Vom Hadler Bauernlümmel zur internationalen Kapazität
Gebürtiger Osterbrucher Prof. Dr.-Ing. Klaus Steffens ist anerkannter Experte für BausubstanzerhaltungOsterbruch. An seine Mittelschulzeit in Otterndorf denkt Professor Dr. Klaus Steffens (69) nur mit Grausen: Autoritäre Lehrer mit pädagogischen Mängeln, blaue Briefe, die seinen Eltern Hans und Annamaria jedes Jahr auf den Hof in Osterbruch ins Haus flatterten und der Mutter Tränen in die Augen trieben. Und trotz des Fehlstarts hat es der Bauernlümmel bis zum Professor geschafft, wie der agile Hadler mit blitzenden Augen und selbstbewusstem Stolz erzählt.
Dass aus dem Dorfjungen mit den miesen Schulnoten etwas geworden ist - und sogar eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Bausicherheit - daran hat sein Mathelehrer maßgeblichen Anteil. Dr. Kränkel erkannte und förderte seinerzeit das Potenzial des Osterbruchers. Als ich plötzlich eine Zwei in Mathe hatte, war das für mich wie eine Initialzündung, wie ein Raketenstart.
Initialzündung
Tatsächlich katapultierte Prof. Dr. Klaus Steffens an die Spitze des Deutschen Ingenieurwesens. Er ist eine Koryphäe für statische Bausicherheit. Ob tausend Jahre altes Gemäuer des Weltkulturerbes Michaeliskirche in Hildesheim, oder in Berlin das Reichstagsgebäude und das Neue Museum - geht es um die Überprüfung und
Bewertung der Tragsicherheit - ist Professor Steffens der richtige Mann. Einer, der auch mit fast 70 Jahren immer noch glüht, wenn es um seine Profession geht. Jemand, der nicht im Wolkenkuckucksheim in höheren Sphären schwebt, sondern fest auf dem Boden geblieben ist. Dazu gehört auch, dass er sich auf norddeutschen Baustellen selbstverständlich auf Platt mit den Arbeitern verständigt.
Tüfteln, Experimentieren, Herausfinden - das sind seine Elixiere. Das Interesse dafür weckten die größeren Brüder damals in der kargen Nachkriegszeit. Aus Stöcken oder Alteisen bauten sich die Steffens-Brüder ihr Spielzeug, die Märklin-Eisenbahn und der Baukasten - stabile Vorkriegsware - waren kostbare Schätze, mit denen sie das Basteln perfektionieren konnten. Rechnen heißt hoffen, Testen heißt wissen, so seine Arbeitsdevise. Nach dem Abschluss an der Johann-
Heinrich-Voß Schule - Gesamtnote ausreichend, also gerade mal eine Vier - begann Klaus Steffens 1955 die dreieinhalb Jahre dauernde Zimmererlehrer bei der renommierten Hechthausener Baufirma Hahn. In lebhafter Erinnerung sind ihm die Arbeiten an den beiden Schleusen in Otterndorf sowie an der Kanalbrücke. An den Lehrabschluss hat er beste Erinnerungen, denn erstmals erhielt der Osterbrucher die Note sehr gut und damit die offizielle Bestätigung: Ich kann das. Der Grundstein für die Bilderbuchkarriere war gelegt. Es schloss sich das Studium an der Ingenieurschule Buxtehude an, das er mit Auszeichnung absolvierte. Nach Ablegen der damals noch notwendigen Hochschulsonderreifeprüfung und Mitarbeit als Bauingenieur in einem Statikbüro in Stade studierte er von 1962 bis 1968 Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Hannover mit der Benotung sehr gut. Die universitäre Laufbahn war damit programmiert: Von 1968 bis 1974 war er wissenschaftlicher Assistent an der TU Hannover und promovierte mit der Traumnote sehr gut zum Dr.-Ing.
