Stade: Dow macht Werk fit für die Zukunft - für Dutzende Millionen Euro
STADE. Eine Inspektion und eine Modernisierung verschlingen im Dow-Werk in Stade 80 Millionen Euro. Für sechs Wochen wurden 1300 zusätzliche Arbeiter eingestellt.
Bei der Dow in Stade steht das halbe Werk still. Grund sind groß angelegte Instandhaltungsarbeiten, ein Routineprozess, der viel Geld verschlingt. 80 Millionen Euro steckt das Unternehmen in die Erneuerung seiner Anlagen und damit in die Zukunft des Standorts.
Draußen "im Feld", wie es die Dow-Mitarbeiter nennen, beherrschen Kräne die Szenerie. 37 wurden aufgebaut, um alle Produktionsprozesse unter die Lupe zu nehmen. Drinnen, für Außenstehende nicht sichtbar, hat die digitale Technik im Leitstand Einzug gehalten. Die Anlagen werden von hier aus gesteuert. Jede Pumpe, die geöffnet, jedes Ventil, das geschlossen wird, jede Temperatur, die gemessen wird, werden von hier aus bedient.
Zeit ist Geld
"Turnaround" nennt das US-amerikanische Unternehmen den Stillstand. Das laufende Projekt wurde zwei Jahre minutiös geplant. Stillstand heißt nicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Dow so lange die Hände in den Schoß legen können. Im Gegenteil. Denn Zeit ist gerade beim Turnaround Geld. Sechs Wochen lang wird gut die Hälfte der Anlagen intensiv gecheckt, marode Teile ausgetauscht, Kessel und Leitungen leergefahren, um Rohre, Dichtungen und Ventile genau zu prüfen.
Roboter und Drohnen helfen dabei, mögliche Schäden zu finden, sagt Axel Altmann, der für die Werksleitung Stade den Turnaround verantwortet.
Verstärkung geholt
Jetzt werde dieser Teil des Standorts fit für die Zukunft gemacht. Dafür hat sich die Dow Verstärkung geholt. 1300 zusätzliche Arbeitskräfte hat sich das Unternehmen auf das Gelände des Industrieparks an der Elbe in Bützfleth geholt. Der Personalstand hat sich also fast verdoppelt in der intensiven Zeit des Turnarounds. Die Kontraktoren leisten insgesamt 300.000 Arbeitsstunden. 1000 Arbeitspakete warten auf sie und die Dow-Angestellten.
Allein 3500 Armaturen müssen ausgetauscht werden. Spannende Frage dabei: Kommt das Material pünktlich in Zeiten von Warenengpässen? Die Dow ging auf Nummer sicher. Jedes auszutauschende Teil wurde erst mal gesichert - und wäre nach dem Check und einer Generalüberholung zur Not wieder eingebaut worden.
Facharbeiter aus Osteuropa
Ferienwohnungen und Hotels in der Region sind größtenteils durch die zusätzlichen Dow-Arbeiter in Beschlag genommen. Sie kaufen hier ein, verbringen ihre Freizeit. Häufig handelt es sich um Facharbeiter aus Osteuropa. Zurzeit kursieren auf dem Gelände 19 verschiedene Sprachen. Stades Dow-Chef Dr. Neldes Hovestad möchte sich ausdrücklich bei allen bedanken, die diesen für die Dow wichtigen Arbeitern den Aufenthalt hier ermöglichen.
Im Werk spielt Sicherheit eine große Rolle. 20 Kolleginnen und Kollegen sind abgestellt, um zu kontrollieren, ob alle Bestimmungen eingehalten werden. Bisher lief alles reibungslos. Weder Unfälle noch Materialknappheit spielten eine Rolle, sagt die Geschäftsleitung während eines Pressegesprächs.
Kollegen treffen sich
Die Aktion sorgt immer wieder für eine besondere Stimmung. Auf dem Gelände wurde ein "Turnaround-Dorf" eingerichtet mit Sozialräumen, Umkleidekabinen - und mehreren Catering-Ständen aus der Region. Hier treffen sich die Kollegen zum Beispiel auf ein Fischbrötchen, tauschen sich aus. Alle sechs Jahre sind die Anlagen dran mit der Inspektion, Dow teilt sich die Arbeit auf, legt alle drei Jahre eine Hälfte des Werkes still. Apropos Belegschaft. Die Entwicklung der Mitarbeiter liegt ihm sehr am Herzen, sagt Hovestad. Auch die Dow muss zusehen, dass sie sich ausreichend Fachkräfte sichert. 2022 werden insgesamt 65 neue Kolleginnen und Kollegen aufgenommen, in den beiden Folgejahren sollen es 150 sein.
Wer eine Ausbildung bei der Dow beginnt, ob Schlosser, Industriemechaniker, Elektroniker, Chemikant oder Chemielaborant, hat hohe Übernahme-Chancen. "Der Markt ist leer", sagt Axel Altman, "die Ausbildung hilft uns extrem, das notwendige Personal zu finden." Zurzeit läuft gemeinsam mit der IHK ein Programm, Mitarbeiter aus Handwerksberufen zur Produktionsfachkraft umzuschulen. Hovestad: "Wir müssen kreativ sein."
Zuschüsse aus Berlin und Brüssel
Den jungen Menschen mit offenem Geist sowie Wertschätzung zu begegnen und im Chemie-Bereich grüne Ideen zu entwickeln, gehörten dazu. Erst einmal soll das Ausbildungszentrum im Industrie-Park für rund eine Million Euro modernisiert werden. Zu den grünen Ideen gehört zum Beispiel der Bau einer neuen Anlage, um grünes E-Methanol zu produzieren. Die Dow wartet für den Baustart auf grünes Licht und damit auf Zuschüsse aus Berlin und Brüssel, um die Anlage im industriellen Maßstab für gut 125 Millionen Euro zu erstellen.
Parallel ist die Dow auch eine der treibenden Kräfte und Anteilseigner beim bereits beantragten Bau des LNG-Terminals für den Import von verflüssigten Gasen auf ihrem Gelände. Das Projekt hat durch die russische Gas-Krise an nationaler Bedeutung gewonnen. Womöglich wird vorab, wie mehrfach berichtet, von der Bundesregierung eine schwimmende Einheit im Industriehafen Stade installiert. Das bundesweite Gasnetz ist nur zehn Kilometer entfernt.
Abgestufte Notfallpläne
Energiepreise sind ein wichtiger Faktor für die Rentabilität der Dow Stade. Das Werk zählt nach der Deutschen Bahn zum zweitgrößten Stromverbraucher in Deutschland und verschlingt im Jahr etwa sieben Milliarden Kilowattstunden. Sollte Russland den Gashahn zudrehen, gibt es abgestufte Notfallpläne, so Hovestad, wie das Werk auf ein Minimum heruntergefahren werden kann - in der Hoffnung, dass es so weit nicht kommen wird.
Die ungewissen Aussichten trüben das derzeit gute Bild der Chemie-Industrie und der Dow. Bundesweit spricht der Verband der Chemie von einer Produktionssteigerung um 1,3 Prozent, bei steigendem Umsatz von 8 Prozent fürs erste Quartal. Die Dow blickt auf eine Auslastung ihrer Anlagen von 95 Prozent - ein guter Wert, weil 100 Prozent eher eine theoretische Größe sind. Angepeilt sind 96,7 Prozent fürs laufende Jahr, wenn nichts dazwischen kommt.
Von Lars Strüning