Zu Gast bei Ingrid Stelling

Stelling: "Einer verliert immer..."

27.02.2013

HOLLNSETH. Wenn Ingrid Stelling ins historische Gebälk ihres wunderschönen Bauernhauses blickt, dann werden Erinnerungen wach. „Wenn wir vorher gewusst hätten, was mit dem Kauf eines alten Resthofes verbunden ist, hätten wir die Finger davon gelassen.“ Schnell fügt sie augenzwinkernd hinzu: „Nee, wahrscheinlich doch nicht.“

Sieben lange Jahre hat der Umbau des malerischen Fachwerkgebäudes am Rande von Hollen in der Südbörde gedauert. Jeder Stein wurde hier mindestens dreimal umgedreht, irgendwann stand das Dach auf Stelzen und die Restaurierung des Innenlebens begann. „Das Haus war erst zu einem Viertel fertiggestellt, da sind wir hier schon eingezogen“, erinnert sich die Direktorin des Amtsgerichtes Cuxhaven. Nach sieben Jahren also war das Schmuckstück unter Reet aus dem Jahre 1880 komplett instand gesetzt und liebevoll eingerichtet. Ingrid Stelling zog hier mit ihrem Mann Rolf Borchers-Stelling – einem Betriebswirt und Verbandsprüfer – die beiden Töchter Katharina (22) und Johanna (15) auf.

Das Paar kennt sich aus Schulzeiten und lernte sich beim Schützenfest in Bentwisch einst näher kennen. Seit 23 Jahren sind sie verheiratet und haben sich sogar – vor über zwei Jahrzehnten noch ungewöhnlich – die Elternzeit der ersten Tochter geteilt.

Zur Familie gehören auch Katzen, Kaninchen, Hühner und der Golden Retriever Leyla. „Nach erfolgreicher Hundeschule hört sie aufs Wort“, freut sich Stelling. Fast hätte sie die Ente Alfred vergessen, ein allseits integriertes Familienmitglied, das allerdings plötzlich Eier legte und nun Alfrieda heißt...

Das pure Landleben inmitten intakter Natur zwischen dem Hollener Mühlenbach und der Oste, scheint das Geheimnis von Ingrid Stellings Erfolg zu sein. Die Direktorin des Amtsgerichtes Cuxhaven und hat den Ruf einer Top-Richterin mit viel Feingefühl für Details. Das hätte auch ganz anders kommen können. Aufgewachsen ist sie in Hasenfleet in der gleichnamigen Molkerei, die viele Jahre von ihrem Vater geleitet wurde. Die unbeschwerte Kindheit auf dem Land nördlich von Oberndorf scheint wohl die Basis für eine Karriere zu sein, die ihresgleichen sucht.

Ingrid Stelling besuchte das Gymnasium Warstade und sollte nach dem Willen ihrer Lehrer Journalistin werden. Sie lacht: „Ich konnte gut reden und schreiben, doch damals war es schwierig, diese Laufbahn einzuschlagen.“ Also entschied sie sich für Jura. Es folgte die Studienzeit in Hamburg mit dem 1. und 2. Staatsexamen, natürlich mit Prädikat, denn der Staatsdienst bot schon damals beste Aussichten.

Die Referendarzeit in Stade hieß vor allem Eintauchen in die Praxis. „Ich hätte auch Anwältin am Jungfernstieg werden können, aber ich wollte unbedingt auf dem Land leben“, erzählt Ingrid Stelling. Als Richterin auf Probe absolvierte sie dann ihre Assessorenzeit beim Land- und Amtsgericht in Stade. In den höchsten Tönen lobt sie ihre damalige Ausbilderin Ilse Molsen. Die Richterin habe ihr den Beruf so richtig vermittelt und schmackhaft gemacht, gesteht sie.

Drei Jahre war sie in Stade auch Staatsanwältin, bis eine Richterstelle bei der Kammer für Wirtschaftsstrafsachen frei wurde. Anschließend ging es als Richterin am Landgericht bei der Strafkammer weiter mit einem der wohl spektakulärsten Fälle. Damals hatte ein Mann in einer Schule in Dorum seine Frau – eine Lehrerin – vor den Augen einer Klasse erschossen. „An solche Fälle erinnert man sich natürlich“, sagt Stelling nachdenklich.