Ausnahme-Ingenieur
Gleich drei Universitäten rissen sich um den Ausnahme-Ingenieur. Steffens entschied sich für die Hochschule Bremen und wurde 1974 als Professor für den Fachbereich Architektur und Bauingenieurswesen berufen, dem er später auch als Dekan vorstand. 1977 gründete er an der Hochschule das Institut für Experimentelle Statik, das er bis zu seiner Emeritierung 2001 führte. Professor Steffens initiierte 13 kooperative Forschungsvorhaben und warb dafür rund 7,7 Millionen Euro Gelder ein, veröffentlichte über 120 Publikationen und hielt über 100 Fachvorträge. Sein wissenschaftliches Engagement wurde mit der Jakob-Leupold-Medaille der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig sowie mit der Ehrenmedaille der Universität Dresden für sein Lebenswerk geadelt.
Steffens, der seit 1977 neben seiner Professur auch immer freiberuflich als Statik-Experte agierte, machte sich mit Belastungsversuchen an zahlreichen Gebäuden und Brücken einen Namen. Wie viel Tonnen Last beispielsweise eine Autobahnbrücke tatsächlich aushält, kann er Dank des von ihm konstruierten Hightech-Kolosses BELFA-DB - das steht für Belastungsfahrzeug Bahn - herausfinden. Das 30-Meter-Fahrzeug hat zwölf Achsen und ein Eigengewicht von 90 Tonnen, durch Zuladung von Stahl kann das Prüffahrzeug auf 250 Tonnen erschwert werden, die Testlast wird durch Hydraulikpressen langsam gesteigert und anhand von computergestützten Sensoren wird die Brückenstatik überprüft. Wo sich vormals ausschließlich das Belastungsvermögen auf Berechnungen stützte, sorgt BELFA für eine praktische Überprüfung. Auch auf Straßenbrücken kommt ein von Steffens entwickeltes Belastungsfahrzeug zum Einsatz.
Zu jung für Ruhestand
Weil er sich mit der Verabschiednung von der Uni noch viel zu fit für den Ruhestand fühlte, gründete er 2001 die PSI (Prof. Dr.-Ing. Steffens Ingenieursgesellschaft mbH mit Sitz in seinem Wohnort Achim sowie Bremen. Sein Sohn, gelernter Banker, hat den wirtschaftlichen Bereich des Unternehmens unter den Fittichen, sodass sich Professor Steffens voll und ganz auf sein Metier konzentrieren kann. Für seine zahlreichen bundesweiten Projekte stellt Steffens sich, je nach Anforderung des Bauwerks, seine Expertenteams zusammen - und kooperiert dabei immer noch mit der Bremer Hochschule, in deren Besitz sich auch das von ihm erfundene BELFA befindet.
Handfester Pragmatismus
Ob Reichstagsgebäude in Berlin, ein kolumbianischer Bambus-Pavillion für die EXPO Hannover, das Bremer Rathaus oder die Auebrücke Bülkau - geht es um knifflige Bausicherheitsfragen, ist Steffens mit seinem handfest-pragmatischen Erfahrungsschatz gepaart mit wissenschaftlich fundierter Erkenntnis eine der ersten Adressen.
Höchst wirtschaftlich und ressourcenschonend sei seine Arbeit, ist er sich sicher: Denn ein Abriss und Neubau kostet nicht nur Umwelt, sondern etwa zehn Mal so viel wie eine unserer Untersuchungen. Bis heute hat Professor Steffens über 300 experimentelle Tragsicherheitsbewertungen an den unterschiedlichsten Bauwerken vorgenommen und wird auch mit nahezu 70 seiner Arbeit nicht müde.
Allerdings nimmt er sich jetzt Zeit, gemeinsam mit seiner Frau drei Monate im Jahr auf Reisen zu gehen. Dass der plietsche Professor dabei die Hände in den Schoß legt, daran ist nicht zu denken. Zu seinen Hobbys gehören Wandern und Segeln&
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