Warum ist es wichtig, sich auch heute noch diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte zu stellen? Man hört ja schon, dass es sich um einen Vogelschiss der Geschichte handele. Die Formen des historischen Unrechts im Nationalsozialismus wie Ausgrenzung, Verfolgung und millionenfache Ermordung von Menschen zu analysieren und sich damit auseinanderzusetzen, ist wichtig für die Gegenwart: Wir sind alle angehalten, für Menschenwürde und Menschenrechte einzutreten und uns damit auseinanderzusetzen, wie es dazu kommen konnte. Zentral ist auch die Frage, warum so wenige Widerstand geleistet haben und wie es in modernen Gesellschaften zu einem Umschlag in staatlich getragene Massengewalt kommen kann. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ist Teil unserer demokratischen Kultur.
In der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bieten Sie Seminare an für Menschen, die sich mit der Vergangenheit ihrer Eltern oder Großeltern während der Nazi-Zeit konfrontiert sehen. Was vermitteln Sie in diesen Seminaren? In einem ersten Schritt zeigen wir Wege auf, wie Menschen an Informationen über ihre Familiengeschichte im Nationalsozialismus kommen können. In einem zweiten Schritt können sich Nachkommen von NS-Tätern, aber auch von NS-Verfolgten über die Folgen ihrer Familiengeschichten auf das eigene Leben austauschen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für viele eine große Erleichterung darstellt, mit anderen über die familiären Erbschaften zu sprechen.
Von Barbara Fixy