Auf der Karriereleiter ging es für sie stetig weiter. Eine weitere Station war das Oberlandesgericht in Celle. Die dortige Zivilkammer ist ein „Muss“ unter den besten Juristen im Land. Aber Ingrid Stelling zog es zurück in die Börde, denn damals war ihre Tochter Katharina gerade drei Jahre alt. Bei befreundeten Nachbarn wurde für die Kleine eine Tagesfamilie gefunden und Stelling konnte eine Hilfsrichter-Stelle beim Amtsgericht in Bremervörde antreten. „Ich musste Familie und Beruf unter einen Hut bringen, denn ich liebe beide.“

Mit gerade mal 37 Jahren wurde sie schließlich Direktorin beim Amtsgericht Bremervörde. Eine Zeit, an die sich Ingrid Stelling gern erinnert. Natürlich war es wieder ein Fall, über den sie heute schmunzeln muss. Sie erzählt: Ein Kläger hatte seinen Papagei zur Verwahrung gegeben. Das Tier starb. Der Beklagte habe den Vogel nicht gut versorgt, so der Kläger. „Eine Schadensersatzforderung war ja schwer nachzuweisen – dachte ich, weil das Tier schon ein paar Wochen tot war.“ Doch es kam anders: Der Beklagte hatte den Papagei in einer Kühltruhe aufbewahrt und Ingrid Stelling leitete ein Sachverständigen-Gutachten ein. Die Experten der Tierärztlichen Hochschule Hannover stellten eine Leberverfettung fest, die nur entstehen konnte, weil das Tier über viele Jahre falsch gefüttert wurde. Fazit: Der Kläger hat das Tier zu Tode gefüttert und den Fall verloren. „So kann’s kommen“, verkneift sich Stelling ein Lachen.

Seit zehn Jahren steht die 55-Jährige nun dem Amtsgericht in Cuxhaven vor und nimmt dafür gern täglich mehr als 100 Kilometer Autofahrt in Kauf, eben einmal quer durch den Landkreis.

In Cuxhaven ist sie Chefin von 60 Mitarbeitern, davon sechs Richtern. „Ich mag gern organisieren“, schwärmt sie von ihrem Beruf, der auch Berufung ist. Sie liebt Verhandlungsführungen und sagt: „Nur das Urteileschreiben ist nicht so schön.“ Sie verhandelt Familiensachen und freut sich regelmäßig auf die Zivilgerichtsverfahren, sie bergen besondere Herausforderungen. Für sie braucht man nicht nur gute Menschenkenntnis, vielmehr noch eine geschickte Kommunikationstechnik in der mündlichen Verhandlungsführung. „Man muss die Fäden in der Hand haben“, sagt sie.

Auf die Frage, ob es schwierig ist, gerecht zu sein, kommt die prompte Antwort: „Einer verliert immer.“ Wichtiger sei es jedoch, dass sie selbst „Frieden mit dem gefällten Urteil findet“, so Stelling. Ob man als Richterin viel Selbstbewusstsein mitbringen muss? Ingrid Stelling lacht. „Besser ist das!“

Ansonsten sei es wichtig, sich immer einen kritischen Blick zu bewahren und die Blicke auf die eigene Arbeit zu öffnen. Dazu zählt der internationale Richteraustausch, der Ingrid Stelling unter anderem nach Polen und Rumänien führte.

Überhaupt ist die Familie Stelling reiselustig. Kalifornien, New York, Kanada, Gomera und viele andere Stationen rund um den Globus gehörten bereits dazu. Nun hat sich die Familie einen weiteren Traum erfüllt. Im mittelschwedischen Värmland – rund 1000 Kilometer von Hollen entfernt – kauften die Stellings ein kleines rotes Häuschen. Fernab der Paragrafen-Welt kann Ingrid Stelling nun beides genießen: Bullerbü in der Börde und in Schweden...

Von Frauke Heidtmann

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