Norbert Struve (r.) in der Holzwerkstatt, in der wenig Vorgefertigtes zu finden ist, sondern wo stattdessen auf eigene Ideen gesetzt wird. Den Gästen entging der Boxsack (im Hintergrund) nicht. Manchmal müssen überschüssige Kräfte freigesetzt werden ... Foto: Reese-Winne
Norbert Struve (r.) in der Holzwerkstatt, in der wenig Vorgefertigtes zu finden ist, sondern wo stattdessen auf eigene Ideen gesetzt wird. Den Gästen entging der Boxsack (im Hintergrund) nicht. Manchmal müssen überschüssige Kräfte freigesetzt werden ... Foto: Reese-Winne
Gesellschaft

Verblüffende Arbeit in der Cuxhavener Jugendwerkstatt

von Maren Reese-Winne | 13.06.2019

CUXHAVEN. Der Arbeitstag von Norbert Struve beginnt schon mal mit dem Weg zu einem jungen Menschen, der eigentlich in dem Moment schon bei der Arbeit in der Jugendwerkstatt sein sollte.

Was er zu hören bekommt, wenn er dort zu Hause klingelt? Zum Beispiel dies: "Sie sind der erste, der sich überhaupt für mich interessiert ..."

Auf diese und andere Schilderungen reagierten die Gäste, die sich kürzlich in den Jugendwerkstätten an der Papenstraße umsahen, tief beeindruckt - Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, die im Rahmen der "1000-Chancen-Tour" anreisten. Vor Gästen der IHK (Industrie- und Handelskammer), der Wirtschaftsjunioren und des Projektteams vor Ort stellte Klaus-Dieter Fortmeyer, Geschäftsführer des Paritätischen Cuxhaven, fest: "Man muss sich vielleicht ein bisschen mehr Mühe geben, aber die Mühe ist es wert."

Oft schafften es Jugendliche mit negativen Schul- und Alltagserfahrungen über das Bewerbungsschreiben nicht bis ins Vorstellungsgespräch. Dies solle durch persönliche Kontakte - etwa durch den Besuch in der Werkstatt und vor allem den "Tag des Azubi" im Herbst - überwunden werden. Positiv-Beispiele nach solchen Begegnungen gebe es regelmäßig, hieß es. Die Jugendliche hätten die Erfahrung, empfangen, begrüßt und wertgeschätzt zu werden, verdient.

Norbert Struve, Leiter der Werkstätten, erklärte, neben der praktischen Arbeit müsse vor allem Beziehungsarbeit mit den jungen Menschen geleistet werden - eine Herausforderung für die Anleiterinnen und Anleiter. Äußere Bedingungen und Arbeitsklima müssten stimmen, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten: "Wir brauchen Werkstätten, in denen es Spaß macht zu arbeiten!"

20 der unterstützten Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommen über das Jobcenter, drei erfüllen hier ihre Schulpflicht, zusätzlich gibt es über den Landkreis vier Plätze für junge Geflüchtete. "Im ersten Jahr hatten wir vier junge Männer von der Elfenbeinküste, die alle nur Französisch sprachen", erzählt Norbert Struve. Vertreten seien alle Schullevel von der Förderschule bis zum Abitur in Syrien.

Wer wo arbeitet und was produziert wird, hängt von den Aufträgen, aber auch den Gegebenheiten der jungen Menschen ab. Klar ist für Norbert Struve: "Was die Werkstatt verlässt, ist top. Für die Tonne zu produzieren, wäre das Schlimmste, was man mit den Jugendlichen machen könnte. Wenn Sie sehen, was die zustande bringen, kriegen Sie Lust, so jemandem eine Chance zu geben. Wer das schafft, ist kein Loser."

Zur Freude zurückfinden

In der Küche hängt ein selbst beschriebenes und bemaltes Schild: "Dank Herrn Lammerich macht die Arbeit wieder Spaß. Dankeschön dafür!" Vor ein paar Tagen hing es einfach da, zur Überraschung und Freude des "Küchenchefs", der mit seinen Leuten täglich das Schulfrühstück für die Ritzebütteler Schule und das Schulobst für die Grodener Schule vorbereitet. Außerdem sorgt das Team (Frauen wie Männer) für die Mahlzeiten im Hause. Die Holzwerkstatt erledigt Tischlerarbeiten im Zuge gemeinnütziger Aufträge. "Wir holen hier nicht einfach Standardteile aus dem Baumarkt", erklärt Struve.

Einmal im Jahr wird eine Bastelaktion für Kinder in Zusammenarbeit mit der Stadtsparkasse Cuxhaven organisiert; zuletzt wurden etwa gemeinsam Fledermauskästen gebaut.

Mal Frust ablassen

Nur ein Boxsack mitten zwischen den Utensilien deutet darauf hin, dass der Tag hier manchmal etwas anders verläuft als in jeder anderen Werkstatt. Denn manchmal stehen einfach die anderen Probleme im Vordergrund, die gelöst werden wollen.

"Wir wollen mit den Jugendlichen in Kontakt bleiben, Erfolgserlebnisse vermitteln und Selbstvertrauen entwickeln", so Norbert Struve. Schafften es die jungen Leute, mindestens vier Wochen kontinuierlich mitzumachen, könne der Blick in Richtung Praktikum gehen. Am Ende stehe als Ziel die Fähigkeit, erfolgreich ins Berufsleben zu starten: "Wir wollen die Jugendlichen nicht in eine Sackgasse schicken."

Jugendwerkstatt

Der Paritätische Cuxhaven unterhält in Cuxhaven Jugendwerkstätten mit den Schwerpunkten Holz und gesunde Ernährung (Papenstraße) sowie im Gewerbepark Europakai in Groden (einstiges Minendepot) einen sozialen Möbelhof.

Finanziert wird die Arbeit aus Mitteln des Jobcenters und des Europäischen Sozialfonds (ESF). Durch den Brexit ist aktuell ein Rückgang der Mittel zu befürchten.

Die Dauer des Besuchs ist flexibel; die erste Zuweisung des Jobcenters ist auf ein halbes Jahr angelegt.

In Hemmoor gibt es einen weiteren Standort mit den Bereichen Ernährung, Ökologie und Energie.

"1000 Chancen"

Seit 2012 arbeiten die Wirtschaftsjunioren Deutschland bei "Jugend stärken: 1000 Chancen" mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zusammen.

Junge Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Führungskräfte der Wirtschaftsjunioren engagieren sich mit Einrichtungen der Jugendsozialarbeit für junge Frauen und Männer, die es schwer haben, ihren Weg ins Berufsleben zu finden und dabei durch sozialpädagogische Begleitung gestärkt werden.

Lokale Projekte sollen Wirtschaft und Jugendliche/junge Erwachsene zusammenzubringen - in Cuxhaven im Herbst wieder mit dem "Tag des Azubi", einem Schnuppertag, für den sich die Betriebe den Jugendlichen mit Startschwierigkeiten öffnen.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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